Rapperswil-Jona

Wie eine WEF-Kommunikatorin Entwicklungshelferin in Asien wird

Judith Schuler wollte Diplomatin werden. Weil sie schnell realisierte, dass sie lieber direkt mit Menschen arbeitet als auf Ebene der Staaten, landete sie schliesslich bei der Entwicklungshilfe. Sie sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche eine Schulbildung erhalten und Waisen ein Zuhause.

Judith Schuler führt seit bald drei Jahren die Hilfsorganisation Usthi. Falls sie nicht gerade in Nepal oder Indien im Einsatz ist, leitet sie die Stiftung von ihrem Büro in Zürich-Oerlikon aus.

Judith Schuler führt seit bald drei Jahren die Hilfsorganisation Usthi. Falls sie nicht gerade in Nepal oder Indien im Einsatz ist, leitet sie die Stiftung von ihrem Büro in Zürich-Oerlikon aus. Bild: Sabine Rock

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Sind Sie ein Helfertyp? Judith Schuler: Nein, ich glaube nicht. Es ist mir vielmehr ein Anliegen, einen Beitrag zu leisten, das grosse Ungleichgewicht auf dieser Welt abzubauen. Wir sind mit unserem Leben hier in der Schweiz unglaublich privilegiert. Es liegt mir am Herzen, Menschen zu unterstützen, denen es viel weniger gut geht als uns.

Überkommt Sie keine Verzweiflung angesichts des überbordenden Elends auf dieser Welt? Unverzagt war und bin ich bei weitem nicht immer. Gerade in meiner UNO-Arbeit in Afrika bin ich regelmässig mit schweren Rückschlägen konfrontiert worden. Burundi etwa war vor zehn Jahren ein Land auf gutem Wege, hat Demokratie eingeführt und Wahlen abgehalten. Dieser erste demokratisch gewählte Präsident wollte dieses Jahr nach zwei Legislaturperioden nicht zurücktreten, und so haben die Unruhen wieder begonnen.

Wie haben Sie trotz dieser Hoffnungslosigkeit an Ihrer Arbeit festhalten können? Nach acht Jahren mit der UNO in Afrika war ein Kontinentenwechsel nach Asien gut für mich. Und ich erlebe seither eine ganz andere Situation. Die Bevölkerung in Nepal und Indien will vorwärtsmachen und denkt und handelt viel unternehmerischer. Sie richtet den Blick in die Zukunft. Das erleichtert unsere Arbeit natürlich.

Dann liegen also Welten zwischen den Asiaten und den Afrikanern? Es gibt bezüglich der Mentalität in der Tat einige Unterschiede. Man kann aber nicht alle Länder Afrikas in den gleichen Topf werfen. So habe ich als UNO-Mitarbeiterin in Äthiopien und generell in Ostafrika durchaus positive Erfahrungen gemacht.

Wie kommen Sie vom WEF via UNO ausgerechnet zum Hilfswerk Usthi? Sicherlich nicht aus finanziellen Gründen (lacht)! Geld ist mir nicht so wichtig. Wesentlicher finde ich, dass ich freier arbeiten kann und nicht eingeschränkt werde durch übergeordnete Hierarchien. Fakt ist, dass in grossen Konzernen die Bürokratie überhand nimmt. In kleinen Organisationen kann man oftmals mehr erreichen, mehr bewegen. Der Grund für die Rückkehr in die Schweiz war schliesslich auch das Rotationssystem der UNO: Ich wollte meinem Sohn nicht zumuten, alle vier Jahre in ein anderes Land zu ziehen.

Bei der Entwicklungshilfe stellt sich gleich die Frage: Ist sie nicht ein Tropfen auf den heissen Stein? Sie erreicht ihr Ziel bereits, wenn man einem einzelnen Menschen hilft. In einem Einzelfall kann sie zu 100 Prozent wirksam sein. Und dieses Beispiel zeigt just auf, dass ich selber mit meiner Arbeit etwas erziele: Sie verändert das Leben von Menschen: Kinder können in die Schule gehen; wir bieten ihnen ein Heim an. Prostituierten vermitteln wir eine Ausbildung und eine andere Arbeitsstelle. Wir unterstützen über 3000 Menschen – vor allem Kinder.

Was hat Sie am meisten beeindruckt bei Ihren Reisen nach Indien und Nepal? Nach dem Erdbeben in Nepal, welches eine Katastrophe par excellence für das Land bedeutete, hat mich die Reaktion der Menschen dort vollends überrascht und überwältigt. Wie sie trotz schwierigsten Umständen und zahlreichen Nachbeben eine Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt haben. Wie sie trotz denkbar schlechten Prognosen (viele Geologen erwarten in naher Zukunft ein noch stärkeres Erdbeben) vorwärts schauen, hat mich tief beeindruckt.

