Zum Hauptinhalt springen

Schlank mit Skalpell

Pro Jahr lassen sich schweizweit rund 500 Menschen den Magen verkleinern, um ihr Übergewicht zu bekämpfen. Kein leichter Weg.

Magenbypass oder Schlauchmagen: Welche der Operationsmethode die Beste ist, entscheiden Patient und Arzt gemeinsam.
Magenbypass oder Schlauchmagen: Welche der Operationsmethode die Beste ist, entscheiden Patient und Arzt gemeinsam.
zvg

Sie sei schon als Kind pummelig gewesen, sagt Praxedis Lämmle Nallaseth. Als Erwachsene war sie dann regelrecht dick – allerdings nicht immer: «Ich war eine menschliche Handorgel: Bei Diäten nahm ich ab, um danach wieder zuzunehmen.» Als letzte Lösung rang sie sich 2014, mit 59 Jahren zu einem Magenbypass durch.

Dabei wird der Magen auf eine 30 bis 40 Milliliter fassende Tasche reduziert, der Zwölffingerdarm umgangen und der Dünndarm verkürzt. Nahrung wird deshalb nicht mehr vollständig oder anders verdaut.

Weil man gleichzeitig weniger hungrig und länger satt ist, wird man dünner. «Die meisten Patienten verlieren 20 bis 30 Prozent ihres Körpergewichts», sagt Professor Marco Bueter, der Leiter des bariatrischen (also chirurgisch Übergewicht bekämpfenden) Programms des Universitätspitals Zürich. «Das ist übrigens bei der Alternative, dem Schlauchmagen, etwa genauso. Wir entscheiden gemeinsam mit dem Patienten, welche Operationsmethode für ihn die Beste ist.»

«Man kann danach nicht weiter einen Coupe Dänemark essen. Das geht einfach nicht mehr.»

Praxedis Lämmle Nallaseth, Betroffene und Buchautorin aus Madetswil im Kanton Zürich

Beim Schlauchmagen wird das Magenvolumen auf drei- bis vierhundert Milliliter verkleinert. Der Darm bleibt unverändert, was wichtig sein kann, wenn der Patient wegen anderer Erkrankungen Medikamente einnehmen muss.

Nicht von allein

Die Chirurgen schaffen nur die Voraussetzungen zum Abnehmen, der Patient ist verantwortlich für den Erfolg. «Ich bin wie ein nichtrauchender Raucher», meint Praxedis Lämmle Nallaseth. Heute esse sie wenig, aber mit mehr Genuss. Die Lebensmittel hätten eine andere Wertigkeit.

«Mir reicht inzwischen als Süssigkeit tatsächlich ein Truffe – ich habe gar nicht mehr das Verlangen, mehr zu essen.» Das sei auch eine Folge des Gewichtsverlusts. «Wenn ich früher keine Kleider fand, die mir passten, habe ich aus Frust eine Tafel Schoggi gegessen. Das Problem ist weg – und damit auch ein Motiv, sich über Süsses zu belohnen.»

Es fühle sich an, als sei mit dem Teil des Magens auch der Heisshunger herausoperiert worden. Ein Magenbypass verändert das Leben. «Man kann danach nicht weiter einen Coupe Dänemark essen. Das geht einfach nicht mehr.» Das Glückgefühl, das gutes Essen auslöst, muss abgelöst werden vom Glücksgefühl, 10, 15 oder 20 Kilo abzunehmen. «Die Operation ist geeignet für Menschen, die gewillt sind, sich über ein halbes Schnitzel zu freuen. Von All-inclusiv-Gedanken oder Fondue à discrétion muss man sich verabschieden.»

Risiken und Nebenwirkungen

Rein medizinisch ist die Operation auch kein Zuckerschlecken, wie Professor Bueter erklärt. In ein bis zwei Prozent der Fälle könne es zu Leckagen kommen. Diese undichten Nähte am Magen oder Dünndarm müssten sofort operiert werden. Die Sterbewahrscheinlichkeit sei mit 0,1 Prozent jedoch sehr gering.

«Es ist eine sehr sichere OP», sagt er. Nebenwirkungen gibt es trotzdem: «Ohne Magen fehlt die Vorverdauung in der Magensäure. Faserreiche Kost wie Brot oder Fleisch kann sich zu einem Kloss zusammenballen, der einfach nicht weiter rutscht. Das ist sehr schmerzhaft. Nur das Hochwürgen hilft.»

