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Pilze, die den Dünger ersetzen

Hobbygärtnern steht ein neues Hilfsmittel zur Verfügung: Mit Pilzsporen durchsetzte Tonkügelchen sollen im Beet für gesunde und genügsame Pflanzen sorgen.

An den Wurzeln der Maispflanze ist schon weisses Pilz-Myzel zu sehen...
An den Wurzeln der Maispflanze ist schon weisses Pilz-Myzel zu sehen...
Inka Grabowsky
... im Pflanzengranulat sind die Pilzsporen für das Auge  jedoch noch unsichtbar.
... im Pflanzengranulat sind die Pilzsporen für das Auge jedoch noch unsichtbar.
Inka Grabowsky
Düngepilze versorgen Pflanzen mit Nährstoffen: Links Verbene (Eisenkraut) gewachsen mit Düngepilz, rechts ohne.
Düngepilze versorgen Pflanzen mit Nährstoffen: Links Verbene (Eisenkraut) gewachsen mit Düngepilz, rechts ohne.
zvg
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Es ist nicht weiter ungewöhnlich, dass ein Gärtner Pflanzen züchtet. Was Beat Suter im thurgauischen Altnau allerdings anbaut, ist relativ selten. Er vermehrt in einem abgeschlossenen Raum Mykorrhiza-Pilze. Zu dem Zweck hat er sich geimpftes Pflanzsubstrat gekauft, junge Mais- und Tagetes-Pflanzen hineingesetzt und wartet nun ab.

Wenn er in richtigem Masse giesst, nicht zu viel düngt und somit die Pflanzen genau der richtigen Menge Stress aussetzt, kann er bald ernten – nicht nur Maiskolben oder blühende Studentenblumen, sondern vor allem mit neuen Pilzsporen versetztes Pflanzgranulat.Mykorrhiza bedeutet, dass Pilz und Pflanze zum gegenseitigen Vorteil zusammenleben.

Sporen wachsen in die Wurzeln

Die von Beat Suter verwendeten Pilze gehören zur «Endomykorrhiza»: Ihre Sporen wachsen beim Keimen in die Wurzeln der Pflanzen hinein. Dort profitieren sie von Kohlehydraten, die die Pflanze über die Photosynthese erzeugt.

«Als ich mit dem Projekt anfing, habe ich selbst gezweifelt.»

Beat Suter, Gärtnermeister

Im Gegenzug versorgen die Pilze die Pflanze mit zusätzlichem Wasser und mit Nährstoffen wie Phosphat, Nitrat oder Ammonium, die in engen Bodenporen lagern und nur für die feinen Pilzfäden erreichbar sind. Die Wurzeln der Pflanzen sind zu gross. Funktioniert die Symbiose von Pflanze und Pilz, bilden sich neue Sporen, die in der Umgebung der Wurzel auf ein neues Zuhause warten.

Zu Beginn selber gezweifelt

«Als ich mit dem Projekt anfing, habe ich selbst gezweifelt», so der Gärtnermeister. «Also habe ich 50 Blumentöpfe mit Sommerflor bepflanzt, sie identisch bewässert und am gleichen Standort aufgestellt. Einige düngte ich konventionell, einige bekamen wenig Dünger und Mykorrhiza Sporen, einige nur Mykorrhiza und keinen Dünger.

Zugegeben, die gedüngten Blumen waren prächtig, aber die Pflanzen, die wenig Dünger und Pilze bekommen hatten, waren im Herbst viel länger vital. Ihre Wurzelballen waren rund zwanzig Prozent grösser.» Seitdem steht auch der Ficus benjamina der Familie im sporenversetzen Blähton und hat kaum noch einmal ein gelbes Blatt bekommen.

Grenzen und Risiken

Zwei Liter geimpftes Pflanzgranulat – ausreichend um bis zu 80 Liter Blumenerde aufzuwerten - kosten bei Suter-Gartenbau 27.50 Franken. Ein stolzer Preis für ein paar Tonkügelchen. Die versprochenen 200.000 Pilzsporen sieht man ja nicht. Dementsprechend basiert das Geschäftsmodell auf Vertrauen.

«Im Augenblick hat sich der Markt noch nicht sortiert», sagt Marcel van der Heijden vom Schweizer Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung Agroscope. «Wir haben kürzlich Mykorrhiza-Präparate von sieben Produzenten untersucht und fanden dabei in drei der Proben überhaupt keine Sporen. Die anderen Präparate waren gut bis sehr gut, sie enthielten also viele Sporen.»

Die Pilze mögen keinen Mineraldünger

Wenn man sie verwendet, kann man mit Mykorrhiza gute Ergebnisse erzielen. 15 Prozent mehr Ertrag dürften Landwirte erwarten, bei einigen Pflanzenarten sogar mehr, meint der Biologe. Gleichzeitig muss man den Pflanzen weniger Nährstoffe über die Düngung zuführen, und sie sind weniger anfällig gegen Stress.

Steht ihnen ohnehin viel Nahrung zur Verfügung, gibt es keinen Effekt. «Die Pilze mögen keinen Mineraldünger», so Professor van der Heijden. «Sie entwickeln sich dann schlecht oder gar nicht. Ein überdüngter Boden ist deshalb nicht gesund.» Dementsprechend empfiehlt der Wissenschaftler auch dem Hobbygärtner keine Mischpräparate von mineralischem Dünger und Pilzsporen – auch wenn sie bequem einsetzbar sind.

«Es gibt Pflanzen, denen ist der Pilz vollkommen egal. Zuckerrüben und Spinat beispielsweise gehen einfach keine Symbiose ein. Aber immerhin schaden die Sporen in dem Fall auch nicht.» Gras ist eigentlich auch nicht auf die Nährstoffaufbereitung durch Pilze angewiesen. Trotzdem wird Mykorrhiza auf Golfplätzen eingesetzt. Studien zeigen, dass die Pflanzen das häufige Mähen dann besser ertragen. Ausserdem sind sie resistenter bei Trockenheit.

Auf die Sprünge geholfen

Kommerzielle Blumenerde ist sterilisiert, sie enthält keine nützlichen Bodenpilze. In Schweizer Erde sind Pilze dagegen von Natur aus zuhause – allerdings nicht überall und nicht immer die gleichen nützlichen Sorten.

Legt man in einem Neubaugebiet einen Garten an – womöglich mit dem Aushub aus der nächsten Baugrube, kann es sinnvoll sein, ihm Mykorrhiza-Pilze einzuimpfen. «Eine gute Bodenstruktur bekäme man auch durch das Anlegen eine Gras-Klee-Wiese», meint der Wissenschaftler. «Allerdings braucht das zwei Jahre Zeit.»

Ungeklärt ist noch, wie lange der Effekt des Impfens anhält. Die Forscher wollen demnächst überprüfen, wie viele und welche Pilzsporen sich noch in den Testflächen finden, die sie vor Jahren angelegt haben. «Wir wissen, dass einige Bodenpilze mit Störungen, wie sie beim Pflügen entstehen, Probleme haben. Andere haben genau diese Nische für sich erobert. Das sind diejenigen, die für den Einsatz in der Landwirtschaft besonders geeignet sind.»

Für eine gesunde Umwelt.

Wer im Garten oder Blumenkübel auf Mykorrhiza setzt, spart Mineraldünger. Fungizide verbieten sich dann von selbst – sie würden schliesslich nicht nur pflanzenschädigende Pilze töten, sondern auch den kostbaren Bodenpilzen schaden. Ökologisch korrekt sind die Düngerpilze auf jeden Fall. «Es ist ideal für die Nachhaltigkeit, das Bodenleben und Nützlinge zu fördern», sagt jedenfalls Marcel van der Heijden.

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