Medizin

Die Alten mit dem Superhirn

Von wegen ­vergesslich: Das Gehirn ­mancher Menschen scheint einfach nicht zu altern. Ihrem Ge­heimnis versuchen Forscher auf die Spur zu kommen.

Hellwacher Geist: Manche Menschen haben selbst als Greise noch ein hervorragendes Gedächtnis.

Hellwacher Geist: Manche Menschen haben selbst als Greise noch ein hervorragendes Gedächtnis. Bild: Andrejs Zemdega/iStock

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Nicht jeder baut im hohen Alter geistig ab: Einige haben noch mit 80, 90 oder gar 100 Jahren ein exzellentes Gedächtnis. Diese Menschen sind nicht einfach ein bisschen besser als gleichaltrige Senioren. Sondern so gut, dass sie sich mit Personen messen können, die Jahrzehnte jünger sind. «Das Gehirn dieser Leute scheint immun gegen das Altern zu sein», sagt die Neurowissenschaftlerin Emily Rogalski von der North­western University in Chicago.

Was sind die Unterschiede?

Sie führt Studien durch, in denen sie untersucht, was diese «Supersenioren» von anderen gesunden Senioren unterscheidet. Denn wenn klar wäre, was die Ursachen dafür sind, dass sich manche Menschen auch im hohen Alter noch sehr gut neue Dinge merken können, hilft das möglicherweise, Krankheiten wie Alzheimer zu heilen oder gar zu verhindern.

Allerdings ist es nicht einfach, genug Teilnehmer für die Studien zu finden. Denn Supersenioren sind extrem selten: Unter 1000 Personen über 80 Jahre fanden Rogalski und ihre Kollegen gerade mal 70 mit aussergewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten. «In der gesamten Bevölkerung dürfte der Anteil noch viel kleiner sein», sagt die Forscherin. Denn teilnehmen konnten nur Personen, die noch geistig fit waren. Nicht aber solche mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz, wovon etwa die Hälfte aller 80-Jährigen betroffen ist.

Gedächtnis wie bei jungen Erwachsenen

Die besonders fitten Senioren zeigten überragende Leistungen in einem Gedächtnistest, bei dem sie sich 15 Wörter merken und diese nach einer Wartezeit von 20 Minuten wiedergeben mussten (siehe Kasten). Während sich die meisten «normalen» Senioren über 80 Jahre nur an einige wenige Wörter erinnern konnten, wussten die anderen noch mindestens 9 Wörter, manche sogar noch alle 15.

Damit schnitten sie ebenso gut ab wie durchschnittliche 50- bis 60-Jährige. Noch eindrücklicher waren die Ergebnisse einer anderen Studie von Forschern der Harvard Medical School in Boston mit einer etwas jüngeren Altersgruppe: Einige Senioren zwischen 65 und 80 Jahren zeigten in Tests eine Gedächtnisleistung, die sich mit jener von durchschnittlichen 25- bis 35-Jährigen messen konnte.

Offenbar bleiben gewisse Hirnregionen unberührt

Die aussergewöhnliche Fähigkeit spiegelt sich auch im Gehirn wider, wie beide Forschungsgruppen mithilfe von Magnetresonanz-Aufnahmen zeigen konnten. Für gewöhnlich nimmt mit zunehmendem Alter die Hirnmasse ab. Allerdings scheinen bei den Supersenioren gewisse Hirnbereiche davon unberührt zu bleiben: In diesen war – anders als bei ihren Altersgenossen – kein Abbau sichtbar. Stattdessen ähnelten ihre Gehirne jenen von viel jüngeren Personen.

