Winterthur

«Früher war Kommentieren Gourmet – heute ist es Fastfood»

Beni Thurnheer erzählt in seinem neuen Buch von früheren Fernsehzeiten, als Qualität noch mehr zählte als heute.

«Hauptsache es flimmert» ist bereits das dritte Buch von Bernard Thurnheer.

«Hauptsache es flimmert» ist bereits das dritte Buch von Bernard Thurnheer. Bild: Johanna Bossart

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Warum sind Sie eigentlich berühmt? Beni Thurnheer: Weil ich fast denselben Jahrgang habe wie das Fernsehen in der Schweiz. Wir sind quasi gleichzeitig gewachsen. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie es genau so: Sie wurden eher zufällig zu einem der bekanntesten Fernsehgesichter der Schweiz. Das ist so. Die Kunst ist es auch nicht, einmal beim Fernsehen berühmt zu werden, sondern danach am Bildschirm zu bleiben. Das Geheimnis des Erfolgs: Du musst kreativ sein. Und Du musst immer gute Sendungen machen wollen. Der falsche Weg wäre, wenn man sich sagt: Ich will dank des Fernsehens berühmt werden. Das funktioniert nie.

Geben Sie es doch zu: Ein bisschen Ehrgeiz war schon auch dabei? Ich würde eher sagen: ein bisschen Talent. Mit der Sprache umgehen zu können ist wichtiger als Selbstvertrauen auszustrahlen. Vielleicht war das zu meiner Zeit auch noch eher der Fall als heute. In meinem neuen Buch steht ein bösratiger Satz, der lautet: Um Moderator zu werden, ist heutzutage ein vierter Platz an einer Miss-Schweiz-Wahl das bessere Argument als ein abgeschlossenes Studium. Das war früher definitiv anders.

Sie haben aber doch nicht in Ihrem Jus-Studium schwatzen gelernt? Nein, aber genau zu denken. Und genau das zu sagen, was man weiss.

An einigen Stellen im Buch spürt man aber schon auch Ehrgeiz: Auf die Millionen-Einschaltquoten mit Tell-Star und Benissimo sind Sie ziemlich stolz. Ja, das bin ich. Der Einschaltquoten-Ehrgeiz kam aber auch erst nach meinem Karrierestart auf mit der Konkurrenz durch Privatsender. Da begannen die Medien auch Hitparaden der Einschaltquoten zu erstellen. Und natürlich ist man auf so einer Liste lieber weiter oben als weiter unten.

«Die Stimme ist ein Instrument. Man kann Moderieren mit Singen vergleichen. Mal forte, mal piano, mal im Stakkato.»

Was man im Buch auch noch erfährt: Warum Sie zum «Schnurri der Nation» geworden sind. In der Anfangszeit wurde ihnen gesagt, es dürfe am Radio nie länger als 0,6 Sekunden ruhig sein. Nein, viel geredet habe ich schon früher. Meine Mutter ist eine Welsche. Die reden einfach schneller und mehr als die Deutschschweizer. Ich sprach also Schweizerdeutsch mit dem Tempo der Frankophonen. Aber die 0,6 Sekunden stammen aus einer Studie, die sicher stimmt: Am Radio darf es nicht zu lange ruhig sein. Ganz im Gegensatz zum Fernsehen, wo man nicht zu viel kommentieren darf.

Sie haben im Buch zehn Gebote fürs Live-Kommentieren zusammengestellt. Punkt 9: «Brauche die Wörter wie ein Musikinstrument, um eine entsprechende Stimmung zu erzeugen.» Welches ist Ihr Lieblingsinstrument beim Moderieren? Die Stimme selbst ist das Instrument. Man kann das Moderieren also mit dem Singen vergleichen. Mal forte, mal piano, mal im Stakkato. Ich habe mal für ein Computerspiel Kommentare aufgenommen. Da musste ich alle 736 Spielernamen einer Fussballweltmeisterschaften in vier verschiedenen Varianten aufnehmen: Sendeeros. Senderos? Senderooos! Senderos. Nur schon einen Namen kann man ganz verschieden betonen, je nachdem ob die Situation ungefährlich, bedrohlich oder wie auch immer ist.

Beni Thurnheer zu Gast beim Landboten: Hören Sie hier das Gespräch mit unserem stellvertretenden Chefredaktor Jakob Bächtold in voller Länge.

Üben Sie das? Nein, das kann man nicht trainieren. Ich überlege mir einfach, was ich machen kann, damit die Moderation nicht eintönig wird. Aber eben: Das ist das neunte der zehn Gebote, das ist schon hohe Schule.

Ein Spiel, das Sie in gedämpfter Tonart kommentieren mussten war der Europacup-Final FC Liverpool gegen Juventus Turin 1985: Sie waren bei der damaligen Tragödie im Heysel-Stadion dabei, als 39 Fans erdrückt oder zu Tode getrampelt wurden. War das der traurigste Moment Ihrer Karriere? Ja, der absolut traurigste Moment. Das Verrückte war: Ich erfuhr über den Kopfhörer aus Zürich von der Katastrophe. Ich sass in meiner Moderationskabine und bekam von allem gar nichts mit. Es spielte sich alles wortwörtlich in meinem toten Winkel ab. Erst als ich aus dem Stadion ging, sah ich, wie die Toten aufgebahrt wurden. Das ist mir eingefahren. In diesem Moment hat sich auch meine Einstellung zu Hooligans total verändert.

