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Zu weit gedacht

Der Tesla Model X, die neue Modellreihe des US-Elektroautoherstellers, trifft den Geschmack der hiesigen Autokäufer noch besser als der Model S, denn es ist ein elektrischer und über beide Achsen angetriebener SUV.

Jürg Wick

Beginnen wir mit dem Guten oder – man ist geneigt, es so zu sagen – mit dem Herausragenden und relativieren wir dann später. Punkto Leistungsentfaltung macht der US-Stromer auch in der SUV-Konfiguration alle Konkurrenten platt. In der stärksten Version Tesla Model X P 100D ab 147'600 Franken mit 568 PS (P steht für Power, 100 für die Leistungsstufe, D für Dual mit zwei Motoren, also Allradantrieb) macht selbst ein Porsche Cayenne Turbo S mit 570 PS ab 206'000 Franken keinen Stich, obwohl der Tesla ein Mehrgewicht von rund 230 Kilogramm herumschleppt. Der explosionsartigen Leistungsentfaltung eines Stromers kann kein Verbrenner, auch inklusive Turbo, Paroli bieten.

Am Pass, voll besetzt und bepackt mit Skiausrüstungen, wird dies beim Beschleunigen aus einer Serpentine klar. Während der Tesla sein volles Drehmoment verzugsfrei über die Reifen schüttet, muss der Porsche erst einmal Luft holen und im Getriebe die passende Übersetzung abrufen. Der Tesla ist dann am Julier schon eine Kurve weiter. Phow!

Auch beim Platzangebot muss man bis zu einem Cadillac Escalade ausschweifen, um auf ein ähnliches Raumgefühl zu stossen. Und vorne unter der «Motorhaube» gibt es erst noch einen zusätzlichen Stauraum (darunter liegt die zweite Elektromaschine).

Dann das Fahrwerk mit Luftfederung; punkto Grip und Komfort gibt es kaum etwas auszusetzen. Nützlich ist auch die Höhenverstellung des Autos von 137 bis 211 Millimeter ab Boden, zum Beispiel bei zugepflügten Parkplätzen. Auch findet man den vollen Luxus, inklusive heizbarer und belüfteter Sitze in den Reihen eins bis drei. Der Model X ist ja wahlweise ein Sechs- oder Siebenplätzer (2-3-2). Heizbares Lenkrad? Klar. Permanente Internetverbindung? Logo. Und jede Menge Ablagen für Kleinzeug.

Schliesslich reift die Erkenntnis, dass der legendäre Elon Musk seine Autos viel zu billig anbietet, und man muss sich fragen, welches Geschäftsmodell der südafrikanische Multimilliardär verfolgt. Vermutlich möchte er als Weltverbesserer in die Geschichte eingehen und es allen zeigen. Dieser Eindruck festigt sich, je länger die Auseinandersetzung mit dem neuen Tesla andauert. Der Model S ist gut, der X weiss alles besser. Abgesehen davon, dass er mit seinen Aussenmassen zumindest Europäer an die Grenzen des Erträglichen führt.

Die «weltweit grösste Windschutzscheibe» sieht toll aus und imponiert, stellt aber die Sonnenblenden bei tief stehender Sonne vor unlösbare Probleme. Und die Falcon-Wings genannten hinteren Seitentüren versperren den Zugang, sobald die Tiefgarage zum Beispiel wegen einer Dachleitung weniger als zwei Meter hoch ist. Oder: Die Türe öffnet fahrerseitig automatisch, selbst wenn der Schlüssel unberührt im Hosensack bleibt, aber halt nicht immer. Das Heckportal schwingt elektrisch nach oben, ebenso klappen die Sitze in der zweiten und dritten Reihe (diese ist für Heranwachsende absolut o. k.), aber eben im Tempo einer Wanderbaustelle, also würde man gerne nachhelfen, geht aber nicht.

Der Touchscreen bietet ungeahnte Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was von einem Automobil verlangt wird. Um diese abzurufen, ist aber viel zu viel Ablenkung von der Strasse gefragt. Tesla verweist dann gerne auf den teilselbstfahrenden Modus, aber dazu muss man sagen: Die Gesellschaft ist noch nicht so weit, und es dürfte noch lange Zeit dauern, bis es narrensicher funktioniert.

Dieser Tesla ist eigentlich fast perfekt, stellt den Nutzer aber immer wieder vor Probleme. Auch beim «Tanken». Angedockt an eine Supercharger-Station, lassen sich innert einer halben Stunde 180 Kilometer Reichweite gewinnen. An der herkömmlichen Haushaltsteckdose kommen hingegen nach einer Stunde kaum zehn Kilometer heraus.

Dieses Auto imponiert, man muss dazu nicht zum teuersten Modell greifen, der Model X 75D ab 94‘400 Franken genügt. Aber man hat zu weit gedacht bei Tesla, und darum ist der Model X eben nur fast perfekt.

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