Zu den am besten erhaltenen Hirnstrukturen zählten solche, die wichtig sind, um neue Erinnerungen zu speichern. Aber auch solche, die eine Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, bei Motivation und Aufmerksamkeit spielen. «Motiviert zu sein und an einer Aufgabe dran zu bleiben, scheint ein wichtiger Faktor beim Erinnern zu sein», sagt deshalb Alexandra Touroutoglou, Neurologie-Dozentin an der Harvard Medical School in Boston. Möglicherweise sind diese Fähigkeiten bei den untersuchten Personen stärker ausgeprägt. «Wir wissen bisher aber noch zu wenig über ihre Persönlichkeitsmerkmale», sagt Touroutoglou.

Pflege von sozialen Kontakten

Auch die Forscher um Emily Rogalski konnten bei ihren Studienteilnehmern nichts Ungewöhnliches im Vergleich zu deren Altersgenossen feststellen. «Ausser dass sie etwas mehr Wert auf Beziehungen zu anderen Menschen legen», sagt Rogalski. Hingegen berichtete keiner von ihnen, auch schon in jungen Jahren ein aussergewöhnliches Gedächtnis gehabt zu haben. Zudem war kein gemeinsames Muster im Lebenswandel zu erkennen: Manche hatten nie geraucht, andere ihr Leben lang. Manche hatten viel,andere wenig Alkohol getrunken. Manche hatten viel Sport betrieben, andere nicht. «Jeder möchte gern ein Supersenior werden», sagt Rogalski. «Aber bisher ist nicht klar, ob man überhaupt etwas dafür tun kann.»

Möglicherweise muss man einfach Glück und die richtige genetische Ausstattung haben. Ob diese bei den Supersenioren anders ist als bei durchschnittlichen alten Menschen, will Rogalski als Nächstes herausfinden. Sie hat von einigen Studienteilnehmern Blutproben gesammelt, an denen sie nun Erbgutanalysen durchführt. Die Ergebnisse werden in einigen Monaten vorliegen. Finden sich bestimmte Gene, die zu einem guten Gedächtnis im Alter beitragen, könnten diese zum Ziel neuer Medikamente oder Therapien werden. Die Forscher hoffen, dass sich dadurch der geistige Abbau im Alter bremsen lässt – und vielleicht jeder einmal ein Supersenior werden kann.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 03.03.2017, 11:43 Uhr

Selbsttest

Wie gut ist Ihr Gedächtnis?

Lassen Sie sich die folgende Liste von 15 Wörtern vorlesen oder lesen Sie sie selbst. Sie dürfen das bis zu fünfmal hintereinander machen und die Wörter dazwischen aufsagen. Dann wird die Liste weggelegt. Nach 20 Minuten notieren Sie alle Wörter, die Ihnen noch einfallen.

Trommel
Vorhang
Glocke
Kaffee
Schule
Eltern
Mond
Garten
Hut
Bauer
Nase
Truthahn
Farbe
Haus
Fluss


Mit dem Alter nimmt die Zahl der Wörter ab, an die man sich erinnert: 20-Jährige wissen durchschnittlich elf, über 70-Jährige noch sechs bis acht. Die individuellen Unterschiede sind jedoch gross. ho

Hirntraining

Es muss ein bisschen wehtun

Auch wenn es sich nicht ganz verhindern lässt: «Dem Altern ist man nicht machtlos ausgeliefert», sagt die Psychologin und Altersforscherin Vera Schumacher von der Universität Zürich. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Man muss sich dafür anstrengen. «Denkaufgaben bringen nur etwas, wenn man dabei an seine Leistungsgrenze geht», sagt Schumacher. Etwa beim Lernen einer Fremdsprache oder beim Lösen kniffliger Rechenaufgaben. Wichtig sei, den Kopf auf möglichst vielfältige Arten zum Denken anzuregen. «Wer einzig Kreuzworträtsel löst, wird genau darin besser und in nichts anderem.» Daneben fördert auch körperliches Training die geistige Fitness. «Der Effekt ist zwar klein, aber messbar», sagt Schumacher. Dabei gilt: Was gut fürs Herz ist, ist auch gut fürs Hirn. Am besten eignet sich regelmässiges Ausdauertraining wie zügiges Gehen oder Laufen. ho

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