Gommiswald

Von einem, der auszog, die Weisheit zu lernen

Marcel Reding ist der erste ordinierte Zen-Mönch der Schweiz. Im Rahmen des Programms des Kultur- und Freizeitforums Gommiswald sprach er von seiner Novizenzeit in Japan und Südkorea und davon, was meditieren bedeutet.

Marcel Reding brachte den Zen in die Schweiz. Mit seiner Akademie möchte er die jahrtausende alte Lehre auch hierzulande  weitergeben.

Marcel Reding brachte den Zen in die Schweiz. Mit seiner Akademie möchte er die jahrtausende alte Lehre auch hierzulande weitergeben. Bild: Michael Trost

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Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Dieses Sprichwort passt im Fall von Marcel Reding wie die Faust aufs Auge, das sagt er selber. Reding war 26 Jahre alt, als er beschloss sein geordnetes Leben in der Schweiz aufzugeben und nach Japan zu reisen, um eine Ausbildung zum Zen-Mönch zu machen. 13 Jahre sind seither vergangen. An diesem Freitagabend in der Aula des Primarium Gommiswald blickt der Zürcher gemeinsam mit den gut 30 Interessierten noch einmal zurück auf seine Anfänge als Novize. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Kultur und Freizeitforum Gommiswald.

Es sei ein hartes und asketisches Leben gewesen, erinnert sich Reding. Um überhaupt Mönch werden zu können, müsse man zunächst einen erfahrenen Mönch finden, der einem zu seinem Schüler mache. In einem kleinen Tempel zwischen den beiden Städten Kyoto und Osaka gelegen fand der heute 39-jährige Zürcher einen Lehrer. Damit aber noch nicht genug. Bevor die Ausbildung beginnt, muss ein Novize eine ganze Woche lang auf Knien um den Eintritt in den Tempel betteln. «Nur um zu essen und für drei Stunden Schlaf wurden wir hineingelassen.» Die ersten drei Tage seien ganz schön hart gewesen, konstatiert Reding. «Das ganze kam mir schon etwas samurai-mässig vor.» Danach aber habe er eigentlich gar nichts mehr gespürt, erzählt der Wahl-Einsiedler und sorgt damit für ungläubiges Kopfschütteln in den Zuhörerrängen.

Ein echter Mönch

Speziell am Leben im Tempel sei, dass man nur gerade so viel mitnehmen dürfe, wie man zu tragen vermag. Und sowas wie Privatsphäre gebe es erst gar nicht. «Jedem gehört eine faltbare Tatami-Matte aus Reisstroh, auf der er schläft und tagsüber meditiert.» Auf Schuhe und Socken verzichten die Zen-Mönche im Tempel. Am Leib tragen sie die sogenannte Kesa. Die bekannte Mönchsrobe besteht aus Stoffstreifen, die von Hand zusammengenäht sind. Bekannt sind vor allem die thäiländischen Roben, jene in leutendem Orange. Reding aber trägt eine schwarze Kesa mit rotem Soffstreifen. Wobei so ganz stimmt das eigentlich nicht.

Als der 39-Jährige mit seiner kleinen Familie gut eine Stunde zuvor die Aula Gommiswald betritt, ist er in Alltagskleidung gehüllt. «Die Kesa trage ich eigentlich nur im Tempel. Diese Handhabung habe ich von meinem Lehrer übernommen», erklärt er. Um die Erwartungen der Zuhörer voll und ganz zu erfüllen habe er sich kurz vor Referatsbeginn aber noch in einen «echten» Mönch verwandelt.

Die Sammlung des Geistes

Und was macht ein Zen-Mönch den lieben langen Tag, diese Frage interessiert die Anwesenden, darunter auch Gemeindepräsident Peter Hüppi (SP) brennend. Zen, das meine übersetzt Weisheit, erklärt Reding und könne als Sammlung des Geistes verstanden werden. Diesen Zustand versucht der Zen-Mönch durch regelmässiges meditieren zu erreichen.

«Und da sitzen Sie dann auf einem Kissen oder wie?», fragt ein interessierter Zuhörer und spricht damit wohl einem Grossteil des Publikums aus der Seele. Man dürfe sich das nicht zu strikt vorstellen, erläutert Reding. Prinzipiell folge er aber dem Grundsatz: «Wenn der Geist arbeitet, dann soll der Körper ruhen und umgekehrt.»

