Archäologie

«Wenn man nichts findet, ist das auch ein Hinweis»

Schweizer Archäologen haben in Griechenland ein bedeutendes Heiligtum entdeckt. Mit dabei war auch der Joner Tobias Krapf. Er verbringt die heissen griechischen Sommer damit, nach Scherben und verlorenen Fingern zu suchen.

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Für Tobias Krapf ist es eine grosse Freude, wenn er einen Finger findet. Der 30-Jährige Joner arbeitet nämlich als Archäologe auf Euböa, der zweitgrössten Insel Griechenlands. Der fragliche Steinfinger gehört einer Statue und wurde letztes Jahr vom Team der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland gefunden, der Krapf angehört. Die Statue stand wohl in der Antike im Heiligtum der Artemis Amarysia, der griechischen Göttin der Jagd.

Seit über hundert Jahren suchen Archäologen nach der Kultstätte, dieses Jahr wurden sie fündig. Die Existenz eines der wichtigsten Heiligtümer Euböas ist durch Schriftquellen überliefert. Laut Quellen hat es dort riesige Prozessionen mit bis zu 3000 Soldaten, Reitern und Würdenträgern gegeben. Auch wichtige Beschlüsse wurden im Heiligtum veröffentlicht, weil sie dort alle sehen konnten. Daher erhoffen sich die Archäologen vom Heiligtum wichtige Rückschlüsse über Eretria, die antike Hauptstadt eines der vier Stadtstaaten der Insel.

Ein Verschreiber

Doch genau in diesen Quellen, welche die Fantasie der Forscher anregten, lag auch die Krux. Der römische Geograf Strabon beschreibt, die Distanz zwischen Hauptstadt und Heiligtum. Weil sich aber im Laufe der Jahrhunderte beim Abschreiben des Textes ein Fehler einschlich, suchten die Archäologen am falschen Ort. «Wenn man nichts findet, ist das auch ein Hinweis», meint Krapf dazu lakonisch.

Erst als dieser Fehler erkannt wurde, konnte man die Grabungen an den richtigen Ort verlegen. Ungefähr elf Kilometer von Eretria entfernt wurden die Forscher dann 2007 fündig. Sie gruben über 50 Meter lange Hallenbauten aus. Die Vermutung war, dass die Mauern einst das Heiligtum umfassten.

Die endgültige Bestätigung, dass es sich tatsächlich um das Heiligtum der Artemis handelt, kam allerdings erst dieses Jahr. Archäologische Ausgrabungen sind langwierige Unternehmungen. Einerseits müssen immer wieder Bewilligungen eingeholt werden, erklärt Krapf, der als wissenschaftlicher Sekretär der Schule fungiert. Andererseits muss die Schule auch Grundstücke erwerben, auf denen sie graben kann. Nicht immer seien die Besitzer auf Anhieb zum Verkauf bereit. Hinzu kommt, dass die Schule zwar vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird, aber dennoch immer auf der Suche nach zusätzlichen Geldgebern ist.

Im Sommer aktiv

Gegraben wird nur während sechs Wochen im Jahr. Mehr bewilligt der griechische Staat nicht. Also arbeiten die Archäologen während den Semesterferien im Sommer. Mit dabei sind Studenten aus der ganzen Schweiz. Auch Krapf kam als Student zum ersten Mal mit der Schule in Kontakt.

Dass er einmal in Griechenland graben würde, scheint im Fall von Tobias Krapf beinahe vorgezeichnet. Bereits mit 13 Jahren entschied er sich, in St.Gallen statt in Wattwil ins Gymnasium zu gehen. Denn nur dort wurde das altsprachliche Profil mit Griechisch und Lateinisch angeboten. Ohne diese Sprachen kommt kein zukünftiger Archäologe aus. Zu seiner Berufswahl inspiriert hätten ihn unter anderem die Burg Rapperswil und die römischen Ruinen in Kempraten, erinnert er sich. Bei der Erforschung letzterer hat er während seines Studiums auch mitgearbeitet.

Während er in Kempraten mit dem Schnee zu kämpfen hatte, ist es im griechischen Sommer die Hitze. Es könne durchaus bis zu 40 Grad heiss werden, sagt Krapf. Dann werde eben nur morgens gearbeitet. Für gröbere Arbeiten setzen die Forscher zuerst auf Pickel und Schaufel. Für feinere Arbeiten werden Zahnarztwerkzeuge wie Spachtel eingesetzt.

Den Rest des Jahres verbringen die Forscher damit, die Fundstücke auszuwerten. Letztes Jahr seien etwa 85 Kisten mit Material gesammelt worden, erzählt Krapf. Das meiste seien Scherben gewesen. Und eben der Finger einer Statue.

Die Statue mag wohl auf einem der Fundamente gestanden haben, welche die Archäologen dieses Jahr fanden. Die sogenannten Basen waren für den Bau eines Brunnens wiederverwendet worden. Weihungen an die Göttin, die darin eingemeisselt sind, beweisen, dass es sich tatsächlich um das Heiligtum der Artemis handelt. Hinzu kamen Dachziegel, die als Eigentum der Artemis angeschrieben sind.

Als Nächstes hoffen die Forscher, den Tempel und den Altar zu finden, sagt Krapf. Die Arbeit gehe ihnen sicher noch lange nicht aus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.10.2017, 14:51 Uhr

Die Schweizerische Archäologische Schule in Griechenland

Bereits 1964 begannen Schweizer Archäologen mit den Ausgrabungen der antiken Stadt Eretria auf Euböa. Elf Jahre später wurde die Mission vom griechischen Staat offiziell als Schweizerische archäologischen Schule in Griechenland anerkannt. Die Leitung der Schule liegt bei der Universität Lausanne.

Im Laufe der Jahre wurden unter anderem ein Apollotempel, Wohnhäuser, sowie ein antikes Gymnasion entdeckt. Die Fundstücke bleiben im Besitz des griechischen Staates, die Archäologen hingegen haben die Rechte an Forschung und Publikationen. In Eretria hat die Schule das lokale Museum vergrössert und stellt dort ihre Funde aus.

Unterstützt wird die Schule vor allem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Hinzu kommen unter anderem die Stiftung der Familie Sandoz, die Lotterie Romande, und Zuwendungen von Firmen wie Nestlé oder Roche. (Otm)

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