Pro und Contra

Drohnen überall – was ist davon zu halten?

Drohnen gehören als neue Technologie zu unserer Gesellschaft, findet ZSZ-Redaktionsleiter Philipp Kleiser – Redaktorin Eva Pfirter hingegen fühlt sich von ihnen belästigt.

Winzer bei einer Drohnen-Präsentation in einem Weinberg in Meilen.

Winzer bei einer Drohnen-Präsentation in einem Weinberg in Meilen. Bild: Manuela Matt

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PRO

Philipp Kleiser, Redaktionsleiter Zürichsee-Zeitung

Gleich zweimal haben Drohnen in den vergangenen Wochen die regionalen Schlagzeilen erobert. In Meilen wurde eine Sprühdrohne vorgestellt. Sie soll den Winzern im Rebberg helfen, Krankheiten und Schädlinge zu bekämpfen. In Zolli­kon präsentierten Firmen eine Paketdrohne. Sie fliegt kleinere Produkte vom Lieferanten zum Kunden. Eine tolle Sache, innovativ und zukunftsgerichtet.

Ich höre schon die Gegner: ein Eindringen in die Privatsphäre! Seien wir doch ehrlich: Wirkliche Privatsphäre haben wir schon lange kaum mehr. Häuser werden immer höher und näher zusammen gebaut. Kein Problem, den Nachbarn in die gute Stube zu gucken – weil die meisten ja gar keine Vorhänge mehr wollen. In der Badi und am Strand werden mit dem Handy Fotos gemacht – ohne Rücksicht auf Personen, die auch noch im Hintergrund auf dem Bild zu sehen sind. Im Internet und im Supermarkt hinterlassen wir unsere digitalen Spuren. Wir wissen es zwar, wollen aber trotzdem nicht auf die Bonuspunkte verzichten.

Stellen wir uns also der Realität. Bereits heute besitzen Private in der Schweiz 100 000 Drohnen. Tendenz steigend. Dass die Fluggeräte immer mehr auch für wirtschaftliche oder kommerzielle Zwecke eingesetzt werden, ist nur natürlich. Neue Technologien gehören zu unserer Gesellschaft und entwickeln sie weiter. Nutzen wir also diese Vorteile, die sich uns bieten. Denn Drohnen können unser Leben angenehmer machen. Paketdrohnen entschärfen das Verkehrschaos auf den Strassen. Menschen, die nicht mehr so mobil sind, profitieren. In der Landwirtschaft können Drohnen Ertragsausfälle vermindern. Die Vermessung von Grundstücken erfolgt noch einfacher. Fotografen schiessen an Hochzeiten tolle Übersichtsfotos von oben. Mit Wärmebildkameras ausgerüstete Drohnen können bei der Suche nach vermissten Personen helfen oder Rehkitze in Wiesen vor dem Mähmaschinen-Tod bewahren. Medikamente können mit den Fluggeräten in abgelegene Gebiete transportiert werden. Wird alles überhandnehmen? Nein. Sollten die Angebote keinen Nutzen generieren, verschwinden sie wieder. So spielt der Markt. Bewähren sie sich aber, wird schon in ein paar Jahren niemand mehr von einer Verletzung der Privatsphäre wegen Drohnen sprechen.

Nur in einem Punkt kann ich die Gegner unterstützen. Die Sicherheit muss gewährleistet sein, etwa für den Flugverkehr. Auch der Natur- und Tierschutz muss berücksichtigt werden. Hier muss der Gesetzgeber klare Regeln aufstellen, wie sie ja eigentlich schon bestehen. Es braucht auch eine Registrierungspflicht, um fehlbare Drohnenbesitzer bei Verstössen ausfindig machen und zur Rechen­schaft ziehen zu können. Deswegen die Drohnen zu verteufeln, ist aber falsch. Damit verbauen wir uns den Weg in eine moderne Zukunft.

KONTRA

Eva Pfirter, Redaktorin ZSO

Drohnen mögen in manchen Geschäftsbereichen nützlich sein, in der privaten Sphäre sind sie unheimlich und unberechenbar. Am Samstagnachmittag überfliegen die surrenden Riesenkäfer unser Quartier, wenn wir ganz entspannt in Trainerhosen auf der Terrasse im Liegestuhl dösen. In den Ferien schweben sie über dem malerischen Strand. Ob sie dabei nur die sich kräuselnden Wellen fotografieren oder auch halbnackte Touristen, weiss niemand.

Als Privatperson empfinde ich Drohnen deshalb in erster Linie als Eindringling in meine Intimsphäre. Jeder Teenager kann sich inzwischen ein solch fliegendes Gerät anschaffen. Bei der geschil­derten Strandszene auf den juristischen Graubereich seiner Tätigkeit im öffent­li­chen Raum hingewiesen, antwortete der Halbwüchsige flapsig: «Meine Drohne fotografiert nur die schöne Landschaft.» Wer aber bitteschön garantiert mir, dass diese Aussage stimmt? Anders als bei einem Konzert in der Rapperswiler Altstadt, bei dem ich mit dem Erwerb der Eintrittskarte stillschweigend einwillige, mich überwachen oder fotografieren zu lassen, bin ich an einem Hotelstrand völlig privat und individuell unterwegs. Und dabei will ich nicht heimlich fotografiert werden.

Tatsache ist, dass auch die Luft über meinem Kopf zu meiner Privatsphäre gehört. Das hielt der ehemalige Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Hanspeter Thür bereits vor Jahren fest. Demnach gehört der Bereich vor meiner Haustür klar zu meiner Privatsphäre. Es gibt Gerichtsurteile, die definieren, dass Aufnahmen vor einer Haustür ohne Einwilligung der betroffenen Person weder gemacht noch verbreitet werden dürfen. Dasselbe gilt für Bilder aus luftiger Höhe. Bloss stellt sich hier das Problem, dass niemand kontrollieren kann, ob die Drohne wirklich nur die Wiese hinter meiner Wohnung oder eben doch auch mein Gesicht fotografiert. Was bleibt, ist das unangenehme Gefühl, in meinem eigenen Zuhause ausspioniert zu werden – und das erst noch von einer Person, die sich hinter einem fliegenden Spielzeug verbirgt und ihr Gesicht und damit ihre Identität bedeckt hält. Einem Darth Vader gleich, der durch eine künstlich hergestellte Maske blickt, schaut mich ein fremder Mensch durch eine fernstgesteuerte Maschine an. Das ist nicht nur unangenehm, sondern auch unheimlich.

Drohnen stehen für die fortschreitende Anonymisierung unserer Zeit. Im Grossverteiler scannt ein Automat meine Toma­ten, meinen Flug buche ich bei Frau X im Callcenter, und über meiner Terrasse kreist ein surrendes Gefährt, von dem ich weder Besitzer noch Route kenne. Die Drohne steht stellvertretend für unser grossstädtisches Leben, in dem das direkte Gegenüber zunehmend verschwindet – oder sich hinter einem seelenlosen Apparat verbirgt.

Erstellt: 27.10.2017, 16:36 Uhr

Philipp Kleiser, Redaktionsleiter ZSZ

Eva Pfirter, Redaktorin ZSO

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