Welche Geschichten sind Ihnen nahe gegangen? Traurig war die Geschichte jener Kinder in Nepal, die nach dem Erdbeben lange Zeit nicht wussten, ob ihre Familie noch lebt und ihr Haus noch steht, weil die Telefonverbindungen unterbrochen waren. Es gibt auch sehr erfreuliche Geschehnisse, etwa jene Geschichte aus einem Waisenhaus in Indien: Ein Mädchen aus Kalkutta namens Sonja schafft sich hoch und bringt es weit. Sie wurde im Swissôtel Kolkata zur Angestellten des Monats gewählt.

Hilfswerke werden kritisiert, dass sie als Selbstzweck nur ihr eigenes Geschäft betreiben. Was macht Usthi anders als die anderen Organisationen? Usthi ist ein sehr kleines Hilfswerk und dadurch sehr übersichtlich. Ich kümmere mich hauptsächlich um Finanzen, Spenden und Kommunikation. Daher weiss ich, wohin die Spendengelder fliessen. Es gibt da nicht hundert Töpfe, in die das Geld versickern kann.

Ist es nicht so, dass Hilfswerke den Armen gar nicht helfen, sondern diese nur abhängig machen? Das ist eine berechtigte Kritik. Wenn Hilfswerke nur neue Abhängigkeiten kreieren, ändert sich die Situation nicht zum Besseren. Wir achten in unseren Programmen darauf, Abhängigkeit zu reduzieren, sodass unsere Hilfe schliesslich zur Selbsthilfe wird. Das geht so weit, dass gewisse Teilprojekte vor Ort profitorientiert arbeiten und einen Gewinn abwerfen müssen, der dann die sozialen Projekte mitfinanziert. So finanziert unsere Textilfabrik unser Berufsbildungszentrum. Wir legen Wert darauf, dass unsere Partner auch lokale Spenden suchen. Nur auf diese Weise kann Nachhaltigkeit entstehen.

Gab es andere Pläne in Ihrem Leben? Mein Mädchentraum war immer, in die Welt zu reisen und fremde Kulturen kennenzulernen. Mit 15 Jahren wollte ich zum ersten Mal alleine ins Ausland. Während meines Studiums hatte ich die Möglichkeit zu reisen. Seither hat mich die Faszination für die Völker und Menschen dieser Erde nie mehr losgelassen. Derzeit brechen viele Menschen auf nach Europa, um hier als Flüchtlinge Asyl zu erhalten.

Wie kommt bei Ihnen unser Umgang mit den Flüchtlingen aus Afrika und Asien an? Viele haben Angst vor dem, was sie nicht kennen. In diesem Sinne werden Flüchtlinge hierzulande selten mit offenen Armen empfangen. Das empfinde ich oft als kleinherzig. Uns geht es sehr gut in der Schweiz – gleichzeitig schaffen wir es nicht, uns in die Situation hineinzuversetzen von Menschen, die in grosser Not sind. Am meisten geprägt hat mich diesbezüglich die Hungerkatastrophe in Somalia im Jahr 2011, als viele Flüchtlinge, die es überhaupt bis nach Äthiopien schafften, die Hälfte ihrer Kinder verloren hatten. Das sind Bilder, die einen nie mehr loslassen und die unsere Probleme als klein erscheinen lassen.

Welche Vision haben Sie für die Zukunft? Ich wünsche mir, dass ich weiterhin die Möglichkeit habe, mit relativ bescheidenen Mitteln vielen Menschen in Indien und Nepal zu helfen. Für uns alle hoffe ich, dass wir uns etwas weniger auf uns selbst fokussieren, sondern mehr Offenheit und Empathie lernen und üben. Und was die Leute am Zürichsee betrifft: Ich bin ihnen überaus dankbar für die grosszügige Unterstützung durch ihre Spenden. Nur dank ihnen kann Usthi überhaupt wirken. (zsz.ch)

Erstellt: 04.10.2015, 14:37 Uhr

Infobox

Zur Person

Judith Schuler kam 1975 zur Welt und ist in Baar aufgewachsen. Nach einem Studium der Internationalen Beziehungen in Genf schloss sie mit einem Master in Unternehmensführung ab. Nachdem Judith Schuler drei Jahre lang in der Kommunikationsabteilung des World Economic Forum (WEF) gearbeitet hat, verbrachte sie acht Jahre als UNO-Mitarbeiterin in Afrika. Sie war unter anderem für die Kommunikation des Welternährungsprogramms in Äthiopien verantwortlich. Seit 2012 ist Judith Schuler Geschäftsführerin der Stiftung Usthi in Rapperswil-Jona. Sie hat einen Sohn und lebt in Baar.

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