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Die Krankheit beim Namen nennen

Als die zweifache Mutter Slavica Djuric an Krebs erkrankte, litt die ganze Familie. Kinder haben viele Fragen – doch wie kann man ihnen das Leid erklären? Die Eltern sollten eine altersgerechte Sprache wählen.

Der 24. September 2009 war der Tag, an dem das Schicksal von Karlo und Slavica Djuric und ihren Kindern Boris, zwei Jahre alt, und Elena, sechs Monate alt, seinen Lauf nahm. Ein halbes Jahr vorher hatte Slavica Djuric einer gesunden Tochter das Leben geschenkt und das Mutterglück war perfekt. In einer Nachuntersuchung stellte ein Arzt jedoch fest, dass die Blutwerte von Slavica nicht stimmten. Bei einem Gespräch mit dem Arzt brach für die Mutter die Welt zusammen: Sie hatte eine akute myeloische Leukämie (AML). «Die Nachricht des Arztes schlug ein wie eine Bombe. Meine Frau weinte. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf», sagt Karlo Djuric, der Ehemann. Fünf Tage später lag Slavica Djuric im Spital und unterzog sich einer Chemotherapie. Ihr Gewicht sank auf 45 Kilo, sie verlor die Haare und bekam Hautflecken. «Der Anblick war schrecklich. Sie sah schlimmer aus als eine Leiche. Ich betete zu Gott, sie möge wieder gesund werden», erinnert sich Karlo Djuric.

Fragen ohne Antworten

Das Bild der kranken Mutter wollte er den Kindern ersparen. Was sollte er ihnen sagen? Wie mit ihnen sprechen? Eh er befriedigende Antworten fand, jagten neue Gedanken durch seinen Kopf, die sich um ihn und seine Frau drehten. Er war mit seinen Fragen allein, fand keine Zeit, um mit den Kinder in Ruhe über alles zu sprechen. Den Hinweis des Oberarztes, er könne sich beraten lassen, lehnte er ab – sein Stolz, Probleme alleine zu lösen, liess einen Gang zum Berater nicht zu.

Die Behandlung dauerte fünfeinhalb Monate. Während dieser Zeit reduzierte Karlo Djuric sein Arbeitspensum und brachte die Kinder in eine Krippe, wo sie den Tag verbrachten. Als es der Mutter etwas besser ging, besuchten die Kinder sie. Elena bekam nicht mit, was die Mutter hatte. Boris realisierte, dass sie krank war. Bei Besuchen interessierte er sich für die Mutter, die Schläuche und die komplizierten Apparate.

Die Mutter war eine Andere

«Als Slavica im Februar 2010 das Spital verlassen konnte, war sie äusserlich eine andere Frau», sagt Djuric. Sie war blass und trug eine Perücke. Während den ersten Tagen war die Mutter für Boris, der inzwischen zweieinhalb Jahre alt war, eine Fremde. Er stiess sie von sich, verweigerte ihr Küsse und abends wollte er nicht mehr zu ihr unter die Decke schlüpfen. Slavica Djuric weinte.

Die Ärzte empfahlen Slavica, eine Arbeit zu suchen. Ab Mai arbeitete sie Teilzeit. Der Sommer kam und die junge Familie machte Ferien in Kroatien, lachte und schaute dem Sonnenuntergang zu. Im September dann wieder Schwindel, Erbrechen, Müdigkeit. «Zuerst dachten wir, wir hätten das Leben zu stark genossen und nicht genügend auf die Ernährung geachtet», erzählt Djuric. Die Ärzte stellten einen Rückfall fest. Nun änderten Djurics die Ernährung, tranken Vitaminsäfte und heilenden Tee. Eine erneute Chemotherapie blieb nicht erspart.

Boris war nun dreieinhalb Jahre alt und interessierte sich mehr für die Gesundheit der Mutter. Seine Fragen kreisten um Dinge, die er sehen konnte: Warum trägt die Mutter eine Sauerstoffmaske? Weshalb hat sie ein Pflaster mit Schläuchen am Hals? Kam der Arzt auf Visite, gab der Kleine ihm Auskunft. Nach zwei drei Fragen wendete sich Boris jeweils anderen Dingen zu.

Boris liess sich äusserlich nicht viel anmerken. In seinem Innern nagte aber die Angst vor dem Verlust der Mutter. Im Kindergarten sprach er von ihrer Krankheit und dem Spital. Der Vater sagte den Kindergärtnerinnen, sie sollten offen mit ihm sprechen. Vor dem Einschlafen nahm der Vater ein Bilderbuch, zeigte dem Sohn Bilder davon, wie es im Menschen aussieht und redete mit ihm über die Mutter.

Die Krankheit kannte keine Gnade. Sie raubte Slavica Djuric den Rest Lebensenergie. Die letzten Tage verbrachte sie im Kreis der Familie. Am 6. Oktober 2010 kam der Priester. Einen Tag danach schloss sie die Augen für immer.

Trauerfeier ohne Kinder

«Die Trauerfeier fand ohne die Kinder statt. Meine Frau und ich haben so entschieden. Es war besser für die Kinder», sagt Karlo Djuric. Boris und Elena verbrachten diese Zeit bei der Grossmutter. Danach redete der Vater mit den Kindern über die Mutter und deren Tod. Er sagte ihnen, die Mutter sei ein Engel und im Himmel. Die Kinder suchten sich auf dem Computer ein Foto der Mutter aus und stellten es auf das Nachttischchen.

Wochen und Monate später wollte Boris vom Vater immer wieder hören, wie die Mutter gestorben ist. Im Kindergarten erzählte er, was er erfahren hatte. Eine Ärztin riet dem Vater, er solle die Vergangenheit ein Jahr ruhen und dann die Kinder bei einer Kinderpsychologin abklären lassen. Denn erkrankt ein Elternteil an Krebs, führen die familäre Belastung und das Ungewisse bei einem Drittel der Kinder zu psychischen Auffälligkeiten. Bei Elena und Boris Djuric stellte die Kinderpsychologin nach einem Jahr keine besonderen Probleme fest. Ein weiteres Jahr später zeigten sich bei Boris aber Ängste, die auf die Krankheit und den Verlust der Mutter zurückzuführen sind. Boris fragte den Vater noch Jahre später: «Kommt Mutter nicht mehr zurück?»

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