Rapperswil

Wie der Stern einen Seebub durch düstre Gassenschlucht zum König führt

Othmar Büchel ist Vorsinger der Trossknechte, seit das Sternsingen 1958 das erste Mal aufgeführt wurde. So wie ihn das Leben in der Rapperswiler Altstadt geprägt hat, so hat er dem Schauspiel seinen Stempel aufgedrückt.

Othmar Büchel wird am Sonntag zum 57. Mal als Trossknecht am Sternsingen vorsingen: «Eiapopeia, was wollte der Stern.»

Othmar Büchel wird am Sonntag zum 57. Mal als Trossknecht am Sternsingen vorsingen: «Eiapopeia, was wollte der Stern.» Bild: Reto Schneider

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Sie spielen seit bald sechzig Jahren einen Trossknecht im Sternsingen. Dienen Sie gerne? Othmar Büchel: Oh ja, sehr sogar, im Sternsingen sowieso. Aber auch sonst in meinem Leben. Zum Beispiel in der Rolle als Musiker, der das Publikum zum Tanzen animiert. Viele Jahre habe ich Saxophon im Harry Egger Sextett gespielt und bin in den Amerikaner-Clubs in Zürich aufgetreten. Zudem war ich fünfzig Jahre lang einer der Etzelchläuse. Den Menschen Freude zu bereiten, darin sehe ich Sinn und Bereicherung.

Am Sonntag treten Sie zum 57. Mal beim Sternsingen auf. Haben Sie immer noch Lampenfieber vor der Aufführung? Durchaus. Man sollte als Vorsinger der Trossknechte unter keinen Umständen seinen Einsatz verpassen oder den Text durcheinanderbringen. Tatsächlich ist mir einmal eine Verwechslung beim Sternsingen unterlaufen, als ich statt der zweiten die dritte Strophe gesungen habe. Ich bin stolz, dass ich keine einzige Aufführung verpasst habe. Und es freut mich, dass die Tradition in unserer Familie weitergeführt wird: Mein Sohn ist unterdessen auch Trossknecht geworden.

Gab es ausserordentliche Durchführungen, die Ihnen in Erinnerungen geblieben sind? Im Jahr 1971 fiel das Sternsingen aus, weil eine Grippewelle grassierte und viele Kinder krank waren. 1980 fand nur ein Umzug statt, weil der Hauptplatz wegen Bauarbeiten gesperrt war. 1989 war das Fernsehen da: Bei der Hauptprobe haben wir uns nicht an den Text gehalten, was der Regisseur als prompten, spontanen Einsatz durchgehen liess. Weniger erfreut war er, als wir einmal mit Berets statt mit den traditionellen Kappen aufgetreten sind.

Wie kamen Sie auf diese Idee? Wir Trossknechte sind eine reiselustige Truppe und haben immer wieder mal zusammen einen Ausflug in Städte unternommen, zum Beispiel nach München, Rom oder Paris. Als Reminiszenz an die Seine-Stadt haben wir dann beim Sternsingen die Berets statt die Kappen aufgesetzt. Ganz daneben fand der Regisseur, als wir an der Probe fürs Fernsehen «Der Stern führt uns zur Krippe da, doch wir lieben den Stern von Hürlimaa» gesungen haben. Auf die Idee kamen wir naturgemäss bei einem Hürlimann-Bier, das auf einer Flasche mit einem Stern serviert wurde.

Was war beim ersten Sternsingen 1958 anders als heute? Unsere Kleidung. Sie bestand aus bemaltem Kunstleder. Was haben wir geschwitzt mit diesen Kleidungsstücken! Wenn wir im Sommer an einem Trachtenfest einen Auftritt hatten, lief uns der Schweiss als Wasserstrom aus dem Ärmel. Später wurden diese Gewänder zum Glück durch baumwollene Kleider ersetzt. Am Stück selber hat sich in den 58 Jahren kaum etwas verändert. Einmal wurde bei einer Aufführung Mundart gesprochen. Doch schnell ging man wieder zurück ins Hochdeutsche. Und früher wurde öfters und länger geprobt. Die Proben waren auch deswegen länger, weil wir uns noch Zeit genommen haben, um zusammen Kaffee etc. zu trinken.

Was ist das Spezielle an Ihrem Part während der Aufführung? Dass mein Auftritt zwischen Tieren stattfindet. Hinter mir kommt beim Umzug gleich der König Melchior auf dem Kamel, sodass die Leute oftmals neben mir rufen: «Lueg, do chunts Kamel!» Sorgen macht mir bisweilen, wenn das Pferd meines Königs scheut. Da muss man aufpassen und auf der Hut sein, falls es ausschlägt.

