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Vom Schweizer Shootingstar bis zum Allgäuer Kultkommissar

Krimis, Märchen, Briefe, Literaturstars: Die 11. Literaturtage vom 10. bis 12. März spannen den Bogen erneut ganz weit.

Mit Leidenschaft im Einsatz für die Literatur: Daniela Colombo, Marianne Hegi und Lucia Studerus Widmer (von links). Das Plakat wurde vom Schweizer Schriftsteller Silvio Blatter gestaltet.
Mit Leidenschaft im Einsatz für die Literatur: Daniela Colombo, Marianne Hegi und Lucia Studerus Widmer (von links). Das Plakat wurde vom Schweizer Schriftsteller Silvio Blatter gestaltet.
Michael Trost

Was ist ein Teutonengrill? Die Antwort gibts an den diesjährigen Literaturtagen im Kunstzeughaus. Die beiden Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr lesen aus ihrem Buch «In der ersten Reihe sieht man Meer», in dem sie ihre Familienferientraumata aus den 1980er-Jahren verarbeiten.

Diese setzen sich zusammen aus Mutti, Vati und drei Kindern in einem Volkswagen, der sich bei sengender Hitze Richtung Adria schiebt, wo die Familienmitglieder sich vierzehn Tage lang brutzeln lassen. Klüpfel und Kobr gelingt es zum Glück, ihr Hirn vor dem Austrocknen zu bewahren, und so können sie der Welt heute neben ihrer Traumabewältigung die Kluftinger-Krimis schenken. In diesen jagt ein kauziger Kommissar im Allgäu nicht nur Verbrecher, sondern führt auch vor, wie Leben im ländlichen Alpenraum geht – oder eben nicht. Volker Klüpfel und Michael Kobr werden am Sonntagnachmittag mit ihrer zum Schreien komischen Lesung die 11. Literatur­tage beschliessen.

Drei Szenenaufmischer

Was die drei Organisatorinnen Daniela Colombo, Lucia Studerus Widmer und Marianne Hegi seit 20 Jahren leisten, um Literaturfreunden im Zweijahresrhythmus ein vielfältiges Programm zu bieten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. «Wir machen es aus Leidenschaft für die Literatur», sagt Studerus und Colombo verweist auf das ausgezeichnete Beziehungsnetz zu Verlagen und Autoren, das die drei in all den Jahren geknüpft haben. Zwar hat es nicht gereicht, um an Pedro Lenz oder Martin Suter heranzukommen, die auf Jahre hinaus ausgebucht sind. Und Bernhard Schlink («Der Vorleser») hatte schon fast zugesagt, als ihm ein Engagement in den USA dazwischenkam. Aber mit Michelle Steinbeck, Ilija Trojanow und Judith Hermann sind am Samstag drei Literaturschaffende zu Gast, die alle die Szene schon einmal gehörig aufgemischt haben.

«Wir machen es aus Leidenschaft für die Literatur.»

Lucia Studerus Widmer, Organisatorin der Literaturtage

Die 26-jährige Schweizerin Michelle Steinbeck wurde für ihren Erstling «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» von Elke Heidenreich im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens so gnadenlos getadelt («Diese Autorin hat eine ernsthafte Störung»), dass sie am nächsten Tag in allen Medien und ihr Buch in allen Schaufenstern war. In Rapperswil-Jona wird sie aus einem noch unveröffentlichten Manuskript lesen. Ilija Trojanow war sechs Jahre alt, als seine Eltern 1971 mit ihm aus Bulgarien nach Deutschland flohen. Der eminent politische Autor machte vor drei Jahren Schlagzeilen, als die US-Behörden ihm die Ein­reise zu einem Germanistenkongress verweigerten. Trojanow liest aus seinem Buch «Macht und Widerstand», mit dem erzu seinen bulgarischen Wurzeln ­zurückkehrt. Judith Hermann schliesslich, in den späten 1990er-Jahren als deutsches «Fräuleinwunder» gefeiert, ist die grosse Meisterin der leisen Erzählung («Sommerhaus, später», «Nichts als Gespenster»). Sie bringt ihren neuesten Erzählband «Lettipark» mit.

Film und Lesung

Fester Bestandteil der Literaturtage ist die szenische Lesung am Sonntagmorgen. Dieses Jahr ist sie der Malerin Paula Modersohn-Becker gewidmet, der bedeutenden Expressionistin, die 1907 im Alter von 31 Jahren starb.

Daniela Colombo hat aus Briefen und Tagebüchern ein Tableau gestaltet, das Einblick in das Leben der Rilke-Freundin gibt. Die Schauspieler Graziella Rossi und Helmut Vogel, unterstützt von der Cellistin Barbara Gisler, bringen diese Zeugnisse auf die Bühne. Am Mittwoch vor den Literaturtagen zeigt das Schlosskino in der Reihe Filmspektrum ausserdem den Film «Paula» über das Leben von Paula Modersohn-Becker.

Erstmals finden die Literaturtage, die von Stadt, Ortsgemeinde und Kanton unterstützt werden, im prächtigen Dachraum des Kunstzeughauses statt. Nicht mehr angeboten wird das litera­rische Menü am Sonntag. Die Nachfrage sei in den letzten Jahren immer kleiner geworden und am Schluss zu gering gewesen, ­erklärt Lucia Studerus Widmer. Eröffnet wird die dreitägige Veranstaltung mit einer Lesung für die Schulen, wobei diesmal die Unterstufen an der Reihe sind. Die bekannte Lyrikerin und Kinderbuchautorin Anita Schorno aus Küssnacht SZ hat unter anderem ihr japanisches Koffertheater dabei. Das Marionettenspiel Dornröschen findet am Samstag und Sonntag zeitgleich mit Lesungen für Erwachsene statt und gestattet so Eltern und Kindern einen je eigenen Literaturgenuss.

Der Freitagabend ermöglicht die Begegnung mit dem 82-jäh­rigen Zürcher Autor Peter Zeindler, der seinen Auftritt 2015 ab­sagen musste. Er liest aus einem noch unveröffentlichten Roman, in dem Rapperswil-Jona als Schauplatz vorkommt.

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