Fürs Glück braucht es mehr als Muskeln

Sie halten Diät, stylen sich modisch, schwitzen im Fitnessraum oder legen sich gar unters Messer des Chirurgen. Und trotzdem sind viele junge Menschen mit ihrem Aussehen unzufrieden. Das kann zu ernsthaften Problemen führen.

Etwas Sport ist gesund. Doch viele junge Männer entwickeln eine regelrechte Muskelsucht, die Parallelen zur Anorexie aufweist.

Etwas Sport ist gesund. Doch viele junge Männer entwickeln eine regelrechte Muskelsucht, die Parallelen zur Anorexie aufweist. Bild: Shotshop

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«Meine Dinger. Mein Ding.» Der Spruch war auf einem übergrossen Plakat zu lesen, das letztes Jahr im Hauptbahnhof Zürich über der Rolltreppe prangte. Mit einer jungen Frau – blonde, lange Haare und cooler Hut – warb die Schönheitsklinik Breast Atelier für Brustvergrösserungen. Ein Eingriff, der vor allem bei jungen Frauen immer beliebter wird.Gemäss einer Befragung, welche die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz 2015 unter knapp 400 Deutschschweizer Jugendlichen durchgeführt hat, fühlten sich 60 Prozent der Mädchen zu dick. 77 Prozent der Knaben dagegen wünschten sich mehr Muskeln und 54 Prozent gaben an, tatsächlich etwas dafür zu tun.

Teurer Körperkult

Die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Körper habe wahrscheinlich über die letzten Jahre abgenommen, hält der Bericht fest. Dies würden Vergleiche mit älteren Studien vermuten lassen. Dennoch gelinge es gut der Hälfte der Befragten, sich von unrealistischen Körperidealen abzugrenzen. Diesem Teil sei bewusst, dass ein veränderter Körper das Leben nicht grundsätzlich besser machen würde. 5 bis 20 Prozent hätten jedoch ein negatives Bild des eigenen Körpers. Sie glauben, dass sie mit einem schöneren Äusseren selbstbewusster und glücklicher wären.

Die Grenze zwischen gesunder, liebevoller Selbstpflege und krankhafter Fixierung auf das Erscheinungsbild ist fliessend. Junge Frauen versuchen häufig, unerwünschte Pfunde loszuwerden, indem sie Sport treiben und auf ihr Essverhalten achten. Bei einigen arten die Bemühungen aber auch in eine Magersucht oder eine Ess-Brechsucht aus – ein äusserst gesundheitsgefährdendes Verhalten. Der Köperkult treibt zudem viele in Kleiderläden, Kosmetik-Studios, Coiffeur-Salons oder zu Tätowierungen und Piercings. Das perfekte Styling kann die Taschengeld-Kasse ganz schön strapazieren.

Frauen und Männer betroffen

Junge Männer quälen sich derweil im Fitnesscenter ab. Gegen etwas Sport sei sicher nichts einzuwenden, sagt Roland Müller von der Fachstelle PEP (Prävention Essstörungen Praxisnah) in Bern. Krafttraining verbessere den Bewegungsapparat und sei besonders für Menschen, die viel sitzen, eine gute Prävention für Rücken- und Nackenbeschwerden. «Doch wir stellen fest, dass immer mehr junge Männer sehr exzessiv trainieren und eine richtiggehende Muskelsucht entwickeln», gibt der Psychologe zu bedenken. Die krankhafte Störung weist diverse Parallelen auf mit der Anorexie, die vor allem Frauen betrifft: Normal gebaute oder kräftige Männer fühlen sich konstant zu schmächtig. Sie vergleichen sich stetig mit anderen und das Training wird zur ersten Priorität in ihrem Leben. «Manche Männer mit eindrücklichen Muskelpaketen betrachten sich im Spiegel und finden ihre Oberarme zu dünn», weiss Müller.

Photoshop macht perfekt

Besonders bedenklich werde es, wenn sie beginnen, Medikamente wie Steroide zu schlucken, strenge Speisepläne einzuhalten und Proteinpräparate in ungesunden Mengen zu sich zu nehmen. Die Entwicklung sei besorgniserregend, findet Müller. Doch während die Magersucht bei Frauen unterdessen von der Öffentlichkeit als Problem erkannt wird, würden muskulöse Männerkörper in den Medien immer noch als «sexy Traumbody» gehandelt.

Der Trend zum perfekten Körper wird durch die digitalen Medien und die verbreiteten Bildbearbeitungsprogramme angeheizt. Viele Jugendliche orientieren sich an Fotos, die mit Photoshop aufgepeppt wurden oder an Promis, die ihre Errungenschaften aus der Schönheitsklinik im Internet kursieren lassen. Der eigene Gang zum plastischen Chirurgen wird damit immer dringlicher.

Schöne finden eher Arbeit

Schönheitsoperationen werden denn auch immer häufiger durchgeführt. Am beliebtesten sind Fett absaugen, Augenfältchen oder Tränensäcke korrigieren, Brustvergrösserungen und Nasenkorrekturen. Auch Liftings und Botox-Injektionen sind im Zunehmen begriffen.

