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Kinder, die ihre Eltern pflegen, wollen keine Helden sein

Für Kinder ist es selbstverständlich, Angehörige zu unterstützen. Dies und anderes geht aus der ersten Schweizer Studie über pflegende Kinder hervor. Agnes Leu von Careum Forschung weiss, was die Young Carers beschäftigt.

Kinder, die sich um Erwachsene kümmern, wachsen meist langsam in diese Rolle hinein – und empfinden sie als normal.
Kinder, die sich um Erwachsene kümmern, wachsen meist langsam in diese Rolle hinein – und empfinden sie als normal.
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Wenn Kinder Erwachsene pflegen, ist das eine verkehrte Welt: Es sind doch die Kinder, die Beachtung und Unterstützung brauchen.Agnes Leu: Interessanterweise sagen Kinder in Interviews, es sei für sie normal, einen Erwachsenen zu pflegen. Für sie ist es keine verkehrte Welt.

Die Kinder sehen das als normal an?Ja, denn nicht selten haben Kinder schon früh den Angehörigen geholfen, indem sie emotionalen Support geleistet haben, wie beispielsweise jemanden zu trösten oder etwas Kleines zu erledigen. Dabei handelt es sich nicht immer um einen Elternteil, sondern es kann auch ein Geschwister sein oder die Grosseltern. Sie sagen auch, es sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, man habe sie ganz einfach gebraucht.

Leisten Kinder den emotionalen Support freiwillig?Das trifft sehr häufig zu. Manchmal spielt auch Zuneigung eine Rolle. Die Kinder und Jugendlichen beschreiben die Arbeit nicht als belastend. Oft kommen sie in einen Konflikt, ob sie zuerst helfen oder mit anderen Kindern spielen sollen. Sie erzählen in Ge-sprächen mit mir auch von einem Druck, wenn sie in der Schule viele Prüfungen haben, dass sie es zeitlich nicht schaffen könnten.

Geraten diese Kinder von heute auf morgen in die Rolle des Pflegenden?Meist nehmen die Kinder allmählich diese Rolle ein und mit zunehmendem Alter wachsen ihre Aufgaben. Wenn Eltern sich trennen oder jemand plötzlich ei-nen schweren Unfall hat, kann es sein, dass Kinder plötzlich helfen müssen.

Können Sie ein Beispiel schildern, wo ein Kind allmählich emotionalen Support leisten musste?Ich kenne Sarah, ein zehnjähriges Mädchen. Seine Mutter ist seit vielen Jahren chronisch physisch krank. Sarah hilft der Mutter, seit sie drei Jahre alt ist.

Mit drei Jahren hat Sarah der Mutter bereits geholfen?Ja, und Sarah ist stolz darauf. Doch Sarah war nicht bewusst, dass sie mit drei Jahren Pflegeaufgaben übernommen hat. Damals waren das Aufgaben wie Tee bringen, Taschentücher holen, also viele kleine Dinge. Ihr Vater war beruflich oft unterwegs und konnte gewisse Dinge nicht übernehmen. Belastend wurde es für Sarah dann, wenn die Mutter schlagartig gesundheitliche Probleme bekam und ins Spital musste.

«Pubertierende denken, die Kollegen fänden es uncool, wenn sie erzählten, dass sie Angehörige pflegen.»

Agnes Leu, Programmdirektorin von Young Carers

Was erledigt Sarah heute als Zehnjährige?Sie macht Einkäufe, wäscht, bedient den Geschirrspüler – also alles Arbeiten, die in einem Haushalt anfallen. Sie ist auch bei der Mutter und tröstet sie. Sarah übernimmt keine Pflegearbeiten oder Intimpflege.

Wie muss man dieses soziale Engagement von Sarah verstehen? Manche Eltern müssen froh sein, wenn ihre Kinder Verantwortung für Hausämtli übernehmen.Die Kinder stehen einfach vor der Situation und haben keine Wahl, ob sie pflegen wollen. Sie sagen, dass sie es aus Liebe und Zuneigung machen.

Empfinden sie das nach Jahren als Erwachsene auch so?Aus anderen Ländern gibt es Studien, wo man Personen befragte, die vor vielen Jahren Pflegeaufgaben zu Hause übernommen hatten. Da klingt es etwas an-ders. Sie sagen, dass das Lernen zu kurz gekommen sei. Eine 25-jährige Frau brach ihr Medizinstudium ab, war ein Jahr lang nur für die Mutter da, die Krebs hatte, und nach dem Tod der Mutter nahm sie das Studium wieder auf. Im Nachhinein sagt sie, sie wür-de es wieder gleich tun. Sie ist allerdings etwas älter und entschied sich im Gegensatz zu Sarah ganz bewusst für diesen Weg.

Sie haben gesagt, Sarah sei stolz, dass sie zu Hause die Mutter pflegen kann. Trotzdem haben Kinder, die Angehörige pflegen, Mühe, sich zu outen.Sie wollen keine Helden sein. Früher hat man sie in der Presse als Engel dargestellt und das wollen sie auf keinen Fall. Sie meinen nicht, dass sie in einer Opferrolle sind. Kinder haben Schamgefühle, was zu Hause mit der Mutter oder dem Vater ist. Pubertierende denken, die Kollegen würden sie als uncool betrachten, wenn sie erzählten, dass sie Angehörige pflegen. Sind die Kinder vorpubertär, dann haben sie Angst, ihre Familie könnte auseinander fallen.

Wie meinen Sie das?Ich kenne einen jungen Mann, der heute 26-jährig ist. Als er zwölf war, hatte seine Mutter schwere psychische Probleme und war immer wieder in der Klinik. Die Erkrankung der Mutter und deren Pflege waren für ihn nicht so schlimm. Er litt viel mehr darunter, dass er als Zwölfjähriger nicht wusste, was die Mutter genau hatte, warum sie so oft weinte und ob sie jemals wieder die Klinik verlassen könnte. Als die Mutter wieder einmal in der Klinik war, mussten der Knabe und seine Schwester für fünf Wochen in ein Heim. Er dachte, sie seien schuld.

Macht es einen Unterschied, ob ein Kind einen physisch oder psychisch kranken Angehörigen pflegt?Kinder und Jugendliche machen da keinen Unterschied. Das Krankheitsbild ist für sie weniger relevant. Oft wird den Kindern nicht richtig erklärt, was der Erwachsene hat.

Careum Forschung kümmert sich um die Frage, wie man den Kindern helfen kann – was kann man tun?Man muss in diesem Bereich erst einmal die Öffentlichkeit sensibilisieren. Viele Menschen wissen nicht, dass Kinder Angehörigen emotionalen Support leisten. In der Schweiz ist regionale Netzwerkarbeit nötig. Es braucht Stellen für Lehrer, Ärzte, Eltern. Wir benötigen eine gute Spitex, die nicht nur für ­kurze Zeit kommt. Es braucht auch einen Sozialdienst, der schaut, dass Kinder gar nicht in die Rolle des emotionalen Supports kommen.

Was kann die Gesellschaft tun?Nicht die Augen verschliessen, wenn es schwierig wird. Sarah hatte in der Unterstufe Probleme und repetierte eine Klasse. Nachher kam sie zu einem Lehrer, dem die Situation zu Hause bekannt war. Er hatte Verständnis für Sarah, und das war für sie eine Erleichterung. Die Kinder fühlen sich mit ihren Problemen oft alleine. Ich wünsche mir, dass die Kinder mehr Gelegenheiten haben, zu erzählen, wie es ihnen geht.

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