Etwas Egoismus tut der Beziehung gut

Wer weiss, was er will, kann in Konflikten mit seinem Partner gute Lösungen finden, sagt die Zürcher Psychologin Maja Storch.

Reden ist wichtig. Vor allem über die eigenen Bedürfnisse.

Reden ist wichtig. Vor allem über die eigenen Bedürfnisse. Bild: Shotshop

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Wie wird man glücklich in der Liebe?
Maja Storch: Indem man lernt, die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen. Viele denken, verliebt sein heisse, sich auf den anderen einzustellen. Doch es ist genau andersrum: Ich muss mich zunächst sehr gut auf mich selbst einstellen und wissen, was ich möchte.

Man muss also egoistisch sein, um eine gute Beziehung führen zu können?
Die meisten Leute verbinden mit dem Wort «egoistisch» etwas Unangenehmes. Das klingt so, wie wenn sich jemand rücksichtslos durchsetzen würde. Deswegen gefällt mir das Wort nicht. Ich würde es so formulieren: Nur wer sein eigenes Gärtchen pflegt, kann darin auch Gäste willkommen heissen.

Warum ist es wichtig für eine Beziehung, dass man seine eigenen Bedürfnisse mitteilt?
In einer langjährigen Beziehung geht es darum, dass zwei Menschen lernen, miteinander eine eigene Existenz aufzubauen. Da muss etwas Gemeinsames, Neues entstehen: Die Beziehung. Das geht aber nur, wenn beide auch als Individuen mit ihren Eigenarten präsent sind.

Wieso?
Wenn ich nicht präsent bin mit dem, was mir wichtig ist, dann bin ich für das Gegenüber nicht greifbar. Dann kann in Situationen, in denen man verschiedene Interessen verhandeln muss, keine gute Lösung entstehen.

«Viele denken, verliebt sein heisse, sich auf den anderen  einzustellen. Doch es ist genau andersrum.»Maja Storch,
Psychologin und Psychoanalytikerin

Doch was macht man, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht kompatibel sind mit jenen des Partners?
Das ist völlig normal. Man hat einen gewissen Pool an Gemeinsamkeiten und einen Pool an Gegensätzlichkeiten. Es ist der Regelfall, dass man gegensätzliche Interessen verhandeln muss.

Und wie macht man das?
Wenn jeder in der Lage ist, seine eigene Position klar und deutlich mitzuteilen, dann kann man gute Lösungen finden. Nehmen wir den Klassiker Urlaubsplanung. Da kann man sagen: Wir gehen in eine Gegend mit mittelalterlichen Klöstern und machen drei Mal einen Klostertag für dich. In der Nähe ist ein Strand, an dem ich ebenfalls drei Tage lang in der Sonne liegen kann. Es geht darum, dass man eine Lösung aushandelt, zu der beide sagen können: Das ist ok für mich. Ich kann ein bisschen Rücksicht auf dich nehmen, weil meine Bedürfnisse auch berücksichtigt werden.

Sich der eigenen Bedürfnisse bewusst sein bedeutet also nicht, diese einfach durchzusetzen, ist aber eine Voraussetzung dafür, dass man gute Lösungen findet.
Genau. Wenn ich mir meiner Bedürfnisse bewusst bin, ist das nicht identisch mit «ich werde zu Donald Trump». Das verwechseln viele Leute. Das beginnt damit, dass sie sich ihre Bedürfnisse nicht mal selbst eingestehen. In einer Art vorauseilendem Gehorsam schauen sie nur, was der andere will. Auf die Frage «wo wollen wir hin im Urlaub?» antworten sie «wo willst du denn hin?»

Das geht langfristig nicht gut?
Nein. Ausser, es ist einem tatsächlich egal.

Sie arbeiten viel mit dem Unbewussten. Warum ist das so wichtig?
Das Unbewusste ist deshalb so wichtig, weil es sehr viel steuert von unseren Eigenarten und Reaktionsweisen. Oft hört man: «Wie hat sich der denn benommen – das war ja komplett unlogisch!» Das Unbewusste ist tatsächlich unlogisch, denn Logik ist eine Sache des Verstandes. Oft wissen das die Leute auch selbst, indem sie sagen: Was ich da gemacht habe, war balabala, aber ich kriegs nicht anders in Griff.

