Benken

Zum Helfen verpflichtet

Fiona Kelly kann nicht wegschauen, wenn es Menschen schlecht geht. Darum hilft die Benknerin seit Jahren immer wieder in griechische Flüchtlingscamps aus. Die Erfahrungen, die sie dort macht, sind nicht einfach zu verarbeiten.

Fiona Kelly hilft, wo sie kann.

Fiona Kelly hilft, wo sie kann. Bild: Manuela Matt

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Eigentlich könnte Fiona Kelly sich im beschaulichen Benken ganz auf sich und ihre Familie konzentrieren. Immerhin hat sie vier Söhne, von denen noch keiner selbstständig ist. Doch die 44-Jährige begibt sich immer wieder nach Griechenland, um den Flüchtlingen dort zu helfen. «Ich fühle mich dazu verpflichtet», erklärt sie. Seit 2015 ist sie immer wieder in das Gebiet gereist und weiss wie schlimm die Lage dort ist.

Ihr Beitrag sei zwar nur ein kleiner, meint Kelly, aber es sei besser als nichts. Die Benknerin sammelt in der Schweiz Geld. Hat sie mindestens 5000 Franken zusammen, reist sie für zwei Wochen nach Griechenland. Mit diesem Betrag könne sie etwas erreichen. So hat sie zum Beispiel die Installation einer Heizung finanziert. Ihre persönlichen Ausgaben bezahlt sie aus der eigenen Tasche.

Doch das Spendensammeln sei viel harziger als noch vor zwei Jahren, als die sogenannte Flüchtlingskrise in aller Munde war, konstatiert Kelly. «Die Leute verlieren das Interesse an den Flüchtlingen.» Auch die griechischen Gemeinden, in denen die Flüchtlinge untergebracht sind, stehen ihnen immer kritischer gegenüber. Es komme immer wieder vor, dass rechtsradikale Gruppen Steine in die Camps werfen oder Feuerwerksraketen abfeuern, erzählt Kelly.

Kontakt durch Gitter

Bei früheren Reisen hat Kelly auch Hilfsgüter in der Schweiz gesammelt und sie dann nach Griechenland transportiert. Zeitweise habe ihr Haus wie eine Lagerhalle gewirkt. Doch das lohnt sich für kleine Gruppen und Einzelpersonen finanziell nicht, wie sie merken musste. Daher kauft sie die nötigen Güter nun jeweils direkt vor Ort. Damit werde auch die griechische Wirtschaft unterstützt, fügt sie hinzu.

In Griechenland schnürt Kelly jeweils Hilfspakete, die sie den Flüchtlingen durch die Gitter reicht, welche die Camps einzäunen. Die Helfer dürfen nämlich häufig nicht in die Camps. Dafür sorgt das Sicherheitspersonal und das Militär. Manchmal erhalten die Freiwilligen aber durch Verhandeln Zugang. Es kommt auf den Tag drauf an, man weiss nie, was einen erwartet.

«In vielen Camps herrscht das Chaos», sagt Kelly. Alle Auffanglager, welche die griechische Regierung auf den Inseln eingerichtet hat, seien völlig überfüllt. «Die Leute schlafen in Zelten, auf Beton, auf der Strasse.» Es fehle an Essen, es fehlt an Hygieneartikeln. «Man sieht die absolute Verzweiflung in den Augen der Menschen.» Die Frustration sei gross. «Camps kann man das nicht nennen. Ich weiss nicht, wie ich das beschreiben kann.»

Mangelnde Unterstützung

Die Enttäuschung gegenüber grossen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz oder der UNO sei bei den Flüchtlingen enorm, erklärt Kelly. Letztere werde als «United Nonsense» (Vereinter Unsinn) oder «Useless Nothing» (Nutzloses Nichts) betitelt. Kelly hat die Erfahrung gemacht, dass einige der grossen Organisationen wieder weg sind, oder nur eine kleine Präsenz vor Ort haben. Die gebürtige Irin ist enttäuscht: «Es kann nicht sein, dass Leute aus den Schlauchbooten völlig durchnässt und traumatisiert ankommen und keinen Ort zum Schlafen haben.»

Während die offiziellen Hilfsorganisationen offenbar nicht immer gut ankommen, hat Fiona Kelly die gegenteilige Erfahrung gemacht. Trotz ihrer Wut und Enttäuschung nehmen die Flüchtlinge Kelly freundlich auf. Sie wird zum Kaffee eingeladen, die Flüchtlinge teilen das wenige Essen das sie haben mit ihr. Noch wichtiger: Sie teilen ihre Geschichten mit Kelly. Daraus haben sich Freundschaften entwickelt, die teilweise auch in der Schweiz Bestand haben. Einige der Flüchtlinge, die sie in Griechenland kennengelernt hat, haben in der Eidgenossenschaft um Asyl gebeten. Kelly hilft ihnen dabei, den Asylprozess zu navigieren.

Obwohl es in den Camps teilweise zu Krawallen kommt, hat sich Kelly noch nie gefürchtet. Doch sie weiss auch, dass sie in einer privilegierten Situation ist. Die Frauen, welche ständig in den Aufnahmezentren leben, sind in einer prekären Situation. «Sie gehen in der Nacht nicht auf die Toilette, weil sie Angst vor Übergriffen haben.» Stattdessen hoffen sie, dass die Helfer ihnen Windeln mitbringen.

Schwieriger Balanceakt

Es ist schwierig für Kelly, die Erfahrungen aus Griechenland mit dem Leben in der Schweiz in Einklang zu bringen. Manchmal scheinen ihr die Prioritäten hier absurd und peinlich. Sie kann nicht anders, als die Warteschlange für das neuste i-Phone mit der Warteschlange für Essen in Griechenland zu vergleichen.

Nach der Rückkehr von ihren Hilfseinsätzen brauchte sie früher einige Tage, für sich alleine, um abzuschalten. Mit der Erfahrung sei es einfacher geworden, sagt Kelly. Aber dennoch legte sie diesen Sommer eine Pause von Sozialen Medien ein, weil es zuviel wurde. «Ich muss auch auf mich schauen, damit ich helfen kann.» Sie ist in dieser Zeit mit ihren Kindern in die Berge gefahren. Ihre Söhne haben immer Priorität für Kelly. «Aber so lange sie gesund sind, Essen auf dem Tisch haben und in die Schule gehen können habe ich das Gefühl, ich muss helfen.» Sobald sie das Geld zusammenhat, reist sie darum diesen Winter wieder nach Griechenland – um zu helfen.

Fiona Kelly sammelt auf www.youcaring.com unter dem Stichwort «Another Catastrophic Winter». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.12.2017, 15:29 Uhr

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