Rapperswil-Jona

Wie aus Fakten Fiktion entsteht

Heute Abend präsentiert Petra Ivanov im Schloss Rapperswil ihren neuesten Flint-und-Cavalli-Krimi. Mit ihrem ausgeprägten journalistischen Blick für das Präzise gelingt es der Zürcher Autorin, eine authentische und fesselnde Atmosphäre zu schaffen.

Petra Ivanov hat in Zürich ihr neues Werk «Alte Feinde» vorgestellt und liest heute Abend in Rapperswil.

Petra Ivanov hat in Zürich ihr neues Werk «Alte Feinde» vorgestellt und liest heute Abend in Rapperswil. Bild: Sabine Rock

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Sie waren ursprünglich Redaktorin. Wie sind Sie dazu gekommen, die Seiten zu wechseln, vom Journalismus zur Literatur?
Petra Ivanov: Ich habe festgestellt, dass ich mit Geschichten Menschen auf andere Art und Weise erreichen konnte als durch journalistische Beiträge. Kurzerhand verpackte ich die Themen, die mir am Herzen lagen, in Spannungsromane. Den Ausschlag für den Wechsel gab der Umstand, dass keine Zeitung Interesse fand an meinem Bericht aus Albanien, den ich für das Heks verfasst hatte.

Wie hat Ihre journalistische ­Vergangenheit Ihre jetzige Arbeitsweise beeinflusst?
Die Bühne, auf die ich schliesslich erfundene Figuren setze, muss stimmen. Ich kann nicht erwarten, dass man die Themen meiner Bücher ernst nimmt, wenn zum Beispiel die Abläufe bei den Strafverfolgungsbehörden nicht stimmen. Oder wenn die Handgriffe, die ein Reiter beim Satteln eines Pferdes macht, falsch sind. Das setzt voraus, dass ich mich selber auf einen Pferderücken setze. Ich gehe in den Schiesskeller und schaue dem Gerichtsmediziner über die Schulter, wenn er eine Leiche seziert. Oder mache die Bekanntschaft mit einem Bordellbesitzer, den ich durch meine Recherchen für einen Krimi im Rotlichtmilieu kennen lernte.

Krimis sind in aller Munde und erleben einen wahren ­Aufschwung. Leben wir in einer bösen Welt, in der die ­Kriminalität überhandnimmt?
Nein, ganz im Gegenteil! In der Schweiz wurden beispielsweise noch nie so wenige Straftaten wie 2017 registriert. Ich glaube, die Leute lesen gerne Krimis, weil sie sich danach sehnen, intensiv zu leben, intensive Gefühle zu haben. Die Menschen suchen den Nervenkitzel. Der Krimi bietet die Möglichkeit, aus der sicheren Stube in Abgründe zu blicken.

Wo verorten Sie das Böse? Steckt der Teufel dahinter und droht uns nach dem Tod das Fegefeuer, wenn wir ­Untaten verübt haben?
Ich bin nicht religiös. Ich betrachte das Böse ganz pragmatisch als etwas, das im Verhalten eines Menschen zum Ausdruck kommt. So halte ich es etwa für möglich, dass ein Mensch mit bösen Wesenszügen auf die Welt kommt und sich dann aber im Verlaufe seines Lebens zum Guten hin entwickelt. Oder umgekehrt.

Sind Ihre Figuren aus der Luft gegriffen, wirklich erfunden und ohne Bezug zur Realität?
In der Regel sind meine Figuren erfunden, aber natürlich fliessen auch Eigenschaften von Menschen ein, die mir im Laufe des Lebens begegnet sind. Mein neues Buch «Alte Feinde» dreht sich um den Schweizer Heinrich Hartmann Wirz, der Captain der konföderierten Armee während des amerikanischen Bürgerkriegs war. Wirz hat tatsächlich existiert. Er wurde im Jahr 1865 von Unionstruppen verhaftet, wegen Kriegsverbrechen angeklagt und zum Tod verurteilt. Er war einer der beiden Südstaatler, die von einem Gericht wegen Kriegs­verbrechen hingerichtet wurden. Mein Buch geht der Frage nach, warum Wirz vom Süden zum Märtyrer und vom Norden zum Kriegsverbrecher erklärt wurde.

Verstehen Sie sich als politische Autorin?
In meiner Tätigkeit beim Heks war ich bereits mit Entwicklungsarbeit beschäftigt, und diese ist ja an sich politisch. So richtig trennen kann ich denn das Politische nicht von den Krimi­romanen. Zum Teil kommt es ganz explizit zum Ausdruck, zum Beispiel, wenn ich über den Umstand schreibe, ob der Seeuferweg privat oder öffentlich sein soll. Sicherlich herrscht eine gewisse Ernsthaftigkeit in meinen Geschichten vor. Ich schreibe so, wie ich gerne lese. Zu viel Humor hindert mich daran, so richtig in eine Geschichte einzutauchen, denn Lachen schafft Distanz. Ich lockere die Plots eher mit Beziehungsgeschichten auf.

Haben Sie eine Botschaft für Ihre Leser?
Ja. Ich will den Blickwinkel öffnen, verschiedene Meinungen aufzeigen, Sichtweisen einnehmen, die man so üblicherweise nicht hat. Ein Buch bietet Platz für viele Figuren mit unterschiedlichen Ansichten und Erfahrungen.

Sie schreiben unzählige Bücher, halten viele Lesungen. Haben Sie noch Lampenfieber, zum Beispiel vor Ihrem heutigen ­Auftritt im Schloss Rapperswil?
Ja. Jedes Publikum reagiert ­anders. Auch ich fühle mich nicht immer gleich. Manchmal verschlägt mir ein staubiger Teppich oder ein starkes Parfüm die Stimme, dann wird eine Lesung zur Zitterpartie. Aber Lesungen sind nicht nur wichtig, weil es kaum möglich ist, allein vom Verkauf der Bücher zu leben. Solche Veranstaltungen erlauben es mir auch, mit meinen Leserinnen und Lesern in Kontakt zu treten.

31. August, 19.30 Uhr. Kleiner Rittersaal im Schloss Rapperswil. Moderation durch den SRF-1-Moderator Mike La Marr. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.08.2018, 09:41 Uhr

Zur Person

Petra Ivanov wurde 1967 in Zürich geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach dem Studium an der Dolmetscherschule Zürich arbeitete sie als Übersetzerin und Sprachlehrerin, später als Journalistin in ­verschiedenen Redaktionen. Im Jahr 2005 veröffentlichte Petra Ivanov ihren ersten Kriminal­roman «Fremde Hände», der ­Beginn einer Reihe mit dem ­Ermittler-Duo Regina Flint und Bruno Cavalli.

2011 startete sie mit «Tatverdacht» eine neue Reihe mit der Ermittlerin Jasmin Meyer und dem Anwalt Pal Palushi. Ihre Kurzgeschichten erschienen in Zeitungen und Zeitschriften sowie in Buchform seit 2007 zudem mehrere Bände von Regio-Krimis. «Reset» war im Jahr 2009 das erste von mehreren Jugendbüchern. Petra Ivanov hat im Jahr 2010 den Zürcher Krimipreis erhalten. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Zürich. (ml)

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