Zum Hauptinhalt springen

Portugal, fernab vom Meer

Wer Stille und Abgeschiedenheit sucht, wird im Landesinnern von Portugal fündig. Im Nordosten locken Felszeichnungen aus der Altsteinzeit.

Eduardo Lello ist an den Rummel gewöhnt. Die Treppe in der Buchhandlung Lello in Porto inspirierte 'Harry Potter'-Autorin Joanne K. Rowling.
Eduardo Lello ist an den Rummel gewöhnt. Die Treppe in der Buchhandlung Lello in Porto inspirierte 'Harry Potter'-Autorin Joanne K. Rowling.
Helmut Dworschak
Karge, weitgehend unberührte Landschaft:?Blick auf einen Zufluss des Douro im Nordosten Portugals.
Karge, weitgehend unberührte Landschaft:?Blick auf einen Zufluss des Douro im Nordosten Portugals.
Helmut Dworschak
Kreuzgang im Kloster Tomar.
Kreuzgang im Kloster Tomar.
Helmut Dworschak
1 / 6

Als Erstes steuert unsere Gruppe an diesem Septembermorgen in Porto die Buchhandlung Lello an, einen der bestfrequentierten Buchläden der Welt. «Harry Potter»-Autorin Joanne K. Rowling holte sich hier die Inspiration für die Bibliothek in Hogwarts. Lange ist die Warteschlange der Touristen vor dem 1906 errichteten Gebäude; sie müssen heute noch mehr Geduld haben, weil gerade ein polnisches Fernsehteam Aufnahmen macht. Danach wird der zweistöckige Laden regelrecht von Besuchern überflutet; Hauptattraktion ist die kunstvolle Treppe in der Mitte. Rund 3400 Besucher kommen pro Tag, erklärt der 24-jährige Eduardo Lello, der mit seiner Ruhe ein Fels in der Brandung ist. Das Ganze erinnert an eine prunkhafte Königsfregatte, dreissig Prozent des mit Schnitzereien reich dekorierten Innenraums bestehen aus brasilianischem Holz. Damit sei er seit Kindertagen vertraut, meint Lello bescheiden. Für die knapp dreissig Angestellten bedeute jeder Tag eine Herausforderung; am geringsten sei der Besucherandrang in den Monaten Oktober bis Dezember (Eintrittsticket für wählbaren Zeitpunkt à 5,50 Euro).Zwei Journalistinnen und zwei Journalisten aus der Deutschschweiz werden im September 2016 begleitet von einer portugiesisch-deutschen Reiseführerin und einem portugiesischen Chauffeur. Die Pressereise war mit dem Stichwort «Natur und Kultur» beworben worden: Nicht Lissabon und nicht die Atlantikküste stehen auf dem Programm, sondern das Landesinnere, das aus Sicht der Tourismusindustrie noch Entwicklungspotenzial hat: alte Mauern, Kathedralen, Bibliotheken und weite Landschaften, durchschnitten von halb leeren, weil teuren Autobahnen.

Die Stille in Castelo Rodrigo

Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt mit dem Kleinbus entlang des Douro ostwärts nach Castelo Rodrigo («Rodrigu» ausgesprochen), das bereits in der Nähe zur spanischen Grenze liegt. Das Tal des Flusses Douro («Doru» ausgesprochen) zählt sicher zu den reizvollsten Gegenden Portugals. Lange wechseln sich Olivenbäume ab mit Mandelbäumen und Weinbergen; diese werden ihrerseits plötzlich von Fichten abgelöst. Die Böden sind jetzt mit Gesteinsbrocken durchsetzt. Das mittelalterliche Dorf Castelo Rodrigo liegt auf einem Hügel und wird heute von vierzig bis fünfzig Personen bewohnt. Was hier zuerst auffällt, ist die Stille. Von der Terrasse der Casa da Cisterna verliert sich der Blick in der Ferne. Der Name der Herberge verweist auf den alten Brunnen, der zum Swimmingpool umfunktioniert wurde; eine Woche vor unserer Ankunft war es noch 40 Grad heiss. Die insgesamt 12 Zimmer sind einfach und sehr stilvoll eingerichtet, die Preise für zwei Personen reichen von 65 bis 140 Euro pro Nacht. Die Tarte mit Fisch und Oliven, die man uns serviert, ist eine Kreation der Chefin, zum Dessert gibt es Mandelkuchen.

