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Ein Abschied, der Spuren hinterliess

Melissa Allemann ist mit einem behinderten Bruder aufgewachsen, der mit 17 Jahren starb. Sie musste früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. Die Folgen begleiten sie noch heute.

Melissa Allemann zeigt ein Bild von ihrem Bruder und sich aus dem Jahr 1985. Zwei Monate später erfuhren die Eltern von seiner Krankheit.
Melissa Allemann zeigt ein Bild von ihrem Bruder und sich aus dem Jahr 1985. Zwei Monate später erfuhren die Eltern von seiner Krankheit.
Madeleine Schoder

Die Uhr zeigt Viertel nach zehn. Melissa steht am Fenster und blickt in den Himmel. Wenn es ihr schlecht gehe, solle sie ganz fest an Giorgio denken und ihm all ihre Kraft schicken – ob fürs Weiterleben oder fürs Sterben, hatte ihr der Psychologe gesagt. So steht sie da, im Süden Italiens, und ist mit den Gedanken in der Schweiz. Bei ihrem Bruder.Später wird Melissas Vater ihr sagen, dass er um Viertel nach zehn gegangen sei, erlöst von zwei Monaten Kampf auf der Kinderintensivstation. Die schlimmste Zeit ihres ganzen Lebens sei das gewesen, sagt Melissa Allemann aus Nassenwil im Zürcher Unterland heute, 15 Jahre später. Diese Zeit – sie holt sie immer wieder ein.

Diagnose mit vier Monaten

Melissa wurde 1979 als älteste Tochter italienischer Einwanderer geboren. Die Eltern waren beide berufstätig. Die ersten sechs Jahre ihrer Kindheit in Küssnacht am Rigi verbrachte sie daher hauptsächlich bei ihrer Pflegemutter. 1985 kam ihr Bruder Giorgio zur Welt. «Als er vier Monate alt war, äusserten meine Eltern zum ersten Mal die Befürchtung, Giorgio könnte blind sein», erzählt Melissa.

Der Kleine reagierte nicht auf Stimmen, sah die Eltern nicht an. Dann begannen die Untersuchungen. Cytomegalie, lautete die Diagnose. Die Mutter musste sich in den ersten Schwangerschaftsmonaten mit dem Virus angesteckt haben. Das Virus, das bei Erwachsenen meist fast unbemerkt verläuft, hatte gravierende Auswirkungen für das ungeborene Baby. Giorgio werde weder reden noch laufen können und schwerstbehindert sein, sagten die Ärzte.

Pflege rund um die Uhr

Für die Familie bedeutete Giorgios Behinderung eine grosse Umstellung. Der Junge benötigte Tag und Nacht Pflege und Unterstützung, daher blieb die Mutter zuhause. Der Vater übernahm abends und am Wochenende Extraschichten. Unternehmungen waren stets mit Hindernissen verbunden. So gingen die vier oft in Küssnacht am See spazieren. Das waren ihre Ausflüge. «Die Ferien verbrachten wir zuhause – in Italien», sagt Melissa. Mit dem Rollstuhl am Strand war allerdings auch das nicht immer einfach. Zudem verstärkte die Meeresluft die epileptischen Anfälle.

Giorgio in ein Heim zu geben, war für die Familie nie eine Option. «Er war das Wichtigste für uns alle und gehörte ganz selbstverständlich dazu. Er war ein so fröhlicher Mensch und hat immer gelacht», sagt Melissa. Sie sei sehr stolz auf ihn gewesen. Keinen Moment habe sie gedacht, es wäre alles etwas einfacher, wenn er nicht da wäre. Im Gegenteil. «Ich habe nie eine tiefere Liebe empfunden als für Giorgio, bis meine eigenen Kinder auf die Welt kamen», sagt sie. Natürlich sehe sie heute, im Rückblick, dass sie viele Sachen nicht gehabt habe damals. Als Schattenkind würde sie sich dennoch nicht bezeichnen. Denn darunter gelitten habe sie nie.

