Rapperswil

«Wir Schweizer sind einfach zu verwöhnt»

Der Präsident von Zürich Tourismus, Guglielmo Louis Brentel, wünscht sich mehr Mut für innovative Projekte. Im Gespräch erzählt der Rapperswiler zudem, wie er als junger Mann Peru eroberte.

Guglielmo L. Brentel glaubt an die Marke Zürich und die touristische Zukunft der Zürichsee-Region.

Guglielmo L. Brentel glaubt an die Marke Zürich und die touristische Zukunft der Zürichsee-Region. Bild: Patrick Gutenberg

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Ihr Hobby ist es, Pop-up-Restaurants zu besuchen. Mit dem Pop-up-Betrieb im alten Zirkusmuseum auf dem Rapperswiler Fischmarktplatz haben Sie ein solches quasi vor der Haustüre. Zählen Sie bereits zur Stammkundschaft?
Guglielmo L. Brentel: Ich war sicher bereits drei Mal da. Denn ich finde alles, das improvisiert ist, lebhaft und spannend, besonders wenn es ums Essen geht. Für mich ist der Pop-up-Trend ein Ausdruck von Lebensfreude.
Der Trend dürfte auch für den Tourismus eine Chance sein.
Jede Innovation, die Freude und Emotionen vermittel ist ein Gewinn für eine Tourismusregion. Pop-Ups sind da keine Ausnahme.

Innovative Projekte haben in der Zürichsee-Region nicht selten einen schweren Stand. Ein Beispiel dafür ist nicht zuletzt das Visitor Center. Die Bürger von Rapperswil-Jona schmetterten das Projekt einer neuen Tourist Information deutlich ab. Eine verpasste Chance?
Ja, dieser Meinung bin ich. Denn Rapperswil-Jona hat touristisch durchaus Potenzial. Am Obersee ist man sich einfach noch zu wenig bewusst, dass man das urbane Zentrum von gut und gerne 250 000 bis 300 000 Menschen bildet. Deshalb ist es auch bedenklich, dass gerade einmal vier Prozent der Bevölkerung darüber entscheiden, wie die Zukunft dieser Stadt aussehen soll.

Aus Ihrer Sicht ist also die Bürgerversammlung für eine Stadt wie Rapperswil-Jona mit fast 27 000 Einwohnern nicht die richtige Organisationsform?
Grundsätzlich mag ich das spontane und direkte Element von Bürgerversammlungen. Aber wenn immer die gleichen vier Prozent die Entscheidungen für alle anderen treffen, dann ist es schlicht nicht repräsentativ. Deshalb finde ich, dass ein Parlament wohl besser zu Rapperswil-Jona passen würde als eine Bürgerversammlung.

Zurückgewiesene Projekte sind auch in den anderen Gemeinden rund um den Zürichsee Alltag. Sie sagten einmal, die Schweizer seien Weltmeister im Verhindern. Weshalb haben wir derart Angst vor Veränderungen?
Ich glaube, wir stehen uns mit unserer perfektionistischen Mentalität selbst im Weg. In unserer Genauigkeit kritisieren wir die Farbwahl eines Projektes, die Ausrichtung und grösse von Fenstern, ja selbst den Entstehungsprozess des Ganzen an sich. Dabei geht uns die Freude verloren, etwas bewegen zu wollen.

Der Schweizer sieht also nur die Probleme und nicht die Chancen?
So kommt es mir zuweilen vor. Ich glaube, wir Schweizer sind einfach zu verwöhnt. Als hätte unser Land einen Vorhang um sich herum und daran die Botschaft «Bitte nicht stören». Irgendwann aber geht dann das Leben an uns vorbei. Die Schweiz, wie das gesamte Europa, ist heute nicht gerade dynamisch unterwegs, wenn man dies etwa mit der USA oder Asien vergleicht. Umso wichtiger wäre es, dass wir Interesse zeigen würden, was um uns herum passiert. «Gäng wie Gäng geht nicht.»

Was braucht es, damit auch die Zürichsee-Region touristisch attraktiv bleibt?
Die Erlebnisräume, die die Region hat, müssen entwickelt und deren Chance erkannt werden. Wir haben einen See mit Trinkwasserqualität und ein hervorragendes ÖV-Netz, mit dem man in kürzester Zeit die ganze Schweiz entdecken kann. Ein Bespiel, wo wir ansetzen können.