Die Chefin: Das ist die Biologin Ana Berliner, die sich, aus Lissabon kommend, vor 12 Jahren hier eine neue Existenz aufgebaut hat. Eseltouren und Vogelbeobachtungen sind in ihrem Angebot; wirklich einzigartig aber sind ihre Führungen zu den altsteinzeitlichen Felszeichnungen von Foz Côa, deren Alter auf über 25 Tausend Jahre geschätzt werden. Ende der 80er-Jahre entdeckt, wurden sie inzwischen ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Weil es dort, am Ufer des Flusses Côa, bis zu 50 Grad heiss werden kann, vor allem aber weil man die Konturen dann am besten sieht, wenn man mit der Taschenlampe darauf zeigt, finden die Führungen zu den eingeritzten Tierbildern nachts statt. Schon die halsbrecherische Fahrt – am Steuer jetzt mit traumwandlerischer Sicherheit Ana Berliner – über einen holprigen Weg hinunter ans Flussufer ist ein Abenteuer, das man nicht vergisst. Der Reiz mancher Zeichnungen besteht, abgesehen vom Alter, darin, dass sie nicht so eindeutig zu entziffern und doch klar absichtsvoll sind. Wenn man sich an ihnen sattgesehen hat, empfiehlt sich ein Blick hinauf zu den Sternbildern am Nachthimmel. Die Führungen werden vom zugehörigen Museum organisiert, das drei Kilometer von Vila Nova de Foz Côa entfernt liegt.

Wandert man tagsüber durch das gepflegte Dorf, fühlt man sich wie aus der Zeit gefallen. Nichts erinnert an Tourismus. Nur auf dem Hügel oben, zwischen den Überresten des Kastells, finden manchmal Konzerte, Feste und Modeschauen statt. Sichtlich im Wachstum befindet sich hingegen das tiefer gelegene Figueira de Castelo de Rodrigo mit seinen vielen neuen Häusern. Es ist ein geisterhafter Ort, denn die Neubauten gehören Leuten, die meist nicht hier sind: Sie arbeiten in Deutschland oder der Schweiz, erklärt Paulo Mucha, unser freundlicher Fahrer.

Zeit der Weltherrschaft

Mucha unterhält uns mit einem unversiegbaren Informationsfluss, wenn er nicht gerade am Telefonieren ist. Er hat überhaupt tausend Daten und Namen im Kopf, für die wir Journalisten stets Wikipedia um Rat fragen würden, falls wir sie überhaupt wissen wollen. Mucha begann mit zwanzig Taxi zu fahren, und als zehn Jahre darauf die Wirtschaft in ihre lang andauernde Krise trieb, machte er eine Ausbildung zum Touristenführer. Seit 1996 hat er in Porto eine eigene Transport- und Tourismusagentur.

Die Kathedrale von Tomar ist ein prächtiges Monument, mit dem man in die Zeit eintauchen kann, als Portugal im Widerstreit mit Spanien Anspruch auf die Weltherrschaft erhob. Das burgähnliche, vom Templerorden gegründete Kloster war seit dem 14. Jahrhundert das Hauptquartier des mächtigen und zur Zeit der Eroberungen in Afrika und Indien sehr einflussreichen Ordens der Christusritter. Überraschend: Ein Fenster der Kreuzritterkirche ist aussen zu einem monumentalen Portal gestaltet, in dem Säulen und Taue dominieren – eine Symbiose aus weltlichen und religiösen Herrschaftssymbole.

Die Folgen eines Feldzugs anderer Art sind auf dem Weg von Coimbra nach Tomar zu beobachten: Die aus Australien eingeführten Eukalyptusbäume liefern zwar gutes Papier, verdrängen jedoch seit fünfzig Jahren mehr und mehr einheimische Mandel- und Kirschbäume und Buscharten. Die Folge ist ein ödes Einerlei; ausserdem trocknen sie die Erde aus und begünstigen Waldbrände.

Paradies auf Öko-Basis

Einem dieser verheerenden Brände wäre bereits im letzten Jahr fast ein paradiesischer Ort zum Opfer gefallen: die Siedlung Villa Pedra von Manuel Casal in Pombalinho Soure, drei viertel Stunden südwestlich von Coimbra. Dieses Jahr befanden sich die Brände zum Glück über dreissig Kilometer entfernt. Der Gründer einer Luxus-Mode-Boutique in Lissabon hat verlassene Kalksteinhäuser wieder instand gesetzt und betreibt sie als Pension – sie basiert ebenso auf ökologischer Basis und verwendet Produkte aus der Region wie die ausgezeichnete Küche im zugehörigen Restaurant. Die Häuser verfügen über eigene Gärten, am Morgen hört man den Pfau rufen. Hier sollen, wie Casal andeutet, bereits Hollywood-Grössen Ferien gemacht haben. Die Preise sind mit 120 (für 2 Personen) und 220 Euro (4 Personen) pro Haus und Nacht bescheiden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch