MEDIZIN

Krank vor Angst, krank zu sein

Menschen, die in ständiger Angst vor einer schlimmen Krankheit leben, haben einen langen ­Leidensweg. Dabei gäbe es eine wirksame Therapie.

Bedrückender Gedankensturm – Menschen mit Krankheitsangst sind fest davon überzeugt, schwer krank zu sein.

Bedrückender Gedankensturm – Menschen mit Krankheitsangst sind fest davon überzeugt, schwer krank zu sein. Bild: iStock, Montage scitec

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«Da ist nichts», sagt der Arzt zu Anna Sommer (Name von der Redaktion geändert). Die Untersuchungsergebnisse liegen vor ihr auf dem Tisch. Das Elektrokardiogramm ihres Herzens: unauffällig. Das Röntgenbild ihrer Lunge: normal. «Frau Sommer, Sie sind kerngesund.» Auf einen Schlag sind ihre Schmerzen beim Atmen verschwunden, und ihr Puls beruhigt sich.

Noch vor zwei Stunden war sie sich ganz sicher, schwer krank zu sein. Während der Arbeit im Büro an diesem Morgen ging es ihr immer schlechter. Sie bekam taube ­Hände, Schmerzen in der Brust, Mühe mit dem Atmen. Ihre Gedanken rasten: Garantiert ist das eine schwere Lungenentzündung. Oder ein Lungentumor im Endstadium.Das war vor fünf Jahren. Seither folgten viele weitere Besuche bei verschiedenen Hausärzten und Spezialisten.

Es wiederholt sich immer dasselbe Muster: Anna Sommer betritt die Praxis in der Überzeugung, todkrank zu sein – und verlässt sie, etliche Checks später, kerngesund. Doch die Entwarnung wirkt jeweils nur kurz. Manchmal hinterfragt sie den Befund bereits auf dem Heimweg im Zug. Schliesslich wurde schon so oft übersehen, dass jemand Krebs hat. Und schon melden sich die Beschwerden in ihrem Körper zurück.

Reale Krankheit

Diese sind keine Einbildung – Anna Sommer hat tatsächlich körperliche Symptome. Allerdings sind es nicht die Zeichen eines Tumors oder einer anderen körperlichen Erkrankung, sondern die einer psychischen: Sie leidet an Krankheitsangst, früher Hypochondrie genannt.

Wie viele Menschen in der Schweiz von dieser Störung betroffen sind, weiss man nicht. Genaue Zahlen gibt es keine, doch Untersuchungen aus anderen Ländern lassen erahnen, dass es nicht wenige sind. So zeigte 2012 eine grosse Befragung in Australien, dass fast dreieinhalb Prozent der Bevölkerung die Kriterien für Krankheitsangst erfüllen. Und zwei Studien aus den Jahren 2004 und 2007 fanden, dass zwischen 10 und 20 Prozent aller Patienten in englischen Spitälern unter schwerer Krankheitsangst leiden. Frauen und Männer scheinen gleich oft von der Störung betroffen zu sein.

«Krankheitsangst bekommt oft  ein Eigenleben.»

Dorothee Schmid,
Fachpsychologin an der Privatklinik Wyss

Menschen mit Krankheitsangst interpretieren harmlose Vorgänge ihres Körpers als Vorboten eines furchtbaren Leidens. Die Überzeugung festigt sich über Monate, in denen Betroffene ihren Körper immer stärker beobachten. Oft finden sie auf medizinischen Seiten im Internet die vermeintliche Bestätigung ihres Verdachts. Die wachsende Angst führt zu immer mehr körperlichen Symptomen wie Herzklopfen und Schmerzen in der Brust. Um sich sicher zu fühlen, lassen sie ihren Körper wieder und wieder von Ärzten checken.

Damit beginnt ein Teufelskreis: «Krankheitsangst bekommt oft ein Eigenleben», sagt Dorothee Schmid, Fachpsychologin und Leiterin des Kompetenzbereichs für Angst- und Zwangsstörungen in der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee.

Eine Entwarnung durch einen Arzt bringe den Betroffenen nämlich meistens nichts. Vielmehr fühlten sie sich nicht ernst genommen. Sie haben die Symptome am eigenen Leib gespürt, also muss da doch etwas sein? Vielleicht sollte das besser noch ein spezialisierter Arzt überprüfen? So beginnt das Phänomen des «Ärzte-Hoppings», also das Hüpfen von Arzt zu Arzt. Da diese häufig nichts von der Vorgeschichte ihrer Patienten wissen, beginnen die körperlichen Untersuchungen immer wieder von vorne.

Langer Leidensweg

Im Schnitt dauere es fünf bis sechs Jahre, bis ein Angstpatient angemessen – also mit einer Psychotherapie – behandelt werde, sagt Dorothee Schmid. Bis dahin häufe sich bei vielen ein Berg unnötiger medizinischer Abklärungen an. Das verdeutlicht eine Untersuchung, die die Klinik Roseneck in Deutschland 2004 durchführte.

Die Angstpatienten, die die Klinik stationär aufnahm, waren im Jahr zuvor durchschnittlich 41-mal beim Arzt gewesen. «Das verursacht gewaltige und unnötige Kosten im Gesundheitssystem», sagt Schmid. Dabei könnten die Patienten eigentlich erfolgreich behandelt werden.

Schmid selbst behandelt jedes Jahr mehrere Menschen mit Krankheitsangst. In einer kognitiven Verhaltenstherapie führt sie ihnen vor Augen, wie stark verzerrt sie ihren Körper wahrnehmen. Sie hilft ihnen in Gesprächen, die Interpretation von Signalen ihres Körpers schrittweise wieder zu normalisieren.

Das benötigt einige Zeit – je länger die Krankheitsangst bereits besteht, desto mehr. Im Schnitt bleiben die Patienten für sechs bis sieben Wochen stationär in der Klinik. Nach dieser Behandlung seien die Patienten zwar nicht komplett angstfrei, sagt Schmid. «Doch sie lassen sich deutlich weniger von ihrer Angst beherrschen.»

Anhaltende Wirkung

Die Wirkung einer solchen Therapie hält lange an. Das zeigt eine Studie aus England, die diesen September erschienen ist. Wissenschaftler untersuchten in fünf britischen Spitälern, wie gut die kognitive Verhaltenstherapie bei insgesamt 445 Patienten funktioniert. Sie fanden heraus, dass bereits sechs Therapiesitzungen die Angst der Patienten so stark reduziert, dass sie nicht mehr behandlungsbedürftig sind. Der Effekt blieb auch noch fünf Jahre danach bestehen.

Soweit ist Anna Sommer noch nicht – im Gegenteil: «Die Angst wird immer schlimmer», sagt sie. Sich für eine Zeit lang krankschreiben zu lassen, kam bisher nicht in Frage, und kürzere Therapieversuche zeigten nicht den gewünschten Erfolg. Aber vor kurzem kam ihr Sohn zur Welt. Und ihr Kind soll nicht mit einer Mutter aufwachsen, die so stark von Angst beherrscht wird, sagt sie.

Deshalb will Anna Sommer noch einmal einen Anlauf nehmen und einen Psychiater oder einen Psychologen um Hilfe bitten: «Vielleicht schaffe ich es diesmal – nicht nur für mich, sondern auch für meinen Sohn.»

Betroffene finden Hilfe bei der Angst- und Panikhilfe Schweiz:
www.aphs.ch (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 09.11.2017, 16:27 Uhr

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