Natur

Warum Singvögel im Winter vermehrt zu Hause bleiben

Die milden Winter haben Einfluss auf heimische Vögel und Wintergäste am Obersee. Während Singvögel öfters zu Hause überwintern, treffen Gäste aus dem Norden später ein oder fliegen früher wieder heimwärts.

Rotkehlchen bleiben bei günstiger Witterung im Winter zunehmend in unseren Breitengraden.

Rotkehlchen bleiben bei günstiger Witterung im Winter zunehmend in unseren Breitengraden. Bild: zvg/ Archiv ZSZ

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Und ewig lockt der Süden — dieses geflügelte Wort verliert zunehmend an Bedeutung, zumindest hinsichtlich der Reiselust der gefiederten Freunde. Denn diese verbringen die milderen Winter zunehmend zu Hause. Auch aus dem Norden stammende Vögel verändern ihr Zugverhalten und kommen bisweilen erst später an den Zürichsee oder ziehen früher wieder von dannen.

Insbesondere Hausrotschwänze und Bachstelzen, die in früheren Wintern nach Südspanien oder Portugal flogen, überwinterten heute häufig in unseren Breitengraden, erklärt Ornithologe Kurt Anderegg. Diese Verschiebung der Überwinterungs-Gewohnheiten sei nicht nur am Obersee, sondern in ganz Europa feststellbar: «Während beispielsweise die Mönchsgrasmücke in früheren Jahren weiter südlich überwinterte, verbringt sie nunmehr die kalte Jahreszeit öfters in Südengland oder an der Nordsee. Das ist neu», hält der Vogelexperte fest.

Obersee ohne Zwergsäger

Auch der in Nordeuropa und Nordasien beheimatete Zwergsäger lasse sich kaum mehr am oberen Zürichsee blicken, sagt Anderegg nicht ohne Bedauern in der Stimme: «Noch vor fünfzig Jahren sahen wir diese prächtig gemusterten Vögel regelmässig am Zürichsee. Heute ist es ein seltenes Ereignis, wenn ein Zwergsäger am Obersee auftaucht.»

«Noch vor fünfzig Jahren sahen wir diese prächtig gemusterten Vögel regelmässig am Zürichsee.»Kurt Anderegg, Ornithologe

Die sich langsam abzeichnenden Veränderungen seien jedoch nicht in Stein gemeisselt, mahnt Anderegg: «Kommt es im Norden im Februar oder März zu einem Kaltlufteinbruch, kann es sein, dass auch dann noch Zugvögel zu uns kommen.» Auch Greifvögel reagierten je nach Winter unterschiedlich. «Wird es bei uns kalt, ziehen sie teilweise später südwärts. In einem milderen Winter aber bleiben sie hier.»

Gefahr durch Kälteeinbruch

Ein ähnliches Verhalten sei bei den Eisvögeln zu beobachten, erklärt Wildtierbiologe Klaus Robin. «Eisvögel bleiben hier, so lange die Ränder von Gewässern nicht vereist sind und sie ihre Nahrung finden.» Robin weist jedoch darauf hin, dass das längere Ausharren in unseren Breitengraden auch zu einer Falle werden könne: «Plötzliche Kälteeinbrüche und dadurch verursachte schnelle Vereisung der Gewässerränder können Eisvögel überraschen und ihnen eine Winterflucht verunmöglichen, was zu vielen Todesfällen führen kann.»

Neben überraschenden Kälteeinbrüchen, die für Fauna und Flora nur schwer zu bewältigen sind, beeinflussen die milden Temperaturen zwischen Dezember und März auch die Wintersterblichkeit der Vögel. Wenn die Tiere immer genug Nahrung finden und das Quecksilber kaum je für mehrere Tage oder Wochen unter Null fällt, überleben auch gesundheitlich angeschlagene Vögel die kalte Jahreszeit. Das sei im Endeffekt aber nicht gut für die Natur, sagt Kurt Anderegg. Er kritisiert auch das übermässige Füttern der Vögel durch Menschen: «Man tut der Natur keinen Gefallen, wenn man schwache Tiere mithilfe von zusätzlicher Nahrung über den Winter bringt», mahnt der Ornithologe. «Solche Vögel bringen für die Fortpflanzung schlechtere Voraussetzungen mit.»

Das Nahrungsangebot hänge aber nicht nur von der Temperatur im Winterhalbjahr ab, erklärt Wildtierbiologe Klaus Robin. Ausschlaggebend seien bereits die Verhältnisse im Sommerhalbjahr. Sind in der wärmeren Jahreszeit ausreichend Früchte und Samen vorhanden, können die Vögel genügend Fett aufnehmen, um fit in die kältere Jahreszeit zu starten. Für die Jungvögel seien Insekten als sommerliche Nahrungsquelle sehr wichtig, erklärt Robin.

Auffällig sei die veränderte Wegzugstrategie auch bei den im Linthgebiet heimischen Störchen, erzählt Anderegg: «Während im letzten Jahr sechs Tiere in Rapperswil-Jona überwinterten, sind es dieses Jahr mindesten zehn.»

Wintergäste kommen später

Annemarie Sandor vom Schwyzer Amt für Natur- und Landschaftsschutz beobachtet bisher in den Naturschutzgebieten Nuoler Ried, Bätzimatt und Frauenwinkel kein wesentlich verändertes Zugverhalten von Wat- und anderen Wasservögeln. «Grundsätzlich dürfte sich das Zugverhalten von Wat- und Wasservögeln mit den milderen europäischen Wintern aber schon verändern», sagt Sandor. Insbesondere verschiedene Entenarten würden dem Winter nur so weit ausweichen, wie dies nötig sei, um an Nahrung zu gelangen. «Sie bewegen sich nur soweit südwärts, bis sie Gewässer finden, die nicht zugefroren sind.»

«Sie bewegen sich nur soweit südwärts, bis sie Gewässer finden, die nicht zugefroren sind.»Annemarie Sandor, Schwyzer Amt für Natur- und Landschaftsschutz

In Wintern, die in ganz Europa warm seien, würden weniger nordische Enten, Rallen und Taucher bei uns überwintern, hält Sandor fest. «In Wintern mit nur kurzen kalten Phasen treffen die Wintergäste tendenziell später auf unseren Gewässern ein oder verlassen diese wieder früher in Richtung Norden.»

Komplexes Gefüge

Es sei aber nicht nur der Faktor Klima, der das Zugverhalten der Vögel beeinflusse, ist Anderegg überzeugt. So spiele auch das Nahrungsangebot eine wesentliche Rolle, ebenso Veränderungen in der Landschaftsstruktur und in der Bodenbewirtschaftung.

Generell sei es schwierig, am Verhalten der Vögel die Gesamtauswirkungen der Klimaerwärmung festzumachen. «Wir können lediglich Tendenzen ausmachen», sagt Kurt Anderegg. In den Alpen bewirkt die Klimaerwärmung, dass sich Pflanzen und Tiere in höheren Regionen ausbreiten und die Waldgrenze ansteigt. «Bergvögel weiten ihr Verbreitungsgebiet nach oben aus, von weiter unten stossen Arten der Hügelzone nach», erklärt der Vogelexperte. Das weit oben lebende Schneehuhn sei hingegen bedroht.

Neben den Temperaturveränderungen wandelten sich auch Niederschlagsverteilung und Windverhältnisse. Beides hat Einfluss auf die Lebensbedingungen von Pflanzen und Tieren. «Dies sind komplexe Zusammenhänge», resümiert Anderegg. «Wir müssen die Natur immer als Ganzes sehen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 14:04 Uhr

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