Wie bekommt man Zugang zum Unbewussten?
Das Problem ist, dass das Unbewusste nicht mit Sprache arbeitet. Zugang zum Unbewussten erhält man, wenn man beginnt, auf die somatischen Marker zu achten.

Was sind somatische Marker?
Das sind Körpersignale, die nach einem dualen Prinzip funktionieren: «gut gewesen, wieder machen» versus «schlecht gewesen, bleiben lassen». Ich verwende für diese Gefühle die Begriffe «bingo» und «grmpfl» aus der Comicsprache. Mit diesem Signalsystem merkt man: Oh, bei diesem Vorschlag habe ich ein grmpfl-Gefühl. Dann kann man überlegen, was das grmpfl zu bedeuten hat. Es kann sein, dass es eine oder zwei Wochen geht, bis man herausgefunden hat, wo das grmpfl herkommt. Sobald man das verstanden und in Sprache übersetzt hat, kann man die Erkenntnis dem Gegenüber mitteilen.

Es ist also wichtig – gerade in einer Beziehung – dass mansich bewusst wird, was in einem abgeht.
Ja, natürlich. Die meisten kennen folgende Situation: Man ruft die Mutter an und fragt, ob man sie besuchen soll. Sie antwortet in weinerlichem Tonfall: «Ach, kümmere dich nicht um mich, ich komme schon zurecht.» Die Worte sagen also etwas anderes als der Tonfall. Es kann sein, dass sich die Mutter selber nicht bewusst ist, dass sie dringend darauf wartet, dass jemand vorbei kommt. Damit eine Lösung möglich wird, müsste die Mutter erst einmal merken, dass sie beim Gedanken daran, dass niemand vorbeikommt, ein grmpfl hat. Dann müsste sie sagen: «es enttäuscht mich, wenn ihr nicht kommt. Ich möchte euch gerne sehen.» Dann sagen die Kinder vielleicht: «dieses Wochenende gehts nicht, aber wir kommen nächstes.» Und schon hat man eine Lösung gefunden. Sagt die Mutter aber: «ist schon gut, kümmert euch nicht um mich», dann ist die Frustration vorprogrammiert. Wenn man das 30 Jahre lang in einer Liebesbeziehung macht, hassen sich die Partner am Schluss.

Wieso?
Weil sie permanent die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt bekommen. Irgendwann beginnt man, den anderen zu hassen, weil man das Gefühl hat, man lebe sein Leben nicht. Man fühlt sich eingeengt. Dabei ist die Ausgangsbasis in den allermeisten Fällen, dass man sich zu wenig um sich selbst kümmert und denkt, der andere ist daran schuld. Weil man sich immer nach dem anderen gerichtet hat.


(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 30.11.2017, 12:44 Uhr

Zur Person

Die Psychologin und Psychoanalytikerin Maja Storch ist Inhaberin und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation in Zürich (ISMZ). Sie hat zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen verfasst. Zuletzt «Lieben Sie doch, wie Sie wollen! Mit dem Strudelwurm auf dem Weg ins Beziehungsglück». In dem sehr unterhaltsam geschriebenen Buch mit vielen Beispielen zeigt Maja Storch mit Hilfe des Wurms – der als Symbol für das Unbewusste dient – auf, wie man diffusen Gefühlen auf den Grund geht und schliesslich dem Gegenüber mitteilt, was man will. Sehr alltagsnah ist zum Beispiel die sogenannte Wurm-Verhandlung, die hilft, eine Lösung zu finden, wenn man als Paar in einem Thema unterschiedliche Bedürfnisse hat.

Lieben Sie doch, wie Sie wollen! Maja Storch, hogrefe-Verlag, 2017, 176 Seiten, ca. 27 Fr.

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