Zürichsee

«Wir haben ein anderes Sommerklima als vor 30 Jahren»

Die Region zwischen Zürich- und Walensee gehört im Sommer zu den nässesten der Schweiz. Doch dieses Jahr herrscht hier eine Jahrhundert-Trockenheit. Klimatologe Stephan Bader erklärt die Gründe.

Je brauner, desto trockener: Die Karte zeigt das Niederschlagsdefizit in der Schweiz von April bis August 2018. Dargestellt wird das Verhältnis zur Norm 1981-2010 in Prozent (Stand 19.08.2018).

Je brauner, desto trockener: Die Karte zeigt das Niederschlagsdefizit in der Schweiz von April bis August 2018. Dargestellt wird das Verhältnis zur Norm 1981-2010 in Prozent (Stand 19.08.2018). Bild: Meteoschweiz

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Wasserknappheit, Feuerverbote, welkende Vegetation und eine darbende Landwirtschaft: Die Trockenheit ist in diesem Sommer das dominierende Thema.

Besonders stark betroffen vom Regenmangel ist dabei ein Gebietsstreifen zwischen dem oberen Zürichsee und dem Walensee. Das zeigt eine Analyse von Meteoschweiz-Klimatologe Stephan Bader. Er hat die aus dieser Region zur Verfügung stehenden Messreihen bis zurück ins Jahr 1864 ausgewertet.

Das Ergebnis: In der Phase zwischen dem 1. April und dem 20. August 2018 fiel im Mittel nur 45 Prozent der normalen Regensumme. «Es fehlt der Niederschlag von zweieinhalb bis drei normalen Sommermonaten», sagt Stephan Bader. Das gab es so noch nie seit Beginn der Messungen. «Man kann also von einer Jahrhundert-Trockenheit sprechen».

Nicht viel besser sieht es in der übrigen Nordostschweiz aus. Im beschriebenen Zeitraum kam bloss etwa 50 Prozent der normalen Regenmenge vom Himmel.

Wenn die «Gewitterschiene» trocken bleibt

Dass es ausgerechnet am Zürich- und Walensee derart wenig regnet, ist aussergewöhnlich. Dieses Gebiet markiert im Sommer nämlich normalerweise den «Schüttstein» der Schweiz: Von Juni bis August fallen im Schnitt je nach Messstelle bis zu 600 Liter Regen pro Quadratmeter.

Verantwortlich dafür sind vor allem die häufigen Gewitterlagen. In «normalen» Sommern bilden sich entlang der zentralen und östlichen Voralpen immer wieder Gewitterzüge, die sich dann unter Verstärkung von West nach Ost verlagern. Der obere Zürichsee und der Walensee liegen mitten drin in dieser sogenannten «Gewitterschiene».

Doch was für andere Jahre gilt, gilt nicht für 2018. «Die Gewitterzüge sind fast komplett ausgeblieben», sagt Stephan Bader. Schuld daran ist die Tatsache, dass sich über Nordeuropa bereits im April ein kräftiges Hochdruckgebiet ausbildete – und in der Folge ohne grössere Unterbrüche erhalten blieb.

Langjähriger Verlauf der Niederschlagssumme April bis August gemittelt über die Region zwischen Zürichsee/Walensee und Bodensee. Dargestellt ist das Verhältnis zur Norm 1981-2010. Die grünen Säulen zeigen überdurchschnittliche, die braunen unterdurchschnittliche Mengen (Stand 19. August 2018). Quelle: Meteoschweiz

Wegen dieser Blockade der grossräumigen Zirkulation konnten die Tiefdruckgebiete vom Atlantik her – die mit ihren Kalfronten normalerweise den Wetterumschwung mit Gewittern auslösen – praktisch nie bis zum Alpenraum vorstossen. Und wenn es denn einmal ein Tiefdruckgebiet schaffte, den «Riegel» zu durchbrechen, kamen hierzulande nur verkümmerte Reste an.

Extremereignisse sind schlechte Klima-Indikatoren

Doch wie ist das alles nun klimatisch einzuschätzen?

Gemäss Stephan Bader ist der Sommer 2018 bezüglich Trockenheit ein absolutes Extremereignis – vergleichbar mit dem Hitzesommer 2003. Das bedeutet auch: So schnell dürfte sich dieser Sommer nicht wiederholen. In den langfristigen Datenreihen macht sich zudem bisher kein Trend zu weniger Regen im Sommer bemerkbar.

Allerdings stört sich Stephan Bader daran, dass in der öffentlichen Diskussion stets die Extreme herangezogen werden, wenn es um den Klimawandel geht. Das sei nämlich gar nicht nötig. «Wir haben viel mehr Signale in weniger spektakulären Bereichen, die speziell die Veränderung des Sommerklimas in den letzten Jahrzehnten deutlich dokumentieren», sagt er.

Das klarste Signal sei die Erwärmung: Seit den 1990er-Jahren habe sich die Durchschnittstemperatur im Sommer kontinuierlich erhöht. Der Klimawandel sei längst Realität. «Wir haben heute ein anderes Sommerklima als noch vor 30 Jahren», betont Bader.

Mehr Wärme, mehr Verdunstung

Wie sich das Sommerwetter am Zürichsee und Walensee in den kommenden Jahrzehnten genau entwickeln werde, könne im Detail schwer vorhergesagt werden, sagt Bader. Allerdings können die Klimatologen anhand der vorhandenen Daten zumindest aussagekräftige Prognosen aufstellen.

Höhere Temperaturen im Sommer bedeuten beispielweise eine stärkere Verdunstung. Das heisst: Den Böden und der Vegetation wird Feuchtigkeit entzogen.

Was das bedeuten kann, lässt sich in heissen und trockenen Sommern bereits beobachten. Die Feuchtigkeit in den bodennahen Luftschichten nimmt ab. Genau davon zehren aber im Hochsommer die Hitzegewitter, die sich durch aufsteigende Luftmassen über Hügeln und Bergen entwickeln und zumindest punktuell Regen bringen können. Ihnen wird durch die trockenen Böden regelrecht das Fundament entzogen – die Gewittertätigkeit nimmt ab. Ein Teufelskreis.

Es kippt Richtung Mittelmeerklima

Längerfristig ist gemäss Stephan Bader damit zu rechnen, dass sich das Sommerklima hierzulande «mediterranisiert». «Wir erwarten eine grossräumige Änderung der Zirkulation von den Tropen zu den Subtropen», sagt Bader.

Konkret bedeutet das: Das klassische Mittelmeerklima mit einer ausgeprägten Trockenzeit im Sommer und einer Regenzeit im Winter verschiebt sich zusehends Richtung Mitteleuropa. Das bedeutet nicht, dass es hierzulande künftig keine nassen und kühlen Sommermonate mehr geben wird. Das Verhältnis dürfte sich aber insgesamt in Richtung mediterraner Verhältnisse verschieben. Damit sei etwa ab 2050 zu rechnen.

Gemäss Stephan Bader gilt das aber ausdrücklich nur für den Sommer. Für die anderen Jahreszeiten ergeben die Modellrechungen trotz ansteigender Temperatur keine eindeutigen Änderungen bei der Häufigkeit von Niederschlag. (zsz.ch)

Erstellt: 23.08.2018, 14:41 Uhr

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