Rapperswil-Jona

Von Rapperswil-Jona in die Arktis

Um die Klimadebatte aufrecht zu erhalten, startete der Kameramann Charles Michel das Swiss Arctic Project. Jasmin Huser aus Rapperswil-Jona nahm daran teil und untersuchte in der Arktis während drei Wochen die Folgen des Klimawandels.

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Jasmin Huser erlebte den sonnigsten und gleichzeitig kältesten Sommer ihres Lebens. In der Arktis scheint zurzeit 24 Stunden am Tag die Sonne. «Am Anfang wurde ich einfach nicht müde. Es war immer so hell wie um vier Uhr nachmittags in der Schweiz. Das ist gewöhnungsbedürftig», erzählt die 20-jährige nach ihrer Rückkehr in einem Café in Rapperswil.

Drei Wochen lang durchquerte Huser die Arktis auf dem Expeditionsschiff San Gottardo. Zwar stand das Wasser um das Schiff nicht zu knapp, auf dem Schiff sah die Lage anders aus. «Wegen Wasserknappheit mussten wir einmal sechs Tage lang darauf verzichten, zu duschen», sagt Huser.

Medienwirksames «Forschungsprojekt»: Durch prominente Medienpartner und Sponsoren erlangte das Swiss Arctic Project viel Aufmerksamkeit. Die Teilnehmer des stellen sich hier im Video vor.

Das Swiss Arctic Project

Doch wie kam sie dazu, die Arktis zu bereisen? Im Frühling wurde Huser durch eine Freundin auf einen Wettbewerb von Virgin Radio Switzerland aufmerksam. Um über das Swiss Arctic Project berichten zu können, suchte der Jugendsender eine Reporterin, welche für das Radio am Projekt teilnahm.

Das Projekt bot fünf Jugendlichen und vier professionellen Journalisten die Chance, während drei Wochen in der Arktis die Auswirkungen des Klimawandels zu dokumentieren. Lanciert wurde die Initiaive von Kameramann Charles Michel. Sein Ziel: Die Kilmadebatte aufrecht zu erhalten. «Er finanzierte das Projekt, damit Menschen den ökologischen Wandel hautnah erfahren. Anschliessend sollen wir zuhause darüber berichten, was wir erlebt haben. Er will damit sicherstellen, dass das Thema aktuell bleibt», sagt Huser.

«Wegen Wasserknappheit mussten wir sechs Tage lang darauf verzichten, zu duschen.»Jasmin Huser

Gepackt von der Idee, drehte die Wagnerin ein Bewerbungsvideo. Um den Wettbewerb zu gewinnen, musste Huser Freunde und Bekannte rekrutieren. Sie musste die meisten Likes für ihr Video sammeln. «Mein Vorhaben erhielt sehr viel Zuspruch, davon war ich völlig überrascht. Ich dachte, die Leute würden durch meine Nachrichten genervt, stattdessen unterstützten mich alle», schildert sie. Neben ihr bekamen vier weitere Jugendliche die Chance, an Bord mit dabei zu sein. «Ich war aber die Einzige ohne umweltwissenschaftlichen Hintergrund», sagt die angehende Medizinstudentin.

Die Stadt des langen Jahres

Von der San Gottardo aus unternahm die Crew Exkursionen an Land. Dabei mussten sie flexibel bleiben. «Wenn die Witterung nicht zuliess, dass wir uns früher aufmachten, startete der Tagesausflug um neun Uhr abends und endete um vier Uhr morgens, dank Sonne kein Problem», erzählt sie.

Beispielsweise besuchten sie Longyearbyen, übersetzt: «die Stadt des langen Jahres». Sie zählt 2000 Einwohner. Dort machte sie sich auf die Suche nach Einheimischen. Das gestaltete sich schwierig, denn die Stadt ist hauptsächlich von zugezogenen Forschern bewohnt. Huser traf jedoch auf einen Metzger, der bereits seit 18 Jahren in der Stadt lebte. «Am spannendsten war, was er mir über das Leben im Winter» berichtet sie. Zu dieser Jahreszeit erblickt er fast vier Monate lang kein Sonnenlicht. «Das stimmt die Bewohner depressiv. Aber sie sind aktiv und machen beispielsweise Sport, um dagegen anzukämpfen. Sie gehen Nachtskifahren mit Taschenlampen oder klettern» schildert Huser. Anfang Frühling, wenn das erste Mal die Sonne aufgeht, veranstalten die Einwohner ein riesiges Fest.

