Fertig mit dem Ufzgi-Knatsch

In vielen Familien spielt sich jeden Tag das selbe Drama ab: Der Kampf, bis die Kinder ihre Hausaufgaben anpacken. Einige Regeln helfen, die Situation zu entspannen.

Beachten die Eltern ein paar Regeln, kann das Helfen bei den Hausaufgaben Spass machen.

Beachten die Eltern ein paar Regeln, kann das Helfen bei den Hausaufgaben Spass machen. Bild: Shotshop

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Der Arbeitstag war lang und anstrengend, man kommt erschöpft nach Hause. Und dann steht noch die Steuererklärung an. Etwa so müssen sich manche Kinder angesichts der Hausaufgaben fühlen. Wenn dann noch die Eltern sagen, das sei ja gar nicht schwierig, hilft das kaum weiter. Eher schwächt es das Selbstbewusstsein und das Kind fühlt sich dumm. Wie man sich verhalten kann, um seine Kinder zum Lernen zu motivieren, erklärte die Lernpsychologin Stefanie Rietzler kürzlich an einem Anlass in Zürich-Wollishofen. Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching.

Gute Lernatmosphäre

Wichtig sei vor allem, eine gute Lernatmosphäre zu schaffen, betonte Rietzler. Denn die Gefühle, die an die Leistungssituation geknüpft werden, seien ausschlaggebend für die Motivation. Liest man zum Beispiel vor dem Einschlafen mit dem Kind, erfährt es dabei Geborgenheit und kann seine Bedürfnisse nach Beziehung befriedigen. Erhält es dazu noch Anerkennung für seine Fortschritte und erfährt das Lesen als etwas Spannendes, das ihm neue Welten öffnet, wird es immer besser werden. Dies setzt eine positive Spirale in Gang.

Macht das Kind aber umgekehrt die Erfahrung, dass Lesen langweilig und konfliktbelastet ist, dass es ausgelacht wird, so macht sich immer mehr das Gefühl breit, es werde trotz Üben nicht besser. Es wird sich künftig lieber Filmen und Games zuwenden als Büchern.

Zeit und Ort anpassen

Zu einer guten Stimmung tragen weiter ein günstiger Zeitpunkt und Ort für die Hausaufgaben bei. Zum Beispiel könne man eine Leseecke einrichten, empfahl Rietzler. In ihrem Zimmer können sich viele Kinder schlecht konzentrieren, weil sie von Spielsachen und digitalen Geräten abgelenkt werden. Besser geht es meist an einem ruhigen Ort. Manche lernen hingegen inmitten einer gewissen Betriebsamkeit gut. Es gilt: ausprobieren.

Auch bei der geeigneten Tageszeit soll man das Kind mitreden lassen. Manche arbeiten am Morgen vor der Schule tatsächlich effizienter als am späten Nachmittag. Sogar eine kurze Lernsequenz vor dem Einschlafen kann Sinn machen, sofern dabei keine Nervosität entsteht. Ausserdem nutze man so einen gedächtnispsychologischen Effekt, erklärte die Psychologin: Während des Schlafens wird Gelerntes abgespeichert. An Dinge, die man direkt vor dem Schlafen erlebt hat, erinnert man sich am besten. Auch ein kurzes Nickerchen kann diese Wirkung haben.

Pausen vor dem Ermüden

Überhaupt rät Rietzler zu regelmässigen Pausen. Und zwar geplant und nicht erst, wenn man bereits erschöpft ist und es nur noch mühsam vorwärts geht. Denn das Gehirn speichert das letzte Gefühl ab, das man bei einer Tätigkeit hatte. Wenn man also noch energiegeladen in die Pause startet, nimmt man die Arbeit danach besser wieder auf, als wenn sich bereits Frustration breit gemacht hat. Die Konzentrationsspanne bei Kindern ist kürzer als bei Erwachsenen. Als Richtlinie für Minderjährige gilt: Lebensalter mal zwei. Zum Beispiel ist für ein zehnjähriges Kind nach 20 Minuten ein fünfminütiger Unterbruch sinnvoll.

Die Pause sollte mit Aktivitäten wie Trampolin springen, ums Haus rennen, etwas trinken, auf die Toilette gehen oder ein Lied hören gefüllt sein. Nicht geeignet sind dagegen Computergames und die Bedienung des Smartphones. «Viele neue Reize nach dem Lernen stören den Abspeicherungsprozess im Gehirn», weiss die Referentin. «Das ist, wie wenn man im Kopf die Delete-Taste drücken würde.»

Ein gemeinsam erstellter Aufgabenplan mit Zeitangaben hilft, den Lernablauf gut zu strukturieren. Der Einsatz einer Stoppuhr unterstützt die Einhaltung des Plans. Ausserdem hat das bewusste Startsignal einen Wettbewerbscharakter. Man ist weniger versucht, wegzuträumen und zu trödeln, wenn die Zeit läuft.

