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Der Liebling meiner Mutter

Der Audi S4 Avant ist die betont sportliche Variante des wunderbaren A4. 354 PS und Allradantrieb sind starke Argumente – doch alles ist eine Frage der Perspektive.

Meine Mutter. Längst hat sie den Fahrausweis abgegeben, aus Vernunft, weil das Fahren sie anstrengt. Ohnehin hatte sie nie ein Faible für Autos, ihre automobilen Besitztümer über die Jahre verdeutlichen das: Da war ein schauriger Renault 12 Variable, der am Ende mehr Beulen als Kilometer hatte, ein himmelblauer Peugeot 106 mit skurrilem Jeans-Interieur und spartanischer Ausstattung, und dazwischen gab es noch einen ausgelutschten Audi-Kombi, übernommen von ausgewanderten Freunden, bei dem ständig die Elektronik verrückt spielte. That’s it.

Meine Mutter ist folglich keine Referenz, wenn es um die Beurteilung von Autos geht, und doch ist ihr Verdikt stets spannend, wenn ich sie einmal mit einem Testwagen abhole. Sie findet grundsätzlich jedes «meiner» Auto «wahnsinnig schön», genauso wie ihr jedes Paar Schuhe an meinen Füssen gefällt.

Doch dieses Mal ist es anders. Sie streicht mit beiden Händen über die Motorhaube, ja liebkost das Blech geradezu, als wir auf dem kalten Parkplatz stehen. Immer wieder betont sie, wie wunderschön dieses Auto, wie herrlich diese «königsblaue» Farbe sei. Im Innern Platz genommen, kann sie es gar nicht fassen, wie wunderbar dieses Auto doch sei, und obwohl ich diesbezüglich ganz schön abgebrüht bin, muss ich ihr zustimmen.

Die Rede ist vom neuen Audi S4 Avant. Die herrliche Farbe heisst Navarrablau Metallic und steht dem Ingolstädter tatsächlich sehr gut, und das Interieur ist wirklich wunderbar, was den Kenner bei einem Audi aber nicht überrascht. Die üppige Ausstattung, die Gestaltung, die Verarbeitung, die Sportsitze mit den schmucken Steppnähten, das haptisch schmeichelnde Aluminium, das feine Leder – das alles ist auf höchsten Niveau und imponiert nicht nur meiner Mutter.

Wir fahren los, ich gebe Gas, und wir fühlen die druckvolle Beschleunigung, hören den satten, sonoren Motorenklang. Nun bin ich es, der begeistert ist: «Wahnsinn, wie der davonzieht, oder?» – «Ja, wirklich», antwortet sie nett. Doch 4,7 Sekunden von null auf hundert, 3-Liter-V6-Turbo-Benziner, 354 PS, Acht-Gang-Tiptronic, Allradantrieb mit selbstsperrendem Mittendifferenzial – das alles lässt meine Mutter völlig kalt. Sie hat dafür etwas Neues entdeckt, was sie fasziniert: das virtuelle Cockpit, das sämtliche erdenklichen Informationen grafisch hübsch aufbereitet auf einem grossen Bildschirm hinter dem Lenkrad darstellt. Das findet sie unglaublich, und wieder muss ich ihr zustimmen.

Beim Dahinrollen über die Landstrasse bemerke ich die präzise Lenkung und die gute Sitzposition, sie hingegen das taghelle Licht der Scheinwerfer. Einig sind wir uns darüber, dass der S4 nicht ganz so komfortabel abrollt, wie es seine königliche Farbe vermuten lassen könnte. Das serienmässige S-Sportfahrwerk bringe die Karosserie eben um 23 Millimeter näher zum Boden, versuche ich den Audi zu verteidigen, doch so richtig schlagkräftige Argumente finde ich dafür nicht. Dass man das Fahrwerk wie auch andere Parameter auf Tastendruck verstellen kann, quittiert Mutter mit einem geduldigen «Ah, ja».

Beim Aussteigen bemerken wir beide, dass der Kofferraum nicht so geräumig ist, wie dieser stattliche Kombi von aussen vermuten lässt. Ich beruhige sie, dass mit umgeklappten Sitzen immerhin 1510 Liter Platz finden, was sie wiederum nicht gross zu beeindrucken scheint. In den Kastenaufbau ihres alten Renault 12 passte wohl mehr rein.

Sie stellt dann noch die beiden Standardfragen, die fast jeder zu «meinen» Testwagen stellt: Was verbraucht er und was kostet er? Den Normverbrauch von 7,4 Liter auf 100 Kilometer befindet meine Mutter für gut, und ich belasse es dabei. Den Preis des Testwagens von knapp 100'000 Franken findet sie dann wieder «wahnsinnig». Dennoch ist das Verdikt klar: Der Audi S4 ist der Liebling meiner Mutter. Und das gilt mindestens so lange, bis ich bei ihr im nächsten Testwagen vorfahre.

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