Statt dem Begriff der Meditation gebrauche er aber viel lieber den Terminus des Lebens. «Man kann nicht nicht leben. Ebenso ist es eigentlich mit dem meditieren.» Der Zen biete Hilfe, diese Meditation bewusst zu erleben. In diesem Sinne sei Zen der Weg zur Leere. Und weil er eine Lehre ohne Doktrin oder Schriften sei, lebe der Zen vom Dialog.

Seine Erzählung bebildert Reding mit eigenen Fotografien. Darauf zu sehen sind Tempel in Japan und Südkorea, wo er den Zen lehrte. Daneben gibt es Portraitfotografien etwa seiner Lehrer. «Die Ausbildner entwickeln sich zu regelrechten Vaterfiguren und bleiben dir ein Leben lang erhalten», erklärt er.

«Wenn der Geist arbeitet, soll der Körper ruhen.»Marcel Reding

Zehn Jahre lang ist Reding zwischen den beiden Ländern Japan und Südkorea hin- und hergependelt. In dieser Zeit habe er kaum Kontakt in die Schweiz gehabt. «Ab und zu konnte ich eine E-Mail versendet, um meinem Vater zu melden, dass es mir gut gehe.»

Zum Leben im Tempel habe auch das Zölibat gehört. Hauptsächlich weil einem schlicht keine Zeit für anderes bleibe, erklärt Reding. Nach der Ausbildung stehe es jedoch jedem Mönch frei, eine Familie zu gründen oder zu heiraten. «Viele führen lieber ein Leben in Ruhe und Einsamkeit.» Reding selber lebt mit seiner Partnerin und Söhnchen Urban in Einsiedeln.

Der Wert der Waschmaschine

Reding ist der erste ordinierte Schweizer Zen-Mönch. Um zu praktizieren musste er also zunächst einen Tempel gründen. . Der Tempel mit dem Namen «Eremita», zu deutsch Einsiedler, steht, wie könnte es auch anders sein, in Einsiedeln. Beim Eremita Zen Tempel handelt es sich aber nicht um eine Pagode, wie man sie aus Asien kennt. Viel mehr handelt es sich um ein altes Häuschen direkt am Jakobsweg gelegen, wie Reding erzählt.

Von seiner Zeit auf dem Almosengang, als er während acht Monaten quer durch Japan pilgerte, weiss der 39-Jährige wie wertvoll eine Waschmaschine sein kann. Deshalb biete er in seinem Tempel auch Übernachtungen für Pilger, die auf dem Jakobsweg sind, an.

Mittlerweile hat Reding in Reichenburg einen weiteren Tempel gegründet. Von dort aus sehe er immer nach Gommiswald, erzählt Reding. «Ich bin immer etwas neidisch, weil ihr hier Abendsonne habt.» Der Honora Tempel biete Platz für Menschen, die länger bleiben wollen. Oder für Schüler der Insopor Zen Akademie, die Reding vor kurzem ins Leben gerufen hat.

Der Lehrgang an der Zen Akademie dauert viereinhalb Jahre und beinhaltet ein Jahr in einem Zen Tempel sowie ein Auslandsemester in Japan oder Südkorea.Gemeinsam mit seinem Schüler, Zen-Mönch Alain Lafon, möchte Reding in den kommenden Jahren so den Schweizer Zen, von Reding selber urchiges Zen genannt, (weiter-)entwickeln.

Weitere Informationen: www.zen-tempel.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 25.09.2017, 17:36 Uhr

Zur Person

Marcel Reding ist in Zürch geboren und aufgewachsen. Nach der Schule machte der heute 39-Jährige eine Ausbildung zum Chemie-Laboranten und holte die Matura nach. Im Anschluss daran studierte er Mathematik und Philosophie. Bereits als Teenager kam er erstmals mit dem Zen in Berührung.Im Alter von 26 Jahren beschloss er, sein bisheriges Leben aufzugeben, um in Japan in einem kleinen Zen-Tempel als Novize anzuheuern. Es folgte eine zehn jährige Ausbildung in Japan und Südkorea. 2014 kehrte Reding in die Schweiz zurück. Mit seiner Partnerin und seinem neun Monate alten Sohn lebt er in Einsiedeln. (fse)

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