Berühren statt Schnaufen

Die Ufzgi sind ein häufiger Anlass für Konflikte zwischen Eltern und Kindern. In vielen Familien haben sich ungute Muster eingeschlichen, aus denen man kaum mehr herausfindet: Das Kind zögert die anstehenden Aufgaben heraus, trotzt und verweigert sich. Die Mutter oder der Vater geraten in die Rolle des Antreibens und Drängens, worauf das Kind nur noch stärker in eine Abwehrhaltung verfällt.

"Wagen Sie es, Ihr Kind zu fragen, was es am meisten nervt beim Lernen mit Ihnen."Stefanie Rietzler, 
Lernpsychologin

«Verbessert man die Beziehung, stärkt man damit gleichzeitig die Motivation», erklärte Rietzler. Um ein konstruktives Klima zu schaffen, könne man das Kind zum Beispiel fragen, wie es korrigiert werden möchte, wenn es Fehler macht. Viele Eltern drücken ihre schwindende Geduld unbewusst durch Augenrollen oder tiefe Atemzüge aus. «Wagen Sie es, Ihr Kind zu fragen, was es am meisten nervt beim Lernen mit Ihnen», ermutigte Rietzler das Publikum. Ein Zeichen zu vereinbaren bei Fehlern, etwa die Hand auf den Arm zu legen, komme wahrscheinlich besser an als verbale Interventionen.

Vertrag abschliessen

Auch Verträge abzuschliessen sei ein gutes Mittel: Man kann zum Beispiel festhalten, dass das Kind die Aufgabenzeit selber bestimmen darf. Wenn es mindestens vier von fünf Mal klappt, wird der Vertrag um eine Woche verlängert. «Lassen Sie das Kind unterschreiben», riet die Psychologin. «Das gibt der Sache einen verbindlichen Charakter und hat etwas von der Erwachsenenwelt.»

Schlecht für die Dynamik sei auch, wenn man sich auf Diskussionen um den Sinn des Schulstoffs einlässt, führte sie weiter aus. Wenn das Kind findet, die Rechnungsaufgabe sei blöd, solle man ihm das nicht ausreden, sondern besser fragen: «Zeig mal, was findest du daran blöd? Was ist weniger blöd?» Manchmal funktioniere es, eine Motzzeit zu vereinbaren: Während fünf Minuten darf sich das Kind beklagen und alles rauslassen, was ihm nicht in den Kram passt. Wenn ihm niemand widerspricht, wird die Schimpferei bald weniger interessant sein.

Nicht immer verfügbar sein

Eltern sollten zudem nicht immer verfügbar sein. Stattdessen kann man das Kind zu Beginn fragen, welche Aufgaben es allein lösen kann und wo es Hilfe braucht. So fördert man seine Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Wenn es nicht mehr weiter kommt, kann es die Betreuungsperson rufen. Trotzdem sollte man auch spontan vorbeigehen und das Kind zum Beispiel loben, dass es schon alleine angefangen hat.

Die Meinung, dass jedes Kind von sich aus motiviert ist, den Schulstoff zu lernen, teilt Stefanie Rietzler nicht. Die meisten beginnen zwar von selber zu kriechen, greifen und gehen. Doch Lesen, Schreiben und Rechnen sind Kulturtechniken, die erst in den letzten paar hundert Jahren wichtig geworden sind, führte die Fachfrau aus. «Es gibt kein genetisches Programm, das uns zum Erlernen dieser Fähigkeiten antreibt. Wie bei allem Wissen und allen Fähigkeiten, die wir uns aneignen, spielen auch beim Schulstoff individuelle Interessen, Neigungen, Begabungen und Erfahrungen eine grosse Rolle.»

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 07.12.2017, 15:57 Uhr

Tipps

Auf das Wie kommt es an

Früher befahlen Erwachsene, und Kinder gehorchten. Das ist nicht mehr zeitgemäss. Heutige Kinder reagieren auf andauernde Kritik und stetiges Nörgeln meist mit einer Abwehrhaltung. Zudem schwächt es ihr Selbstwertgefühl. Mehr erreichen Eltern und Lehrpersonen, wenn sie an die Koope­ration appellieren. Ob das gelingt, hängt massgeblich vom Kommunikationsstil ab.

Man sollte klar und bestimmt sagen, was man will und Kinder zur Zusammenarbeit einladen. Anweisungen möglichst positiv formulieren: «Ich möchte, dass du mir zuhörst» statt «Jetzt hör endlich auf zu quatschen». Wünsche für die Zukunft zu formu­lieren ist besser, als Kritik an vergangenem Verhalten zu üben: «Ich fänd es schön, wenn du nächstes Mal …» statt «Musst du immer …!» oder «Jetzt hast du schon wieder …»

Auf Störungen sollte man reagieren, bevor man total genervt ist. Auf seine Gefühle achten und rechtzeitig gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen suchen. Grundsätzliche Dinge, die immer wieder zum Thema werden, bespricht man am besten in Ruhe mit dem Kind statt 100-mal das Gleiche zu sagen. Vereinbarungen nach einer abgemachten Zeit überprüfen und wenn nötig Verbesserungen anbringen. Bei Dingen, die einem wichtig sind, ist Beharrlichkeit besser als Lautstärke.

Mehr Infos, Lernfilme, kostenloser Online-Kurs und Unterlagen unter www.mit-kindern-lernen.ch.

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