Eine weitere unangenehme Begleiterscheinung ist das Dumping-Syndrom: Kurzkettige Kohlehydrate – also Süssigkeiten – werden im Dünndarm zu schnell aufgenommen. Der Körper produziert zur Verarbeitung viel Insulin. Ein bis zwei Stunden später ist man dann unterzuckert. Der Herzschlag rast, die Hände schwitzen. Wer sich jetzt auf die nächste Schokolade stürzt, löst einen Teufelskreis aus.

«Die meisten Patienten verlieren 20 bis 30 Prozent ihres Körpergewichts.»

Professor Marco Bueter, der Leiter des bariatrischen Programms des Universitätspitals Zürich

Praxedis Lämmle Nallaseth litt unter direkten Folgen der OP. Eine zu enge Verbindung zwischen Darm und Magentasche verursachte erhebliche Schluckbeschwerden. Phasenweise lebte sie von Salzbrezeln und Bouillon, weil sie bei allem anderen zu würden begann.

Drei Mal musste ein Gastroenterologe die Verengung aufdehnen. Gegen die Mangelerscheinungen, die sich bei der damals 59-Jährigen unter anderem in Müdigkeit und Haarausfall äusserten, nimmt man Multivitamin-Tabletten, Kalzium, Vitamin B12 Spritzen und Vitamin D-Tropfen.

Vitaminmangel ist nach einem Magenbypass programmiert – dem Körper fehlt schliesslich ein Teil des Verdauungssystems. «Aus diesem Grund wirkt auch Alkohol viel stärker als bei Menschen mit einem voll funktionsfähigen Magen», sagt Professor Bueter. «Die Anti-Baby-Pille könnte dagegen weniger wirken, weil sie möglicherweise nicht mehr optimal aufgenommen wird.»

Lohn der Mühe

«All diese Nachteile sind marginal», sagt Praxedis Lämmle Nallaseth, «vor allem, wenn man die gesundheitlichen Vorteile sieht: Mein Blutdruck ist nicht mehr zu hoch. Meine Gelenkschmerzen sind weg. Ich kann ohne Atemnot Treppensteigen.»

Schon eine Woche nach der Operation verlässt man normalerweise das Spital, einen Monat danach kann man den Alltag wieder normal bewältigen. Die ersten 24 Stunden allerdings verbringt man auf der Intensiv-Station. «Als ich dort aufwachte, war ich heftig verunsichert. ‚Ich habe mich verstümmeln lassen’, dachte ich. Was mache ich nur, wenn das nicht gut verheilt?»

Aber es hat funktioniert. Nach einer Woche hatte die Patientin fünf Kilogramm abgenommen, nach 52 Wochen 43 Kilogramm. Doch die Operierten nehmen nur ab, solange sie wenig essen. Wer über die Stränge schlägt, nimmt wieder zu: «Ich war gerade in den Ferien in einem Hotel mit feiner Küche», erzählt Lämmle. «Natürlich habe ich dort gut gegessen – in meinen üblichen kleinen Portionen. Das gab dann ein Kilo mehr auf der Waage. Aber das ist nach ein paar Tagen Diät wieder verschwunden.»

Kosten und Folgekosten

Da der Magenbypass erwiesenermassen langfristig gegen Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Atherosklerose, Gelenkprobleme, Fettstoffwechselstörungen und Typ II-Diabetes hilft, wird er seit 2011 von den Krankenkassen bezahlt. Er amortisiert sich schnell.

«Die Nachteile sind marginal, wenn man die gesundheitlichen Vorteile sieh. »

Praxedis Lämmle Nallaseth

Die Voraussetzungen sind: Der Body Mass Index (BMI) des des Patienten muss mehr als 35 betragen. (Der BMI zeigt das Verhältnis des Gewichts einer Person zur Körpergrösse an.) Der Patient muss mindestens zwei Jahre vergeblich versucht haben, konventionell abzunehmen und sich einem Zentrum anvertrauen, das von den Kassen anerkannt ist. Dort muss er mindestens fünf Jahre lang zur Nachsorge. Suchtkranke Patienten oder Menschen mit Psychosen werden nicht operiert.

Je nach Alter und Umfang der Patienten kann es sinnvoll sein, sich nach dem Magenbypass von einem plastischen Chirurgen überschüssige Haut entfernen zu lassen, sobald das Gewicht mindestens ein Jahr stabil ist.

Die tiefen Falten, die durch die Abnahme entstehen, sind mitunter Entzündungsherde und anfällig für Pilzerkrankungen. Andererseits ist der Eingriff wegen der grossen Wundflächen nicht zu unterschätzen. Ausserdem wird dieses Bodylifting oder Bodycontouring nur selten von den Kassen übernommen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch