Uznach

Wie ein Uzner Pfarrer als Ketzer auf dem Scheiterhaufen landet

Der Historiker Kilian Oberholzer hat ein Werk über die Uzner Stadtpfarrkirche verfasst. Seine Publikation befasst sich mit der Christianisierung des Linthgebiets und der Geschichte der Pfarrei Uznach. Sie dreht sich zudem um den ersten Märtyrer der Reformation, der den Feuertod erleidet.

Die beiden grossen Glocken in der Uzner Stadtpfarrkirche stammen von lothringischen Wandergiessern, die im  17. Jahrhundert in der Ostschweiz unterwegs waren. Die Glocken hingen ursprünglich in der Uzner Kreuzkirche.

Die beiden grossen Glocken in der Uzner Stadtpfarrkirche stammen von lothringischen Wandergiessern, die im 17. Jahrhundert in der Ostschweiz unterwegs waren. Die Glocken hingen ursprünglich in der Uzner Kreuzkirche. Bild: Manuela Matt

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Am Anfang war Tuggen – hier startet die Christianisierung am Obersee: Als Kolumban und ­Gallus im Jahr 610 nach Tuggen kommen, sind die Menschen im Heidentum verhaftet: «Der Ort gefiel ihnen, aber die verdorbenen Sitten der Einwohner missfielen ihnen. Grausamkeit und Bosheit herrschten bei ihnen», schreibt Kilian Oberholzer in seinem Werk «Zur Geschichte der Pfarrei Uznach und ihrer Kirchen». Gallus steckt die Heilig­tümer der Tuggner in Brand und versenkt die für die Götter bestimmten Opfergaben in den See, Kolumban belegt die Tuggner Bevölkerung mit einem Fluch.Tatsächlich werden unter der heutigen Pfarrkirche von Tuggen die Fundamente einer Vorgängerkirche ausgegraben, die aus der Zeit um das Jahr 640 herum stammt. Hundert Jahre jünger als die Tuggner Kirche ist das erste Gotteshaus in Uznach, das im8. Jahrhundert am Standort der heutigen Kreuzkirche gebaut wird.

Handgreifliche Geistliche

Einen Schwerpunkt in Oberholzers Schrift bildet die Zeit der Reformation am Obersee: Der Historiker hält fest, dass Uznach beim alten, katholischen Glauben verbleibt: Die Grafschaft Uznach, zu der neben Uznach auch Eschenbach, Schmerikon, Goldingen und St. Gallenkappel gehören, wird nicht reformiert – als einziges Gebiet im ganzen Kanton St. Gallen.

Oberholzer berichtet ausführlich über die Missachtung der Zöli­bats­ver­pflichtung, was zu Bussenzahlungen an den Bischof führt. Auch Spielleidenschaft und Handgreiflichkeiten unter Beteiligung von Geistlichen sind überliefert. Priester, die im Konkubinat leben oder sich einer Vaterschaft schuldig machen, müssen Strafsteuern zahlen. Schwerere Folgen zieht eine Vaterschaft nach sich, wenn der Geistliche eine Beziehung mit einer verheirateten Frau ein­gegan­gen ist.

Jakob Kaiser hingerichtet

Die Bevölkerung von Kaltbrunn, für deren Pfarrei Oberkirch das Recht der Pfarrwahl beim Kloster Einsiedeln liegt, verjagt zwei Geistliche, weil sie neugläubige Prediger verlangt. Das Volk beruft Jakob Kaiser, einen aus Uznach stammenden, zuvor katholischen Priester, auf die Pfarrstelle. Dass dieser im katholischen Linthgebiet in seinen Predigten für die Reformation Werbung macht, passt den Schwyzern gar nicht: Die Schwyzer Obrigkeit lässt ihn am 22. Mai 1529 in der Uzner Hinterstadt beim steinernen Wegkreuz festnehmen und nach Schwyz überführen.

Zürich erhebt umgehend Protest und verlangt für Kaiser ein ordentliches Gerichtsverfahren in Uznach, wie Oberholzer ausführt: Trotz Drohungen Zürichs mit ­militärischer Intervention wird Jakob Kaiser in Schwyz verurteilt und am 29. Mai 1529 öffentlich als Ketzer verbrannt. Es ist Zwingli persönlich, der den Krieg, der als erster Kappeler Krieg in die Geschichte eingeht, strategisch vorbereitet. Die Truppen marschieren auf, so auch Glarner und Zürcher gegen Uznach. Die Ausein-andersetzungen werden Ende Juni 1529 friedlich beigelegt – dank der Kappeler Milchsuppe.

Uzner pilgern nach Einsiedeln

Oberholzer erklärt den Umstand, dass um Uznach nicht gekämpft wird, damit, dass die Bevölkerung die Schuld am Vorfall der Schwyzer Obrigkeit zuschiebt und wie Zürich ein Gerichtsverfahren in Uznach verlangt. Im Kappeler Landfrieden wird beschlossen, dass in den Herrschaften die Gemeinden selber über ihre Konfession beschliessen können, was im Gaster den Fortbestand der Reformation sichert.

Bis zur Reformation pilgerndie Zürcher jedes Jahr nach Ein­siedeln, geben diesen Brauch aber im Jahr 1523 auf. Uznach verpflichtet sich, diese Wallfahrt zu übernehmen, und pilgert seither an Pfingsten nach Einsiedeln. Das Wallfahrtsgelöbnis wird noch heute gehalten, allerdings findet die Pilgerfahrt nicht mehr an Pfingsten statt.

Die Kreuzbruderschaft

Wer heutzutage einen Blick auf den Südgiebel des Turms der Stadtpfarrkirche wirft, entdeckt Fresken links und rechts der Kirchenuhr: Die beiden darauf ab­gebildeten Musikanten erinnern an die Bruderschaft der Pfeifer und Geiger. Oberholzer widmet ein Kapitel seines Buchs der Kreuzbruderschaft, die in Uznach eine gewichtige Rolle einnimmt. Die Bruderschaft der «Fahrenden Leute beim Heiligen Kreuz» wird im Jahr 1407 gegründet.

«Eine religiös ausgerichtete Bruderschaft von Spielleuten ist im Mittelalter beinahe ein Widerspruch in sich», schreibt Oberholzer. Denn Spielleute, Spassmacher und Schauspieler gelten seit dem frühesten Christentum als ausgestossen und geächtet. Die Ächtung der Spielleute führt dazu, dass sie samt ihren Kindern als ehrlos gelten. Sie können keinen Beruf erlernen und keine Ehe ausserhalb ihres Standes eingehen.

Doch die damalige Gesellschaft ist auf Musikanten und Spassmacher angewiesen. Bei öffent­lichen Festlichkeiten, Kirchweih und Hochzeiten wollen die Leute nicht auf Musik und Tanz verzichten, also müssen Spielleute engagiert werden. So auch in der Einrosenstadt: Dank der Bruderschaft der Pfeifer, Geiger und Trommler können die Uzner die Feste feiern, wie sie fallen, und sich die Nächte um die Ohren schlagen.
Kilian Oberholzer:Zur Geschichte der Pfarrei Uznach und ihrer Kirchen. Herausgegeben vom katholischen Pfarramt Uznach. Mit einem ­Vorwort von Pfarrer Michael Pfiffner. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.01.2017, 21:09 Uhr

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