Hat sich die Atmosphäre beim Sternsingen in den bald sechzig Jahren, in denen Sie dabei sind, verändert? Erstaunlicherweise gar nicht. Das Leben in der Altstadt allerdings schon. Ich bin im Herrenberg aufgewachsen und habe die Altstadt als heile Welt erfahren. Wir waren viele Kinder und dementsprechend eine rechte Rasselbande. In der Jugend sind wir von Beiz zu Beiz gezogen und haben gefeiert. Heute gibt es neben dem Paragraph 11 fast keine richtige Beiz mehr in der Altstadt. Die Leute kennen sich auch kaum noch. Natürlich war damals alles ganz anders: Wir hatten zum Beispiel keine Waschmaschine, und so musste ich meiner Mutter die Wäsche zum See tragen, die sie dort wusch. So etwas kann man sich heutzutage ja kaum mehr vorstellen.

Ihr Namensvetter ist Bischof von St. Gallen. Wie haben Sie es selber mit der Religion? Als Kind war ich Ministrant, mein Vater Kirchenweibel. Damals am Herrenberg war man automatisch mit der Religion verbunden. Unterdessen hat mein Interesse für das Religiöse eher nachgelassen. Es steht nicht mehr so im Vordergrund meines Lebens. Jedenfalls hätte ich mir nie vorstellen können, selber Bischof zu werden (lacht).

Ist es schon zu Verwechslungen gekommen? Nicht mit dem Bischof von St. Gallen, sondern vielmehr mit einem Othmar Büchel aus Rüti. Die Post hat mir öfters Briefe gebracht, die für ihn bestimmt waren. Zum Beispiel einmal einen Gerichtsentscheid zu einem Einbruch in eine Scheune. Das kam mir dann ziemlich spanisch vor, denn ich habe gar keine Scheune.

Sie sind Elektroniker geworden in Ihrem Berufsleben. War das Ihr Bubentraum? Meine Leidenschaft galt immerzu dem Handwerk. Deswegen nahm ich auch eine Kleinmechanikerlehre in Angriff. Dann liess ich mich zum Elektroniker und Ingenieur weiterbilden und entwickelte bei der Cerberus AG in Männedorf die Hardware und Elektronik für Feuermeldezentralen. Zudem habe ich während zwanzig Jahren die Lehrlinge ausgebildet. Das Handwerkliche interessiert mich allerdings auch heute noch. So baue ich gerne für meine Enkelkinder Wiegen, Puppenstuben und Lastwagen – alles aus Holz.

Heute funktionieren immer mehr Dinge elektronisch auf dieser Welt. Wie sehen Sie den Wandel in technologischer Hinsicht? In der Tat werden heutzutage Transistoren und Prozessoren immer wichtiger. Das ist der Lauf der Dinge. Den Veränderungen in technologischer Hinsicht sehe ich mit Gelassenheit entgegen. Jedenfalls habe ich keine Angst, dass die Roboter eines Tages die Welt erobern. Vielmehr betrachte ich Roboter als eine ideale Bereicherung unseres Lebens. So können sie praktische Hilfsmittel sein in unserem Haushalt – etwa beim Staubsaugen oder Rasenmähen.

Wohin, glauben Sie, bewegt sich unsere Welt? Man hat das Gefühl, dass alles immer krimineller und gefährlicher wird. Naturgemäss bedrückt einen der aufflackernde Terrorismus. Auf der anderen Seite soll man auch sehen, dass es in Europa keine Kriege mehr gibt. Zum Glück auch, weil wir brauchen den Krieg nicht. Im gesellschaftlichen Leben würde es sicher gut tun, wenn sich die Menschen wieder mehr aufeinander zubewegen würden, um der überhand nehmenden Individualisierung und Vereinzelung Einhalt zu bieten.

Interview: Magnus Leibundgut

Sonntag, 20. Dezember, 18 bis 19 Uhr, Rapperswil. Schafe, Esel und Kamele ziehen vom Kapuzinerkloster via Hintergasse, Strehlgasse, Schmiedgasse und Kluggasse zum Hauptplatz. Dort findet beim Brunnen auf der Schlosstreppe die Aufführung statt. (zsz.ch)

Erstellt: 13.12.2015, 15:28 Uhr

Zur Person

Othmar Büchel, geboren im Jahr 1941, ist in der Altstadt von Rapperswil aufgewachsen. Nach einer Kleinmechanikerlehre liess er sich zum Elektroniker ausbilden und arbeitete fast 40 Jahre lang bei der Cerberus AG in Männedorf. Othmar Büchel spielte Saxophon beim Harry Egger-Sextett und heute noch bei der CMV Blasmusik (Christlicher Metallarbeiterverband). Neben der Musik und dem Reisen zählt Werken mit Holz zu seiner Leidenschaft. Othmar Büchel hat zwei Kinder und zwei Enkel und lebt in Tann. ml

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