Wochengespräch

«Zum Jubiläum geht es zurück nach Calgary»

Wenn jetzt die Athleten in Südkorea um olympische Medaillen kämpfen, packt auch Ekkehard Fasser wieder das Olympiafieber. Vor genau 30 Jahren gewann der Gommiswalder die Goldmedaille im Viererbob.

Olympiasieger Ekkehard Fasser hängt sich die Goldmedaille (am Pokal) nicht mehr um den Hals.

Olympiasieger Ekkehard Fasser hängt sich die Goldmedaille (am Pokal) nicht mehr um den Hals. Bild: Michael Trost

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Sie wollten sich die Gold­medaille fürs Foto nicht um­hängen. Warum nicht?
Ekkehard Fasser: Die Medaille ist ein Erinnerungsstück an eine schöne Zeit und keine Krawatte.Am 28. Februar 1988 wurdenSie als Pilot des Viererbobs mit Ihren Anschiebern Kurt Meier, Marcel Fässler und Werner Stocker Olympiasieger: Hat dieser Tag Ihr Leben verändert?
Nein, eigentlich nicht. Man kann so etwas gar nicht einordnen. Es fehlt auch der Vergleich zu dem, was gewesen wäre, wenn ich nicht Olympiasieger geworden wäre. Dies, obwohl es natürlich das Erlebnis ist, auf das man als Athlet die längste Zeit hingearbeitet hat.

Ist diese Nüchternheit typisch für Ekkehard Fasser?
Vielleicht. Jedenfalls wäre es ­keine Katastrophe gewesen, wenn wir nicht gewonnen hätten. Der Olympiasieg war kein lebenswichtiges Ziel. Das hatte auch mit meinen Erfahrungen von den Spielen in Sarajevo vier Jahre zuvor zu tun. Da fuhren wir als Vierte knapp an den Medaillen vorbei.

Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht?
Mir hat es gestunken, ein Jahr nach unserem Sieg an der Weltmeisterschaft nur Vierter zu werden. Obwohl das ja eigentlich auch ein gutes Resultat ist. Sarajevo war für mich ernüchternd, weil wir vor allem die Erwar­tungen der anderen nicht erfüllt haben. Das war ein Lehrblätz. Da überlegst du dir, warum du nur Vierter geworden bist.

Welche Lehren zogen Sie denn?
Ich wusste, dass wir nicht ­alles gemacht haben, was hätte gemacht werden können. Wir waren­ zu leger. Umso mehr waren­ wir vier Jahre später mental­ geschult und athletisch vorbereitet für Calgary.

Was ist das Spezielle an Olym­pischen Spielen?
Sie sind die einzige Sportveranstaltung mit den unterschiedlichsten Disziplinen. Bei einer Weltmeisterschaft bleiben die Athleten unter sich, die sich schon während der ganzen Saison sehen. Olym­pia ist da anders – auch für die Athleten. Wir lo­gier­ten im olympischen Dorf von Calgary und trafen beim Frühstück auf berühmte Sportler wie Ingemar Stenmark und Katarina Witt. Das war etwas Besonderes.

Mit welchen Gefühlen gehtein Spitzensportleran Olympische Spiele?
Wer mit einem ambitionierten Ziel an Olym­pische Spiele reist, wird schon im Vorfeld unge­duldig. Nach all den Selektionen und Vorbereitungen will man, dass es endlich los geht.

Waren Sie nervös?
Nein, überhaupt nicht. Man ist in einem wichtigen Wettkampf mit genug Wichtigem ausge­lastet, da sollte Nervosität keinen Platz haben. Zum Glück war das auch nie unser Problem.

Wie gingen Sie mit dem Erwartungsdruck um?
Wir hatten hohe Ziele – eine Medaille. Die schien uns als Dritte nach dem ersten Tag und zwei Läufen beinahe sicher. Ich habe zu meinem Team gesagt, dass wir sicher noch Silber gewinnen könnten, Gold war das Ziel. Aber dann hat vor allem Kurt Meier Druck gemacht. Der wollte unbedingt­ gewinnen und nicht als Zweiter der erste Verlierer sein. Marcel Fässler hat diesen Siegeswillen von Kurt sofort übernommen und daraufhin sind wir alle voll auf Angriff in den zweiten Tag gegangen – und haben gewonnen.

Sie waren vor dem Olympiasieg bereits Welt- und Europameister: Was unterscheidet solche Titel von einem Olympiasieg?
Von der Leistung her gibt es keinen­ Unterschied. Es tritt die gleiche Konkurrenz an wie in jedem­ anderen Bobrennen. Aber die Wahrnehmung von aus­sen ist anders. Olym­pische Spiele schauen alle, auch Sportarten, die sie nicht interessieren. Weil hier identifizieren sich alle mit ihren teilnehmenden Landsleuten und fiebern mit ihnen. Der Bezug zur Heimat ist auch für die Athleten wichtig. Wir waren stolz, für die Schweiz zu fahren. Darum habe ich mir auch immer ein Schweizer Kreuz auf den Bob gemalt.

