Wochengespräch

«Von uns werden die Bücher überleben»

Bücher spielen im Leben von Alice und Hans Rudolf Bosch eine überragende Rolle. Und mit dem, was das Ehepaar erlebt hat, könnte man Bücherregale füllen.

Alice und Hans Rudolf Bosch sind seit 65 Jahren verheiratet.

Alice und Hans Rudolf Bosch sind seit 65 Jahren verheiratet. Bild: Sabine Rock

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Sie haben den Wunsch geäussert, gemeinsam zum Gespräch zu kommen, weil sie im Leben fast alles zusammen gemacht hätten. Sie sind beide über 90 Jahre alt und seit 65 Jahren verheiratet. Wurde Ihnen nie langweilig?

Alice Bosch: Nein, denn wir hatten beide immer auch unsere eigenen Interessen. Aber die Hauptsachen haben wir gemeinsam gemacht. Wir praktizierten fast 40 Jahre lang gemeinsam als Chirurgen und führen seit fast 60 Jahren den Kranich-Verlag.

1951 haben Sie das «ABC für junge Eheleute», einen Text von Johann Caspar Lavater, herausgegeben. Was für Ratschläge würden Sie einem heutigen Paar erteilen?

Hans Rudolf Bosch: Das Büchlein war ein Verlobungsgeschenk für meine Frau. Mein Ratschlag wäre: Es braucht eine gewisse Kongruenz, gemeinsame Interessen.

Als Chirurgen gründeten Sie 1958 den Kranich-Verlag. Wieso ausgerechnet einen Verlag?

HRB: Meine Frau hatte schon früh die Idee, dass wir auch nach unserer Pensionierung noch etwas Sinnvolles zu tun haben sollten. Bücher haben in unserem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Über die Lavater-Schrift war ich damals mit dem St. Galler Tschudy-Verlag in Kontakt gekommen. Meine Frau hat mir dann empfohlen, doch selber einen Verlag zu gründen.

Sie blicken auf fast ein Jahrhundert Lebenszeit zurück. Worin sehen Sie die grösste Veränderung?

AB: Ich habe Medizin studiert, weil ich einen Beruf wollte, der im Lauf meiner Tätigkeit Veränderungen und Verbesserungen erfährt. Die wollte ich miterleben. Die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten haben sich sehr stark verbessert. Und wir mussten mit all den Neuerungen mitlaufen. Das war spannend.

HRB: Vieles, was wir machten, beispielsweise gewebeerhaltend operieren bei Brustkrebs, war Pionierarbeit. Inzwischen machen es alle. Ich erhalte heute noch Briefe von Patientinnen, die mir dafür Anerkennung zollen.

Dass Sie Medizin studieren würden, war aber nicht von Anfang an klar?

AB: Mein Vater wollte, dass ich Anwältin werde. Ich musste ihn bis zum ersten Propädeutikum anschwindeln.

HRB: Für mich war es eine schwierige Entscheidung, denn ich liebte die Literatur ebensosehr. Ich entschied mich dann aber doch fürs Medizinstudium, schon aus Tradition. Meine Familie hat seit 500 Jahren Mediziner hervorgebracht. Die Literatur habe ich aber als Hobby immer weiter betrieben.

Gab es weitere Konstanten über all die Jahrzehnte?

AB : Der Kampf für mehr Frauenrechte war wichtig. Ich wurde mehrmals angefragt, mich für die Einführung des Frauenstimmrechts einzusetzen, aber ich habe immer gesagt: Das ist ein fauler Apfel, der mit der Zeit von selber fällt.

HRB : Meine Mutter gab ihr Studium auf, weil sie heiratete. Später bereute sie diesen Entscheid. Sie hat mich stark beeinflusst. Von ihr habe ich auch die Liebe zur Literatur.

«Auf dem Computer lese ich nur Sport, die NZZ und manchmal etwas auf Facebook.»Alice Bosch

Der Kranich-Verlag wird regelmässig für besonders schöne Buchgestaltungen ausgezeichnet. Ich nehme an, Sie lesen Bücher nicht auf dem Tablet.

HRB : Nein, ganz sicher nicht.

AB: Ich liebe das Haptische an einem Buch. Auf dem Computer lese ich nur Sport, die NZZ und manchmal etwas auf Facebook.