Schmerzlicher Abschied

Umso schmerzlicher war der Abschied von ihrem Bruder. Aufgrund des jahrelangen Sitzens im Rollstuhl litt Giorgio an einer Verkrümmung der Wirbelsäule, die operiert werden musste. Bei der Operation gab es Komplikationen – Giorgio musste auf die Kinderintensivstation verlegt werden, wo ein wochenlanges Auf und Ab der Familie alles abverlangte.

«Sie mussten ihn reanimieren – so oft», erzählt Melissa. Bei jedem Besuch sei sie in Tränen aufgelöst gewesen. Irgendwann habe eine Ärztin sie abgefangen und zu einem Psychologen gebracht. 22 Jahre alt war sie, eben erst zuhause ausgezogen. Sie und ihr jetziger Mann hätten zu dieser Zeit Ferien machen wollen. Der Psychologe bestärkte sie im Entschluss, eine Auszeit zu nehmen und nach Italien zu fahren. Vorher besuchte sie ein letztes Mal ihren Bruder. «Er lag im Koma, machte aber nochmals die Augen auf. Ich wusste, es war das letzte Mal, dass ich ihn sehen würde», sagt Melissa.

Die Ängste bleiben

Zwei Tage nach Giorgios 17. Geburtstag und am letzten Tag ihrer Ferien, kam der Anruf. Sie müsse sofort nach Hause kommen, es gehe nicht mehr lange. So stand sie um Viertel nach zehn mit gepackten Koffern am Fenster und dachte an Giorgio. Es war der Moment, in welchem dessen Herz aufhörte zu schlagen.

Die Zeit des Abschieds hat Spuren hinterlassen. Viele Ängste begleiten Melissa seither. «Ich habe Angst vor dem Gefühl, das man in einer solchen Ausnahmesituation hat.» Wie im falschen Film habe sie sich gefühlt, als Giorgio zwischen Himmel und Erde geschwebt habe. Und völlig hilflos. Einfach abstellen, wie manche Freunde raten, lassen sich die Ängste nicht. Sie versucht, damit zu leben. Auch im Alltag mit ihren beiden Kindern. «Ich bin sehr glücklich als Mutter und Hausfrau und dennoch ertappe ich mich manchmal beim Gedanken, dass das fast nicht sein kann. Dass alles so gut läuft. Ich warte darauf, dass da noch was kommt. Etwas Schlimmes», sagt sie. Wenn die Ängste überhand nehmen, sucht sie sich professionelle Hilfe. «Ich war schon zwei Mal in der Situation, dass ich um ein Familienmitglied bangen musste. Ich hoffe, dass ich das nie wieder erleben muss», sagt Melissa.

Das zweite Mal betraf ihren Vater. Er starb sechs Jahre nach Giorgio an einer Lungenfibrose. «Ende Mai hat er mich bei unserer Hochzeit zum Altar geführt. Drei Wochen später bin ich diesen Gang wieder entlang gelaufen. Zu seiner Beerdigung», sagt Melissa. Wenige Tage nach der Hochzeit fiel er ins Koma. Melissa und ihr Mann brachen die Flitterwochen ab und kehrten nach Hause zurück. Eine Woche später war ihr Vater tot. Mit ihm verlor sie ihre engste Bezugsperson.

Keine Vorwürfe an die Eltern

«Meine Mutter hat zuerst immer gearbeitet und war nach Giorgios Geburt hauptsächlich für ihn da», erklärt Melissa. So war sie oft mit ihrem Vater unterwegs. Vorwürfe macht sie den Eltern nicht. Wie hätte es auch anders gehen sollen? Heute spürt sie allerdings, dass die Beziehung zur Mutter nicht so eng ist, wie sie sein könnte. «Ich habe sie sehr gern und wir hören oder sehen uns jede Woche. Dennoch fehlt mir diese innige Mutter-Tochter-Bindung manchmal sehr. Nach 37 Jahren lässt sich das allerdings nicht mehr nachholen», sagt Melissa.

So hat sie sich bei der Geburt ihres Sohnes vor acht Jahren entschieden, zunächst zu Hause bei ihren Kindern zu bleiben und ganz für sie da zu sein. Anders als ihre Mutter es konnte. Oft fragt sie sich, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn Giorgio noch hier wäre. Wenn ihre Kinder einen Onkel hätten. Und einen Grossvater.

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