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Entschlüsselung der Akte X

Mercedes-Benz bringt das erste Pick-up-Modell. Kernmarkt ist Südamerika, doch auch hierzulande dürfte die X-Klasse auf Interesse stossen. Wir fuhren den eleganten Pritschenwagen auf und neben der Strasse.

Es mutete schon etwas mysteriös an: Was Mercedes-Benz unter der Ziffer X lanciert, sorgte und sorgt noch immer für Gesprächsstoff. Einen Mid-Size-Pick-up werden die Stuttgarter auf den Markt bringen, nicht als klassisches Arbeitstier, sondern im Gegenteil als markengerechtes, vornehmes Lifestyle-Fahrzeug, das den Stern mit angemessenem Stolz tragen soll. Um das Mysterium der Akte X zu lösen, flogen wir ans andere Ende der Welt – nach Chile, ins Land von Feuer und Eis.

Wieso Mercedes-Benz die neue X-Klasse ausgerechnet hier präsentierte, erklärte sich bereits unmittelbar nach der Landung in Santiago: Wo bei uns auf den grossen Parkplätzen Octavia, Golf und kleine SUV dominieren, stechen in der chilenischen Metropole Pick-ups jeder Grösse und Provenienz heraus.

Südamerika ist denn auch der Kernmarkt für die neue X-Klasse. Auf eine Lancierung im Pick-up-verrückten Nordamerika wurde hingegen verzichtet – die hochpreisige X-Klasse würde dort schlecht angenommen werden, sind die Marktstrategen überzeugt, genauso wie in Thailand, einem anderen Pick-up-Hotspot. In Europa und in der Schweiz hingegen kommt der Mercedes-Pick-up in den Verkauf, auch wenn der alte Kontinent für diese Karosserieform noch kaum relevant ist – doch der Markt für mittelgrosse Pick-ups wächst hierzulande, wenn auch nur langsam.

Die X-Klasse entstammt dem Nissan Navara, genauso wie der kürzlich vorgestellte Renault Alaskan. Mercedes-Benz beliess es allerdings nicht bei einem plumpen Re-Batching, bei dem nur das Marken-Emblem, einige Designdetails und ein paar Schalter im Innern getauscht werden, nein: Die meisten Komponenten wurden entweder überarbeitet oder komplett selbst gebaut, wodurch auch der vergleichsweise hohe Entwicklungsaufwand in einem «hohen dreistelligen Millionenbetrag» (Euro) zu erklären ist.

So ist etwa die Karosserie der X-Klasse bis sieben Zentimeter breiter als bei den frankojapanischen Mitbewerbern, was breitere Achsen voraussetze. Das Chassis wurde gezielt verstärkt, das Fahrwerk neu abgestimmt, zusätzliche Assistenzsysteme wurden verbaut und vieles Weitere mehr geändert.

Die Vierzylinder-Dieselmotoren mit 163 oder 190 PS stammen von Renault. Allerdings wird Mitte des nächsten Jahres ein V6-Diesel mit 258 PS und 550 Nm von Mercedes-Benz angeboten, der dann mit eigenem, permanentem Allradsystem kombiniert wird – diese Variante dürfte für die Schweiz besonders spannend sein. In Chile konnten wir dieses Modell, das noch im Prototypenstadium ist, erst auf dem Beifahrersitz erleben, doch so viel können wir sagen: Der V6 ist der Motor, den man in der X-Klasse haben möchte. Der stärkere Vierzylinder macht seine Sache ebenfalls anständig, zeigt auf Steigungen allerdings bald sein Limit auf und wird mit einer voll beladenen Ladefläche (bis 1,1 Tonnen) oder einem Anhänger (bis 3,5 Tonnen) seine Mühe haben.

Die X-Klasse wird nur mit Doppelkabine mit vier Türen und fünf Sitzen angeboten – in Lateinamerika ist ein Pick-up dieser Grösse eben auch ein herkömmliches Familienauto. Man sitzt vorne wie hinten bequem mit viel Platz, für Gepäck verbleibt freilich nur die offene Ladefläche – hier bietet Mercedes-Benz aber diverses Zubehör wie ein Hardtop oder Abdeckungen an.

Dass die X-Klasse optisch eigenständig daherkommt, versteht sich von selbst. Vor wenigen Wochen schrieben wir, dass der Renault Alaskan für uns der Bestaussehende des Trios ist, und dazu stehen wir weiterhin – der Mercedes aber ist klar der Eleganteste der drei. Die Frontpartie mit dem Doppel-Lamellen-Grill, grossem Stern-Emblem und den charmant blickenden Scheinwerfern wirkt hochwertig und setzt ein klares Statement: Hier kommt der Mercedes unter den Pick-ups. Der Innenraum ist ebenfalls eindeutig im Stil der Marke, mit den aus den Kompaktmodellen bekannten, runden Lüftungsdüsen, mit dem frei stehenden Bildschirm samt Infotainmentsystem inklusive Bedieneinheit aus der C-Klasse.

Braucht es denn nun auch einen Pick-up von Mercedes-Benz? Sagen wir es so: Der Handwerker kauft am ehesten den Nissan, der Lifestyler vielleicht den Renault. Die X-Klasse aber ist der Pick-up, den man insgeheim haben möchte. Zu einem Preis ab 41‘260 Franken ist er zumindest einigermassen erschwinglich.

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