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Die Illusion vom Paradies

Unsere Autorin fragt sich, warum sich Gartenbesitzer einmauern, als wären sie mittelalterliche Burgherren. Und findet die Erklärung bei sich selbst.

«Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun ...» dichtete einst Christian Morgenstern.
«Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun ...» dichtete einst Christian Morgenstern.
Sandra Weber
Hinter diesem klassischen Gartenzaun versteckt sich ein liebevoll gepflegtes Paradies, das im Rahmen der offenen Gärten bei Rita Flöss in Hittnau besichtigt werden kann.
Hinter diesem klassischen Gartenzaun versteckt sich ein liebevoll gepflegtes Paradies, das im Rahmen der offenen Gärten bei Rita Flöss in Hittnau besichtigt werden kann.
Sandra Weber
Klassischer Bauerngarten mit Beeteinfassungen aus Buchs: hübsch und nachbarfreundlich. Buchs ist wegen des Buchsbaumzünslers nicht mehr zu empfehlen. Einen ähnlichen Eindruck erzielt man mit Lonicera nitida.
Klassischer Bauerngarten mit Beeteinfassungen aus Buchs: hübsch und nachbarfreundlich. Buchs ist wegen des Buchsbaumzünslers nicht mehr zu empfehlen. Einen ähnlichen Eindruck erzielt man mit Lonicera nitida.
Sandra Weber
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Ich glaube, die Zahl der Leute, die sich nackt im Garten aufhalten, ist eher klein. Das hiesige Klima liesse es auch gar nicht zu, es sei denn man will sich an empfindlichen Stellen einen Frostschaden holen. Bleibt die Frage, was all die Leute so schampar Geheimes machen hinter den Kilometern von blickdichten Thujahecken? Illegale Migranten beherbergen? Hanf anbauen? Katzenfilme gucken?

Das Selfie im Bikini schafft's dank Facebook sogar auf den Bildschirm des Chefs, aber in einen nicht blickdicht abgeschotteten Garten wagt sich darin niemand.

Schon komisch: Dem appetitlich angerichteten Salat darf via Instagram die ganze Welt beiwohnen, aber bei dessen Verspeisung auf dem Sitzplatz soll einem ja keiner auf den Teller glotzen. Das Selfie im Bikini schafft's dank Facebook sogar auf den Bildschirm des Chefs, aber niemand legt sich darin in einen nicht blickdicht abgeschotteten Garten. Über die sozialen Netzwerke teilen wir unsere Babys und Büsis mit Leuten, die wir schon in der Schule nicht mochten. Kaum aber nennen wir ein Grundstück unser eigen, mutieren wir zu mittelalterlichen Burgherren: Umzäunen es mit angespitzten Latten und pflanzen Hecken, vielleicht sogar mit Dornen.

Ich habe eben unsere Thujamauer niedergemetzelt. Und ja, derzeit überlege ich, wie ich die entstandene Lücke wieder schliessen soll. Weniger, weil ich mich geniere, wenn die Nachbarn sehen, wie ich mein Kompostkübeli leere. Ungeschminkt! Oder beobachten, wie mir beim Essen ein Nüdeli runterfällt. Das ich auflese, abpuste und trotzdem esse!

Täglich müssen wir uns mit anderen Leuten in Büros, Züge und Wartezimmer quetschen. Täglich werden wir daran erinnert, dass wir uns die Welt mit Millionen anderen Menschen teilen müssen. Wenigstens im Garten möchte ich mir die Illusion, die einzige auf Erden zu sein, aufrechterhalten. Eva sein im Paradies.

Vielleicht lässt sich in Zeiten, in denen überall Mauern gebaut werden, ein Zeichen setzen, in dem man wenigstens den Gartenhag weglässt.

Das geht nicht, wenn ich mitanschauen kann, wie der Nachbar in den Unterhosen den Rasen mäht. Und jedes Mal Small-Talk machen muss, wenn ich eigentlich einfach mal etwas Stille wollte an einem Tag, der um 5:15 Uhr mit „MAMI!!“ begann. Andererseits ist es schön, Komplimente für die Rosen zu erhalten. Und mit der Nachbarin über die besten Anti-Schneckenstrategien zu diskutieren. Daraus können Freundschaften fürs Leben entstehen.

Vielleicht lasse ich unsere Grenzen doch offen. Vielleicht lässt sich in Zeiten wachsenden Misstrauens, in denen überall Mauern gebaut werden, ein Zeichen setzen, in dem man wenigstens den Gartenhag weglässt.

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