Regensdorf

«Bei der Famiglia Dimitri gewinnt immer die beste Idee»

Die Famiglia Dimitri gastiert am Sonntag, 29. Mai, mit ihrem aktuellen Programm «DimiTRIgenerations» im Hotel Mövenpick in Regensdorf.

Dimitri: Ein ansteckendes Lachen, welches tausend Geschichten erzählt.

Dimitri: Ein ansteckendes Lachen, welches tausend Geschichten erzählt. Bild: Martin Allemann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dimitri, die Famiglia startet demnächst (zum Zeitpunkt, als dieses Interview geführt wurde) in die zweite Spielzeit. Ist man da erst einmal geschafft von den Proben oder stolz, was man erschaffen hat?
Dimitri (80): Erst gilt es, in Form zu kommen, und sich dann laufend weiterzuentwickeln, zu verbessern. Die Produktion erfreut das Publikum. Ein Programmohne Worte, artistisch, burlesk, clownesk und sehr musikalisch – das ist unser Stil, schon so etwas wie unser Markenzeichen.

Auch wenn man ein Stück bereits erfolgreich bis an den Broadway und auf vielschichtigen Bühnen gespielt hat: Ist da noch dieses Kribbeln im Bauch vor der Premiere zur aktuellen Tournee?
Für uns ist jeder Abend wie eine Premiere. Lampenfieber gehört dazu. Es gibt da und dort immer Möglichkeiten, die Situation, den Moment auszureizen. Oder man hofft, es möge so gut gelingen wie schon erlebt.

Ein Programm ist irgendwie nie fertig. Die Spielorte sind verschieden, das Publikum und die eigene Tagesform variieren. Man saugt viel auf. Habt ihr an der Grundidee des Stückes fest­gehalten, noch verändert?
Die Änderungen fliessen aus den vielen sehr positiven Erfahrungen mit ein. Wir haben den Vorteil, dass wir mit Vorpremieren im eigenen Haus in Verscio das eine oder andere Neue bereits aus­testen können. Sozusagen wie ein Warm-up. Zudem haben alle Famiglia-Mitglieder ja ihre eigenen Projekte und können auf einen grossen Bühnenerfahrungsschatz zurückgreifen.

Macht das die Probenarbeit nicht kompliziert, überhaupt Termine zu finden?
Würden wir ein Stück neu kreieren, müssten alle fünf Mitwirkenden zwei Monate Zeit mitbringen zum Proben. Der aktuelle Probenaufwand hielt sich jedoch im Rahmen. Mein Enkel Samuel ist Akrobat, Tänzer und sprudelt vor Ideen, wie man das Programm noch ergänzen könnte. Ich vergleiche ihn gerne mit einem jungen Pferd, welches Lust hat zu springen, sich auszutoben. Da muss man manchmal etwas bremsen, aber ich finde das wunderbar. Es ist das Privileg der Jugend, dieses Temperament, diese Spielfreude. Das sind kreative Prozesse. Wir haben ein wunderbares Verhältnis, Nonno zu ­Enkel, das gemeinsame Arbeiten ist sehr konstruktiv.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn ihr euch an ein neues Stück wagt? Trefft ihr euch zu einem pulsierenden Brainstorming und versucht, Ordnung in die Ideenflut zu bekommen?
Seit mehr als 50 Jahren führe ich auch Regie und schreibe selber Stücke. Ich frage die Mitwirkenden nach ihren Ideen, was siegerne einbringen möchten. Dann schlage ich ein Thema vor, und meistens können sich die meisten dafür erwärmen. Es kommt eigentlich ja auch nicht mal so sehr auf das Thema an. Wichtig ist, was man bei den Proben alles herausfiltriert. Das Theatermachen ist nicht sehr demokratisch. Irgendein Macher, ein Kopf oder eben eine letzte Instanz fokussiert dann aufs Wesentliche. Es ist dann halt oft so, dass sie auf den Nonno hören, schliesslich hat der ja am meisten Erfahrung. Generell kann man aber sagen: Bei uns gewinnt immer die beste Idee, egal, woher sie kommt.

«DimiTRIgenerations» klingt fast schon nach Trilogie, einem dritten Teil?
Wir denken nicht schon an das, was nachher kommt. Das machen nur wenige, die künstlerisch tätig sind. Man fühlt den Moment, und ich möchte das, was gerade ansteht, möglichst gut gestalten. Vor allem etwas Amüsantes daraus machen. Wir wollen in ersterLinie unser Publikum zum Lachen bringen. Es gibt ja bereits sehr viele schöne Tragödien, aber die überlassen wir anderen. Bei solchen greift man auf bekannte Autoren zurück, sie sind schwer aus dem Improvisieren heraus zu realisieren. Hingegen Komödie, Farce oder Clownerie beginnt durch Improvisation zu leben. Ein Arbeitsprozess im Jetzt, ohne Blick auf das Gestern und in die Zukunft. Natürlich, wenn man dann mit dem Resultat auf «Lacherfang» geht, macht man sich Gedanken. Ist es stark genug, kann man an vergangene Erfolge anknüpfen oder damit sogar an den Broadway gehen?

