Zum Hauptinhalt springen

ZVV bittet zur KasseÖV-Flaute kommt Gemeinden am See teuer zu stehen

Lockdown und Homeoffice rissen 2020 ein Loch in die Kasse des Zürcher Verkehrsverbundes. Dieses müssen die Gemeinden stopfen – mit bis zu 30 Prozent höheren Beiträgen.

Die neue S 20 beschert dem rechten Seeufer Entlastung bei den Pendlerströmen, aber auch Belastung beim Kostenanteil für den ZVV.
Die neue S 20 beschert dem rechten Seeufer Entlastung bei den Pendlerströmen, aber auch Belastung beim Kostenanteil für den ZVV.
Archivfoto: Christian Dietz-Saluz

Die Gemeinden kommt die Corona-Krise auch im öffentlichen Verkehr (ÖV) teuer zu stehen. Weil der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) im Vorjahr wegen Lockdown und Pflicht zum Homeoffice um rund 30 Prozent weniger Fahrgäste beförderte, erhöhte sich auch das Defizit sprunghaft. Jetzt präsentiert der ZVV die vorläufige Abrechnung. Das Minus beträgt 408 Millionen Franken, 60 Millionen mehr als budgetiert. Ohne Sparmassnahmen und die vom Bund vorgeschriebene Auflösung von finanziellen Reserven (circa 50 Millionen Franken) wäre die Budgetabweichung sogar fast doppelt so hoch gewesen. 204 Millionen übernimmt der Kanton, die anderen 204 Millionen teilen die Zürcher Gemeinden unter sich auf.

In der Region Zürichsee müssen die Gemeinden voraussichtlich insgesamt 21,74 Millionen Franken an das ZVV-Defizit beisteuern. Das wären 4,5 Millionen Franken mehr als budgetiert. Die Abweichungen gegenüber 2019 betragen im Durchschnitt 26 Prozent, schwanken aber zum Teil beträchtlich zwischen den Gemeinden. So erhöht sich der Beitrag in Meilen, Männedorf und Stäfa um satte 30 Prozent, in Uetikon um 29 Prozent, in Erlenbach, Küsnacht, Richterswil, Thalwil und Wädenswil um 28 Prozent. Am glimpflichsten kommen Oberrieden (18 Prozent), Horgen (21 Prozent), Adliswil (22 Prozent) und Rüschlikon (23 Prozent) davon.

Ausbau des ÖV entscheidend

Die Unterschiede erklärt Thomas Kellenberger, Mediensprecher des ZVV. «Grösster Hebel für die Beiträge ist das ÖV-Angebot in der Gemeinde. Wenn dieses von einem Jahr aufs nächste ausgebaut wurde, erhöht sich auch der Beitrag überdurchschnittlich.» Ausschlaggebend ist die Anzahl Abfahrten von ÖV-Fahrzeugen wie S-Bahn, Bus, Tram und Schiff im Gemeindegebiet. Sie bestimmen zu 80 Prozent den Kostenanteil, die Steuerkraft macht nur ein Fünftel in der Kostenteilung aus. Deshalb trifft es die oberen rechtsufrigen Gemeinden stärker, weil die neue S 20 mit den dazugehörenden Anpassungen im Busnetz kräftig einschenkt. So zahlt Stäfa rund 1,15 Millionen statt zuletzt 884’000 Franken ans Defizit. In Meilen sind es 312’000 Franken mehr, in Männedorf 200’000 Franken und in Uetikon 108’000 Franken.

Die Zunahme in Wädenswil (558’000 Franken) erklärt Kellenberger mit der Gemeindefusion. Thalwil (plus 383’000 Franken) kommt unter anderem stärker zur Kasse, weil es neu 6 Prozent am Bahnhof Rüschlikon mitträgt. Umgekehrt sorgt das in Rüschlikon (nur 158’000 Franken mehr) für einen geringeren Anstieg. Ebenfalls unterdurchschnittlich ist die Verteuerung in Adliswil (258’000 Franken mehr), weil nun ein Teil der Kosten für die Abfahrten an den Bahnhöfen mit Langnau und Zürich verrechnet wird. Oberrieden profitiert, da Horgen jetzt einen Teil der Passagierzahlen in dessen Bahnhof «übernimmt».

Gemeinden setzen auf ÖV

Die am stärksten betroffenen Gemeinden waren nicht überrascht von der höheren Rechnung. Einzig Wädenswil ist gemäss Stadtschreiberin Esther Ramirez «schon etwas erstaunt» über die Höhe der zusätzlichen Beträge. Der Thalwiler Gemeinderat David Brüllmann (Dorfverein Gattikon) sagt: «Das Defizit wurde bereits angekündigt und war aufgrund der Fahrgastfrequenzen leider absehbar.» Vergehen nun wegen des Kostensprungs allfällige Gelüste für den weiteren Ausbau des ÖV? «Nein», antwortet der Männedörfler Gemeindeschreiber Jürg Rothenberger. Der Uetiker Gemeindepräsident Urs Mettler (parteilos) hält das für «eher unwahrscheinlich, zudem ist in Uetikon auch nichts Weltbewegendes geplant». Aus Richterswil berichtet Max Ballmann, Abteilungsleiter Bevölkerungsdienste: «Aktuell sind für die zukünftige Planung des öffentlichen Verkehrs keine Konsquenzen absehbar.» Ein weiterer Ausbau sei in Richterswil derzeit nicht vorgesehen.

Für Gemeindeschreiber Didier Mayenzet hat der öffentliche Verkehr in der Energiestadt Meilen «einen hohen Stellenwert und soll weiter im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten unterstützt werden». Das gilt auch für Thalwil, wie Gemeinderat Brüllmann erklärt: «Gemäss allen strategischen Planungen der Gemeinde soll der Anteil des öffentlichen Verkehrs gegenüber dem motorisierten Individualverkehr erhöht werden.» Von dieser Haltung werde Thalwil auch aufgrund Corona-bedingter Beitragserhöhungen nicht abrücken. Stadtschreiberin Ramirez sagt, dass «Wädenswil bestrebt ist, die gute Erschliessung mit dem ÖV zu halten, aber nicht unbedingt auszubauen.»

Die Gemeinden halten dem ÖV die Treue, obschon die Pandemie anhält und der ZVV 2021 erneut ein grosses Defizit erwirtschaften dürfte. Dann fehlt es auch an der Abfederung, weil die Reserven bereits aufgebraucht sind. Doch die Gemeinden am Zürichsee wird das kaum abschrecken. Die jetzt fälligen Mehrkosten machen hier nur zwischen einem Drittel (Meilen) und einem Dreiviertel Steuerprozent (Wädenswil) aus.

1 Kommentar
    hiltirh

    Die Züge müssen zuerst sicherer werden, bevor die Leute wieder vermehrt die OeV nutzen. Z.B. mit virenrestistenten Filtern einbauen, vielleicht gibt es auch noch andere, kreative Möglichkeiten. Solange gegessen und getrunken wird in der OeV und eine Maske nur unten am Kinn getragen wird, falls eine Kontrolle vorbei kommt, ist eine OeV unsicher. Auch hat es in einigen Bussen zu viele Schüler, die sich nicht an die Massnahmen halten, z.B. diejenigen der Int. School. Darum braucht es mehr Tests an Schulen. Es darf nicht sein, dass genau solche, welche sich nicht testen lassen wollen, mit der OeV oder Bussen herum fahren, die sollen gefälligst zu Hause hocken.