Was waren im Gegensatz dazu die Höhepunkte? Die Fussballweltmeisterschaften. Vor allem 1994 in den USA. Das war zwar schon meine fünfte WM, aber die erste mit Schweizer Beteiligung.

«Vielleicht kommentiere ich mit 90 dann noch einmal pro Monat.»

Sie wurden schon mehrfach teilpensioniert und sind doch jeden Sonntag noch als Sportkommentator zu hören. Bleiben Sie ewig beim Fernsehen? Ja, vielleicht kommentiere ich mit 90 dann noch einmal pro Monat. Am Wochenende läuft halt viel, da brauchen sie mich noch.

Machen Sie es denn immer noch gerne? Ja, sicher!

Gleich wie vor 40 Jahren? Ja, also – nicht mehr ganz. Heutzutage ist es industrieller. Früher war es eine Einzelanfertigung eines Berichts. Heute muss man für mehrere verschiedene Gefässe, unterschiedliche Beiträge herstellen. Früher war es wie im 5-Sterne-Restaurant, heute eher wie bei McDonalds.

Das hört man im Buch immer wieder heraus: die Nostalgie. Früher war alles besser. Nein, das stimmt nicht. Ich schreibe: Früher war nicht alles besser, heute ist es einfach anders. In diese Falle will ich nicht trampen.

Der Unterton ist trotzdem eindeutig. Die Arbeit als Kommentator war früher auch besser. Mehr Journalismus, weniger Technik. Ein Beispiel: Eine Redaktion hat einen Super-Journalisten, der aber eine technische Banause ist und die Übermittlungstechnik nicht im Griff hat. Daneben einen 08-15-Reporter, der aber technisch versiert wird. Wer wird an den wichtigen Anlass geschickt? Da ist die Antwort doch klar.

Man könnte auch dem Super-Journalisten die Technik erklären. Ok, zugegeben, aber trotzdem: Diese Entwicklung hat Einfluss auf die Qualität des Journalismus.

«Früher war es wie im 5-Sterne-Restaurant, heute eher wie bei McDonalds.»


Sie haben bereits zwei Bücher geschrieben. Hat die eigentlich jemand gekauft? Ja, beide waren in der Bestsellerliste.

Wie kamen Sie auf die Idee für ein drittes Buch? Ich habe gemerkt, dass es kein Buch gibt, das die Entwicklung des Fernsehens beschreibt. Das ist eine Marktlücke. Wenn jemand wissen will, seit wann es Farbfernsehen gibt und seit wann die Fernbedienung: In meinem Buch steht es drin.

Für Thurnheer-Fans ist dieses Buch ein Schmaus. Für Fernseh-Nostalgiker ist es auch ganz interessant. Sonst bietet es es aber vor allem lockere Unterhaltung, oder? Ja, sicher. Regel Nummer 1: Du darfst niemanden langweilen. Aber der andere Punkt ist die Hauptsache: Die Erinnerungen an die Zeiten, als das Fernsehen in den Familien den Alltag veränderte. Als man wegen der Übertragung des Skirennens das Mittagessen verschob und die Stube so einrichtete, dass der Fernsehapparat im Zentrum stand. Diese Zeit beschreibe ich in einem Sachbuch mit persönlichen Geschichten.

Wenn ich das Buch lese, höre ich automatisch Ihre Stimme. Ist ein Hörbuch geplant? Nein.

Die geschriebenen Worte sind für den Leser untrennbar mit der Stimme von «Beni-National» verbunden. Für den Landboten liest Thurnheer einen Auszug aus seinem neuen Buch vor.

Im Schlusswort fordern Sie ein relevanteres, sinnvolleres Fernsehprogramm. Gefällt Ihnen nicht, was das Schweizer Fernsehen bietet? Die ganze Fernsehlandschaft ist im Moment Unterhaltung und Kampf um Einschaltquote. Relevante Themen erhalten nachts ab 23 Uhr oder am Sonntagmorgen Sendezeit.

Ist das ein Votum für die Billag-Gebühren und das öffentliche Fernsehen? Ich unterscheide in diesem Punkt nicht zwischen öffentlichen und privaten Sendern. Ich schaue die ganze Fernsehszene an. Da frage ich mich schon, wie man den Trend brechen könnte. Man stelle sich vor, die ganze Brainpower, die für kommerzielle Werbung eingesetzt wird, würde einmal dafür verwendet, Fernsehspots für Fairness, Gerechtigkeit oder Toleranz zu drehen. Vielleicht wäre gerade das Fernsehen, das Medium, das den Menschen erklären könnte, dass es noch andere Ziele im Leben gibt, als möglichst viel Geld zu verdienen.

Hinweis: Beni Thurnheers neues Buch «Hauptsache es flimmert» aus dem Giger-Verlag gibt’s ab sofort im Buchhandel. Am nächsten Mittwoch, 22. März, findet im Orell Füssli an der Marktgasse 41 ein Lesung statt (19:30 Uhr).

Erstellt: 17.03.2017, 17:39 Uhr

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