Hat man nicht im Hinterkopf jene Elemente, die beim Publikum gut ankamen, und neigt dazu, Ähnliches wieder in ein Programm einzubauen?
Kaum. Das sind kommerzielle Überlegungen. Höchstens der Agent könnte so denken. Wenn wir künstlerisch tätig sind, möchten wir etwas Schönes erschaffen. Da tritt der finanzielle oder rein erfolgssichere Aspekt weit in den Hintergrund. Klar wissen wirinzwischen aber auch, was beim Publikum zieht und was nicht.

Den ersten Familienauftritt hattet ihr ja 1973 im Circus Knie. Weshalb hat es bis 2006 ­gedauert, bis ihr ein Familien­programm realisiert habt?
Es war irgendwann einmal ein Traum, gemeinsam eine Produktion zu realisieren. Weil aber alle ihre eigenen, ganz unterschiedlichen Wege gegangen sind, war es nicht ganz einfach, sich die Zeit dafür freizuschaufeln.

Familientreffen im herkömmlichen Sinn gelten in der Regel als Anlässe mit Achterbahnfahrt der Emotionen. Ist es schwierig, in einer «Famiglia» zu arbeiten?
Wir sind eine sehr harmonische Familie. Wenn wir arbeiten, vergessen wir das Verwandtsein, verhalten uns professionell – sind Kollegen. Und das Publikum freuts, wenn eine Familie etwas zustande bringt, was man sonst eher nur noch im Zirkus antrifft – da, wo es heute noch Generationen, ja ganze Dynastien gibt.

Ein schönes Gefühl mit seinen Kindern Nina, Masha, Enkel Samuel und, wie Silvana Gargiulo sich selber definiert, «Tochter ihrer Kunst» auf der Bühne zu stehen?
Wunderbar, und es macht allen grossen Spass. Mir besonders deshalb, weil ich ja sonst meistens alleine auftrete.

Ist es gerade – wenn man sonst für sich arbeitet – besonders spannend, wenn die unterschiedlichsten künstlerischen Pfade in einen Kreisel münden, um einige erquickliche Runden zu drehen?
Ein sehr starkes Gefühl. Natürlich umso intensiver, weil wir damit Erfolg – des Künstlers Brot (Anmerkung des Interviewers) – haben. Man muss den Erfolg behüten. Auf der Hut sein, die Qualität zu halten, das Publikum nicht zu enttäuschen und dass der Erfolg einem nicht zu Kopfe steigt.

Wie geht man mit Erfolg um?
Das ist eine Frage von Charakter und Bescheidenheit. Auch wenn wir in unserem Beruf selbstbewusst sein müssen, an uns glauben und in das, was wir tun, Vertrauen haben müssen, sollten wir doch auf Bescheidenheit setzen. Mit Selbstüberschätzung springt man nicht sehr weit.

Haben Sie Erwartungen ans Publikum?
Dass es das, was wir tun, schätzt und Freude daran hat. Wir ver­suchen, den Erwartungen gerecht zu werden, aber ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen oder gar in Banalität zu verfallen.

Ist es ein schwieriges Unter-fangen, so individuelle Persönlichkeiten mit vielschichtigem künstlerischem Wirken auf
einen gemeinsamen Nenner zu bringen?
Wir sind ja nicht nur familiär verwandt, sondern haben alle die eigene Scuola Teatro Dimitri besucht, sind also seelenverwandt. Und es ist nicht so, dass irgendein intellektueller auswärtiger Schauspieler in unserer Truppe mitwirkt, der alles dramaturgisch festnageln will. Nein, es ist kein schwieriges Unterfangen.

Mal angenommen, abgesehen von den vererbten Theater­genen, Ihre Kinder hätten ganz konventionelle Berufe gewählt. Hätte das Sie, den Clown Dimitri, traurig gemacht? Man wünscht sich doch als Vater, dass die Leidenschaft, die man hinausträgt, in den Kindern weiterlebt?
Ich habe fünf tolle Kinder. Zwei davon arbeiten fernab des Bühnenlichts beim Roten Kreuz oder als Designer. Ich habe meine Kinder nie versucht, in eine künstlerische Laufbahn zu drängen. Ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn keines der Kinder hätte Bühnenluft schnuppern wollen. Aber jene, die es taten und immer noch tun, wollten dies aus tiefster Überzeugung.