«Körperliche Attraktivität verbessert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Partnerwahl», weiss die Zürcher Schönheitschirurgin Cynthia Wolfensberger. Mit der wachsenden Bevölkerung steige der Wettbewerbsdruck, erklärt sich die Ärztin den Trend. Eine ästhetische Operation sei aber nur sinnvoll, wenn jemand unter einem konkreten Problem leidet – zum Beispiel kleine Brüste, schmale Lippen oder Falten im Gesicht. Menschen, die grundsätzlich mit Minderwertigkeitsgefühlen kämpfen, bringe ein operativer Eingriff nichts, betont Wolfensberger. Reine Schönheitsoperationen nehme sie zudem nicht vor dem 18. Altersjahr vor. Eine Ausnahme sind abstehende Ohren. Meist entscheiden sich Eltern dafür, sie vor der Einschulung korrigieren zu lassen, damit das Kind nicht gehänselt wird.

Unnötige Intim-Operationen

Immer häufiger würden ihre Klientinnen auch Operationen in der Intimgegend wünschen, verrät Cynthia Wolfensberger. Dieser Entwicklung steht sie kritisch gegenüber. «Das Problem ist die schlechte Aufklärung.» Anders als die Männer schauen sich Frauen gegenseitig nicht zwischen die Beine. Sie vergleichen ihre Vulva mit jenen in den Porno-Filmen, welche der Freund schaut, und erschrecken, wenn ihre eigene nicht so prall ist. Die Chirurgin versucht dann jeweils, ihren Patientinnen klar zu machen, dass sie völlig normal aussehen.


Der Beitrag ist auf Basis eines Forums entstanden, welche die Stelle Prävention und Gesundheitsförderung der kantonalen Gesundheitsdirektion Ende Juni in Zürich durchgeführt hat. Unter dem Motto «Spieglein Spieglein» widmete sich die Veranstaltung dem Körperbild als Gesundheitsfaktor. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 10.08.2017, 14:51 Uhr

Brigitte Rychen

Nachgefragt

«Humor ist wichtiger als Äusserlichkeiten»

Mit dem Programm Bodytalk thematisieren Sie in Schulklassen das Körperbild. Was ist das Ziel?
Brigitte Rychen: Wir wollen zum Nachdenken über Schönheitsideale anregen. Wir möchten erreichen, dass sie sich weniger über ihr Aussehen definieren. Doch in den eineinhalb Stunden, welche die Workshops in der Regel dauern, ist natürlich nur ein erster kurzer Gedankenanstoss möglich.

Wie gehen Sie vor?
Zum Beispiel geben wir den Teilnehmern den Auftrag, sich eine Person auszudenken, die sie sehr gern haben. Sie sollen sich überlegen, was genau sie an dieser Person mögen. Eigenschaften wie Humor oder kommunikative Fähigkeiten erweisen sich dann regelmässig als wichtiger als Äusserlichkeiten. Das stimmt viele nachdenklich.

Hübsche Menschen haben aber erwiesenermassen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Partnersuche. Machen Sie da den Jugendlichen nicht etwas vor?
Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass das Aussehen eine Rolle spielt. Doch häufig sind sogar junge Frauen und Männer unzufrieden mit ihrem Körper, die objektiv gesehen mindestens durchschnittlich attraktiv oder sogar sehr schön sind. Über diese Dinge zu sprechen, hilft ihnen weiter.

Die meisten jungen Frauen fühlen sich zu dick. Tragen nicht auch Kampagnen zur Prävention von Übergewicht dazu bei?
Tatsächlich können solche Kampagnen zu einer zusätzlichen Stigmatisierung von etwas molligeren Personen führen. Wenn man die Leute auffordert, einfach weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, macht man es sich zu einfach. Man lässt psychische Komponenten ausser Acht. Viele Menschen essen nicht nur aus Hunger, sondern um sich zu beruhigen und von unangenehmen Gefühlen abzulenken. Während Männer häufig Sport treiben, um sich besser zu fühlen, fällt es Frauen schwerer, sich deshalb zu bewegen. Wir wollen den jungen Menschen diese Mechanismen bewusst machen.

Sie arbeiten seit gut zehn Jahren an diesem Thema. Haben Sie den Eindruck, dass sich der Körperkult in dieser Zeit verstärkt hat?
Ja. Wir werden oft von Schulen engagiert, die mit Essstörungen wie Anorexie konfrontiert sind oder wo sich Jungs beim Muskeltraining gegenseitig hochschaukeln. Wir hören auch von Kindern und Jugendlichen, die wegen ihres Aussehens gemobbt werden. Wenn wir dies in den Klassen ansprechen, löst das meist grosse Betroffenheit aus.

Heute haben fast alle Frauen einen Beruf und sind eigenständiger als unsere Mütter und Grossmütter. Anscheinend bauen sie ihr Selbstbewusstsein aber immer noch hauptsächlich auf ihrem körperlichen Erscheinungsbild auf. Wieso?
Das hat einerseits mit dem Internet und den sozialen Medien zu tun: 24 Stunden am Tag werden sie mit Bildern von perfekten Körpern bombardiert. Anderseits haben die Möglichkeiten der Optimierung zugenommen: Schönheitsoperationen sind heute allgegenwärtig und verfügbar. Da steckt eine ganze Industrie mit handfesten finanziellen Interessen dahinter.

Sind operative Eingriffe Ihrer Meinung nach grundsätzlich des Teufels?
So absolut würde ich das nicht sagen. Menschen haben stets und überall versucht, sich zu verschönern. Manchen mag die Chirurgie tatsächlich weiterhelfen, wenn sie mit einem einzelnen Körperteil unglücklich sind. Problematisch wird es, wenn eine Operation zur nächsten führt, die Zufriedenheit aber dennoch nicht zunimmt.
Interview: Andrea Söldi

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