HRB: Wir bekamen 19-mal die Auszeichnung für das schönste Schweizer Buch und 1995 an der Leipziger Buchmesse die Goldene Letter für das schönste Buch der Welt.

Was für ein Buch war das?

HRB: Ein Gedichtband der jungen Zollikerin Katrin Fischer mit dem Titel «Nachtflügge».

Was ist das Besondere an diesem Buch?

HRB : Es ist typografisch sehr sorgfältig und schön gestaltet. In der Zurückhaltung liege die grosse Kunst, befand die Jury.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

HRB: Das Hohe Lied Salomos finde ich inhaltlich etwas vom Schönsten, das es gibt. Ich habe eine Sammlung von rund 200 Ausgaben und wir haben das Hohe Lied auch im Kranich-Verlag mehrfach herausgegeben, einmal beispielsweise mit Radierungen von Hans Erni.

AB: Für mich ist es der Sonnengesang des Echnaton, mit einer Handpresse auf Papyrus gedruckt. Auch L’Histoire du Soldat von Charles Ferdinand Ramuz mit wunderbaren Illustrationen von Felix Hoffmann würde ich auf die einsame Insel mitnehmen. Oder: Beten mit Bild und Wort, der Meditationszyklus der Hildegard von Bingen mit dieser hübschen Illustration, auf der Adam und Eva je einen Apfel in der Hand halten.

Wenn man die Festschrift zum 50-jährigen Bestehen Ihres Verlages liest, fällt die enorme Zahl an berühmten Gratulanten auf. Von so vielen Begegnungen mit interessanten Menschen gibt es sicher manche Anekdote zu erzählen?

AB: Für das eben erwähnte Werk der Hildegard von Bingen hatten wir in St. Gallen zu tun, denn die Idee zu diesem Buch hatte Stiftsbibliothekar Peter Ochsenbein. Wir standen aber auch in Kontakt mit dem Einsiedler Abt Georg Holzherr, das Hildegard-Buch befand sich ja in Einsiedeln. Eines Abends trafen wir Abt Holzherr an, als er dem Bahnhof St. Gallen zueilte, um nach Einsiedeln zu fahren. Wir boten ihm an, ihn mit dem Auto nach Hause zu bringen. Ich erinnerte ihn daran, dass er sonst zweimal umsteigen müsste, in Rapperswil und Biberbrugg. Woher ich das wisse, fragte mich der Abt. Ich sagte: Diese Bahn hat mein Urgrossvater gebaut.

HRB: Der Verlag hat auch Liebesbriefe aus der Zeit des Minnesangs herausgegeben, die man in einem Haus am Zürcher Rennweg hinter einem Balken gefunden hat. Das Pergament hatte Flecken, und kein Museum konnte uns helfen, diese zu entfernen. Da kam meine Frau auf die Idee, die Polizei zu fragen, und diese kannte tatsächlich eine erfolgreiche Methode.

Der Kranich-Verlag hat über 170 Bücher herausgegeben. Welches wird das nächste sein?

HRB: Ende Jahr wird ein Buch mit Sagen aus Zollikon erscheinen, nachdem wir bereits eines mit dem Titel «Alltag und Glaube in Zollikon» herausgegeben haben. Die Arbeit macht uns nach wie vor Freude, auch wenn es ab und zu Enttäuschungen gibt.

Welche?

HRB: An unserem wunderschönen Buch zum 500-jährigen Gedenken an die Schlacht von Marignano zeigten die Zeitungen keinerlei Interesse. Sowohl NZZ als auch ZSZ schickten es kommentarlos zurück.

Wen von Ihren Bekannten, die schon verstorben sind, möchten Sie gerne noch einmal sehen?

HRB: Diese Frage ist für mich obsolet. Ich bin Materialist und glaube nicht an ein Jenseits. Ich halte mich an meine Erinnerungen, an Briefe oder Fotos.

AB: Auch für mich ist der Tod etwas Natürliches. Von uns werden die Bücher überleben. ()

Erstellt: 07.05.2017, 13:44 Uhr

Die Personen

Hans Rudolf (92) und Alice Gertrud Bosch-Gwalter
(91) sind seit 65 Jahren verheiratet. Sie zogen fünf Kinder gross, praktizierten gemeinsam als Chirurgen und gründeten vor bald 60 Jahren den Kranich-Verlag für besonders schön gestaltete Bücher. Sie wohnen in der Villa Gertrud in Rapperswil.

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