Wenn man schon beinahe als lebende Legende beklatscht wird, läuft man je nach Charakter Gefahr, abzuheben. Was erdet Sie?
Ich hebe immer ab (lacht). Mit meiner Fantasie, meinen Ideen und meinen Träumen. Ich habe schon früh, als ich erste Erfolge als Clown feiern durfte, gute Ratschläge von meiner Mutter bekommen. «Wenns der nume nid i Chopf stigt.» Ich sehe, wenn ich die Biografien anderer Künstler verschlinge, die Extreme, wie beispielsweise ein Klaus Kinski, der den Faden zur Realität verloren hatte. Anderseits gibt es zahlreiche grosse Künstler, die bescheiden geblieben sind. Ich denke da an Yehudi Menuhin, mit welchem ich befreundet war. Ein weiser Mann. Er hat täglich meditiert und gewusst, dass er ein begnadeter Musiker ist, welcher der Menschheit etwas gegeben hat und dankbar dafür ist. Solche Menschen imponieren mir. Ich selber bin weit davon entfernt, aber es ist das, was ich anstrebe.

Während in der Famiglia auf die Pauke gehauen wird oder andere Saiten aufgezogen werden, lassen Sie die Mimik erzählen. Waren Sie als Kind eher der ruhige Beobachter?
Das weiss ich nicht. Es ist ja selten so, dass sich ein Kind – in der Rückbesinnung – bewusst ist, ob es intro- oder extrovertiert war oder ist. Meine Eltern fanden, ich sei eher introvertiert gewesen. Wenn wir spazieren gingen, lief ich immer hinterher. Ich ­habe dann meine eigenen Dinge gemacht, z. B. eine Eidechse gefangen oder mit einem Stein gespielt. Ich lebte aber auch das «Kompaniechalb», das gerne unterhielt. Also zwei gleich starke Seiten in mir. Ich war sicher nicht eines dieser hyperaktiven Kinder, wie es sie heute gibt. Mit etwa sieben Jahren wusste ich allerdings, dass es mein Hauptziel ist, andere zum Lachen zu bringen. Das war ab diesem Moment mein Ein und Alles.

Können Sie aus Distanz die Mimik, die Körpersprache einer Person lesen?
Ich darf doch meine Geheimnisse nicht preisgeben. Nun, es ist klar, dass wir sogenannten Körpertheaterspezialisten schon eine gewisse Menschenkenntnis haben. Alle Schauspieler, die eine Rolle verkörpern, interessieren sich für Charaktere, deren Bewegungen und Gesichtsausdrücke. Ich habe einen guten Mimenkollegen, Samy Molcho aus Israel. Der sagte eines Tages: «Ich fühle mich leer, höre auf, will mich aber ganz der Erforschung der Körpersprache widmen.» Das ist hochinteressant. Ich bin zwar kein solcher Experte, habe aber eine Intuition dafür.

Man sagt, Sie wären ein Genussmensch, essen (Desserts) liebend gerne. Gilt das im übertragenen Sinne auch für Ihre künstlerische Arbeit?
Ich klaube mir nur die Rosinen aus dem Kuchen. Von den schönen Sachen im Leben interessiert mich die schönste. Aber wenn ich mit der zweitschönsten vorliebnehmen muss, sehe ich auch dort noch ein paar Vorteile drin.

Famiglia Dimitri – «DimiTRIgenera-tions» Samstag 20 Uhr und Sonntag 17 Uhr, Casinotheater Winterthur. Vorverkauf: Telefon 052 260 58 58.
Sonntag, 29. Mai, 17 Uhr, Kongresssaal Hotel Mövenpick, Regensdorf. Vorverkauf: Optik Ehrensperger, Watterstrasse 41, Regensdorf, und www.lebendigesregensdorf.ch.

Erstellt: 20.05.2016, 14:52 Uhr

Zum Stück

«DimiTRIgenerations»

Im aktuellen Programm der Famiglia Dimitri stehen erstmals drei Generationen gemeinsam auf der Bühne. Nebst Nonno Clown Dimitri wirken seine beiden Töchter Masha und Nina Dimitri sowie sein Enkel Samuel mit. Ergänzt wird das familiäre Quartett durch Ninas Bühnenpartnerin Silvana Gargiulo.

Voller Übermut bietet die Famiglia Dimitri einen kunterbunten Mix von akrobatischen, clownesken und musikalischen Darbietungen und feinsinnigem Humor. Dimitri selbst bezeichnet seine Rolle im Familienstück bescheiden als «Pausenclown». Doch ist er es mit seiner Figur, die als roter Faden die einzelnen Nummern zu einem grossen Ganzen verbindet. (red)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!