Was heisst das genau?
Die Zürichsee-Region kann vom urbanen Zentrum Zürich profitieren und die Stadt Zürich umgekehrt vom Erlebnisraum Zürichsee. Die Distanzen zwischen dem Shopping- und Partyerlebnis und dem Naturspektakel sind klein. Marketingmässig arbeiten wir von Zürich Tourismus darum bereits seit längerem mit Rapperswil Zürichsee Tourismus zusammen. Es ist eine einzigartige Zusammenarbeit über drei Kantone.Das alles läuft unter der Marke Zürich. Auf dem internationalen Markt unterscheiden wir nicht mehr. Denn der Tourist tut es auch nicht.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich die Marke Zürich mit diesem Konzept im internationalen Tourismusgeschäft halten kann?
Ich glaube an das Potenzial der Marke. Denn sehen Sie: Heute leben bereits mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in sogenannten Mega-Cities (Städte mit mehr als 5 Millionen Einwohner). Mehr Natur, als die Zürichsee-Region ihnen bietet, ertragen die gar nicht. Diese Menschen kann man nicht einfach in einem Berghotel platzieren und sie auf gelbe Wanderwege schicken. Unser ländlich-urbaner Charme ist unsere Chance. Es braucht nur etwas Mut.

Mut ist ein gutes Stichwort: Den haben Sie bewiesen, als Sie als 23-Jähriger frisch von der Hotelfachschule nach Peru zogen, um dort ein Hotel zu führen. Wie kam es dazu?
Ich wollte raus in die Welt. Mein Plan war es nach Australien zu reisen, weil dort meine jüngste Schwester lebt. Doch ich erhielt keine Arbeitsbewilligung. Über den Kontakt eines alten Schulkollegen landete ich schliesslich in Peru.

Sie erwarten, sich dort um ein kleines ­Hotel kümmern zu dürfen. Dem war aber nicht so...
Nein. Auf einen Schlag führte ich als Resident Manager ein Luxushotel mit 500 Zimmern, acht Restaurants und einem integrierten Kongresszenter. Dazu waren mir über 500 Mitarbeiter unterstellt. Das war eine fantastische Zeit. Alles, was ich tat war super. Ich fühlte mich fast wie ein König.

Trotzdem entschieden Sie sich nach zweieinhalb Jahren in die Schweiz zurückzukehren, wieso?
Irgendwann sagte ich zu mir: «Du bist gut. Aber so gut nun auch wieder nicht.» Also beschloss ich weiterzuziehen um weiter zu lernen. Wäre ich damals geblieben, dann wär ich da wohl nie mehr weggekommen.

Seit 2015 sind Sie Präsident von Zürich Tourismus. Daneben führen Sie ein eigenes Unternehmen und sind Mitglied im Verwaltungsrat der Flughafen Zürich AG. Klingt als wären Sie rund um die Uhr beschäftigt?
Ich fühle mich jedenfalls nicht gestresst. Ich bin auch keiner dieser hyper-beschäftigten Typen, die angeben nur vier Stunden zu schlafen. Ich schlafe gerne einmal aus und irgendwo wartet immer ein Pop-up, das ich noch nicht kenne.

Erstellt: 02.09.2018, 13:19 Uhr

Zur Person

Guglielmo Louis Brentel wurde 1955 in Unterseen bei Interlaken geboren. Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er eine KV-Lehre beim Betreibungs- und Konkursamt Interlaken. Danach folgte die Hotelfachschule Lausanne. Nach Anstellungen in Peru und New York kehrte Brentel 1987 definitiv in die Schweiz zurück. Zwei Jahre später machte er sich mit seiner Firma H&G Hotel Gast AG, ein Führungs- und Beratungsunternehmen für Hotel- und Gastronomiebetriebe, selbstständig. 2017 gründete er mit zwei Jungunternehmern die Gastgeber 3.0 AG, welche heute Aufgaben seiner ursprünglichen Firma übernimmt und diese weiterentwickelt. Von 1998 bis 2005 war der Wahl-Rapperswiler Präsident des Züricher Hotelier-Vereins. Danach amtete er bis Ende 2014 als Präsident von Hotelleriesuisse. Von 2015 bis 2017 war Brentel zudem Präsident der Hotelfachschule in Lausanne. Aktuell ist der 63-Jährige als Präsident von Zürich Tourismus und als Verwaltungsratsmitglied der Flughafen Zürich AG sowie diverser privatwirtschaftlicher Gesellschaften tätig. Brentel ist Vater zweier erwachsener Söhne.fse

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