Dominoeffekte in der Arktis

Ein Highlight für Jasmin Huser war der Besuch der Forscherstadt Ny-Ålesund. Im Sommer versammeln sich hier 200 Wissenschafter verteilt auf 20 Polarstationen aus der ganzen Welt. Von der Messungen der Atmosphäre bis zur Beobachtung von Wildganspopulationen wird hier alles erforscht.

«Ich habe den Forschern angemerkt, wie traurig sie über die Entwicklungen sind.»Jasmin Huser

Huser hatte die Möglichkeit, mit Forschern zu sprechen. «Dr. Maarten Loonen, ein Biologe, erklärte mir, wie der Klimawandel Dominoeffekte erzeugt», erzählt sie. Aufgrund der Eisschmelze findet der Eisbär weniger Nahrung und dringt immer weiter auf das Festland Richtung Süden vor, wo Wildgänse leben. Er frisst die proteinreichen Eier der Gänse als Nahrungsersatz, was deren Population verkleinert. «Ich habe den Forschern angemerkt, wie traurig sie über die Entwicklungen sind. Sie bekommen die Folgen der ökologischen Veränderungen direkt zu spüren», sagt Huser.

Nicht wärmer aber extremer

Wie rasant der Wandel voranschreitet, wurde Huser klar, als sie den Gletscher «Esmarkbreen» besichtigte. «Auf dem GPS konnten wir sehen, dass an dem Ort - an dem wir standen - vor vier Jahren noch Gletscher war. Er war mehrere hundert Meter von uns entfernt», sagt Huser. Aussagen darüber, wie viele Meter der Gletscher pro Jahr zurückgeht, seien heikel: «Teils sind es nur 100 METER, teils mehrere Kilometer». Es herrschen viele Missverständnisse über das Thema Klimawandel. So ist «Klimaerwärmung» beispielsweise ein inkorrekter Begriff, da das Klima nicht wärmer, sondern die Verhältnisse extremer werden. «Die Trockenphasen sind länger, der Regen dann aber heftiger. Die Temperaturen klettern im Sommer höher und sinken im Winter tiefer », sagt sie.

Während der Expedition fiel starker Regen. «Das ist in dieser Region ungewöhnlich, die Temperaturen lagen bei sechs Grad Celsius statt der üblichen null Grad», erklärt Huser. Wegen der Witterung musste die Besatzung einmal vier Tage an Bord bleiben. Dabei wurde es eng, denn Jasmin teilte sich eine Viererkabine mit fünf anderen. Da zwei Personen zur Schlafenszeit die Eiswache übernehmen mussten, stellte dies jedoch kein Problem dar. Eisschollen durften das Schiff nicht einkreisen, denn sonst hätte die Besatzung im Meer stecken bleiben können.

Auch sonst wurde den Jugendlichen auf dem Schiff nicht langweilig. Sie arbeiteten an ihrem Bericht «Climate Report 2018», den sie in Form eines digitalen Fotobuches mit Videolinks veröffentlichen werden. Einzig die mangelnde Bewegungsfreiheit machte Huser zu schaffen. «Als wir endlich an Land anlegten, sprinteten wir los», sagt sie mit einem Lachen.

Husers Einstellung zum Klimawandel hat sich durch ihre Reise verändert. «Ich überlege jetzt beim Einkaufen einmal mehr: «Brauche ich das?»» Zudem versuche sie, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Die Nahrungs- und Wasserressourcen, die durch die Nutztierhaltung verbraucht werden, sind immens. Im globalen Durchschnitt wird pro Kilogramm Rindfleisch 15 400 Liter Wasser benötigt.

Reisen will Huser auch in Zukunft, aber «um andere Kulturen kennenzulernen und nicht um 1000 Kilometer entfernt in fünf-Sterne-Ressorts zu wohnen». Auf die Frage, ob sie noch einmal die Arktis bereisen würde, antwortet sie: «Nein, ich war jetzt da und habe die Auswirkungen gesehen. Das Ziel ist nicht, dass dort Massentourismus entsteht. Die Menschen sollen in die Arktis, wenn sie etwas lernen wollen, nicht um ein Haken auf ihrer To-Do-Liste setzen zu können». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.08.2018, 15:26 Uhr

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