Bei Ihrer Rückkehr indie Schweiz und vor allemin Ihrem Heimatkanton Glarus wurden Sie als Held empfangen. Fühlten Sie sich auch so?
Nein, ich habe mich nur gefreut, weil die Heimkehr eine Jubeltour war, vor allem im Glarnerland mit Vreni Schneider. Zusammen gewannen wir drei Gold­medaillen – Glarus war in Cal­gary stärker als die ganzen USA. Das musste gefeiert werden.

Was hat Ihnen die Erfahrungim Spitzensportfürs Berufsleben mitgegeben?
Nicht viel, weil man im Beruf ­keine Risiken eingehen darf wie im Sport, wo es um alles oder nichts geht. Im Beruf zählt man zuerst auf Konstanz und Seriosität. Im Sport kann und muss man manchmal etwas ausprobieren, bei dem man den Ausgang nicht kennt. Das kann ich mir in meinem Metier, dem Bau, nicht erlauben. Beim Hausbau gibt es kein Risiko und null Toleranz. Ich kann ja nicht bei einer ­Decke probieren, ob sie hält. Aber es gibt durchaus Sachen, die vergleichbar sind: Beharrlichkeit, Dis­ziplin, neue Wege beschreiten, Ziele setzen. Nur wird im Beruf alles langfristiger geplant als im Sport – und es ist komplizierter. (lacht) Wenn ich denke, dass wir uns im Bobsport über ein zwölfseitiges Reglement geärgert haben­. Und heute hätte ich in meinem Büro nie Platz für all die Vorschriften im Bauwesen.

Ist es schwierig, in den Augen der anderen als Olympiasieger etwas Besonderes zu sein, und sich zugleich im Privat- und Berufs­leben als völlig normaler Mensch zu fühlen?
Nein, damit hatte ich nie Pro­bleme. Im Glarnerland war es speziell, weil sich in diesem kleinen Kanton so viele Menschen kennen. Die freuten sich über meinen Olympiasieg auch, weil sie mich schon vorher kannten. Das verbindet nochmals mehr, als wenn es nur um die gleiche Staatszugehörigkeit geht. Ich freue mich zwar auch über einen Sieg von Lara Gut, aber ich kenne sie nicht. Da fehlt mir eine persönliche Beziehung.

Wie nahe stehen Sie heutedem Bobsport?
Ich bin immer noch nahe dran als Mitglied im Vorstand des Landes­verbands Swiss Sliding.

Was hat sich in diesen drei Jahrzehnten im Bobsport verändert?
Ein Bob wird heute praktisch gleich gebaut wie früher. Das sind fast schon Oldtimer. Man stelle sich vor, ein Skirennläufer würde heute mit Ski von 1988 ­antreten: Da würden die Leute sich krumm lachen. Es gibt ­keine Sportart mit Renngeräten, die technisch so konservativ ist wie Bobfahren. Darum fliesst kein Wissen und Fortschritt der Indus­trie rein. Das war zu meiner Zeit anders, weil wir in einem technischen Wettstreit zur DDR und zur Sowjetunion standen. Das hat den Bobbau interes­sant gemacht.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Gold-Anschiebern von 1988?
Ja, wir pflegen sogar intensiven Kontakt und unternehmen immer wieder etwas gemeinsam.

Am 28. Februar ist es 30 Jahre her, dass Ihnen die Goldmedaille umgehängt wurde: Werden Sie das gemeinsam feiern?
Sicher! Ausserdem hat Werner Sto­cker zu unserem 30-Jahr- Jubi­läum eine Reise organisiert. Im Sommer gehen wir vier für drei Wochen nach Kanada – natürlich auch nach Calgary.

(zsz.ch)

Erstellt: 11.02.2018, 13:35 Uhr

Zur Person

Ekkehard Fasser (65) steuerte 1988 in Calgary den Vierer­bob zu Olympiagold. Der gebür­tige Glarner kam als Leichtathlet über den Zehnkampf Ende der 70er-Jahre zum Bobsport. Neben dem Olympiasieg wurde das Ehrenmitglied des Bob-Clubs Zürichsee auch zweimal Weltmeister und einmal Europa­meister. Fasser ist selbstständiger Bauleiter und Immobilienverwalter mit eigener Firma in Tuggen. Er ist verhei­ratet und Vater einer erwach­senen Tochter und eines erwach­senen Sohnes und lebt in Rieden (Gommiswald).di

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