Rapperswil-Jona

«Verlag ist zu spät eingeschritten»

Medienexperten kritisieren die Entlassung Bruno Hugs als zu späte Massnahme. Sie orten bei Somedia mangelnde Qualitätsmechanismen.

Die Obersee-Nachrichten müssen persönlichkeitsverletzende Artikel im Archiv deklarieren.

Die Obersee-Nachrichten müssen persönlichkeitsverletzende Artikel im Archiv deklarieren. Bild: Archiv zsz

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Der emeritierte Medienprofessor Heinz Bonfadelli hält die Massnahme des Verlags Somedia, dem Chefredaktor der «Obersee-Nachrichten» zu kündigen, für «aussergewöhnlich». Andererseits gebe es relativ wenige Fälle, in denen ein Gericht ein Medium verurteile. «In den meisten Fällen verhandelt der Presserat Konflikte im Bereich Medien.» Insofern kann Heinz Bonfadelli nachvollziehen, dass Somedia einen verurteilten Mitarbeiter für nicht mehr tragbar hält.

Ähnlich wie im Fall des CVP-Nationalrats Yannick Buttet habe Somedia wohl befürchtet, aufgrund eines verurteilten Chefredaktors einen Imageschaden zu erleiden. «Es hätte Kritik gegeben», ist Bonfadelli überzeugt. «Das Gerichtsurteil gab Somedia die Möglichkeit, Bruno Hug zu entlassen. Das dürfte vor dem Urteil weniger einfach gewesen sein.»

Mangelnde Qualitätskontrolle

Grundsätzlich ortet Bonfadelli im Verlag Somedia mangelnde interne Qualitätsmechanismen. Eine solche Qualitätskontrolle könne durch regelmässige Gespräche sichergestellt werden. «Man hat fast das Gefühl, dass das in diesem Fall nicht stattgefunden hat.» Falls der Verlag früher eingeschritten wäre, hätten die «Obersee-Nachrichten» ihre Kampagne beenden müssen, glaubt der emeritierte Medienprofessor.

Bonfadelli verweist auf die publizistischen Leitlinien, die eminent wichtig seien für die Sicherstellung eines gewissen Qualitätsstandards. Solche könnten die Tendenz zur Skandalisierung von vornherein unterbinden. «Doch es ist klar: In Zeiten schwindender Leserzahlen hält Skandalisieren und Moralisieren die Leserschaft bei der Stange.»

«Mangelnde Transparenz»

Die Kölner Medienprofessorin Marlis Prinzing gibt zu bedenken, dass sich nicht ganz festmachen lässt, was zu diesem Zeitpunkt zu diesem Entscheid von Somedia geführt habe.«Allerdings wäre gerade in der akuten Situation mehr Transparenz wünschenswert, die nachvollziehbar machen würde, weshalb die Trennung nun erfolgte.» Prinzing sagt, diese Transparenz wäre schon allein deswegen wichtig, «weil ja die gesamte Angelegenheit letztlich ein Kerngut des Medienschaffens betrifft: Glaubwürdigkeit».

Zu später Entscheid

Medienexperte Nick Lüthi hält die Kündigung formal für nachvollziehbar. «Es ist verständlich, dass ein Verlag auf ein solches Urteil mit einer Personalmassnahme reagiert.» Fragwürdig sei am Entscheid, dass dieser nicht schon früher gefällt wurde. «So entsteht der Eindruck, dass Bruno Hug ein Bauernopfer ist und der Verlag damit vom eigenen Nichthandeln ablenkt.»Ein Verlag, der seine publizistische Verantwortung wahrnehme, müsse bereits während einer Kampagne eingreifen und mit dem zuständigen Journalisten das Gespräch suchen.

Lüthi sagt, er habe immer schon den Eindruck gehabt, dass die «Obersee-Nachrichten» ziemlich autonom geschäften könnten. «Die Frage, inwieweit ein Verlag ins publizistische Geschäft eingreifen soll, ist natürlich relevant.» Von der Struktur her sei es eigentlich richtig, dass ein Verlag zurückhaltend sei, wenn es um redaktionelle Fragen gehe. «Von Somedia, diebisher von zwei ehemaligen Journalisten geleitet wird, hätte ich aber etwas mehr Fingerspitzengefühl erwartet», resümiert Lüthi.

Früherer Hinweis nötig

Max Trossmann, Vizepräsident des Schweizer Presserats, sagt, der Verlag hätte früher einschreiten müssen: «Auch wenn der Presserat sich nicht dazu äussert, was Hug und die ON über die Stadt Rapperswil-Jona und die Kesb Linth geschrieben haben, so lässt sich nach diesem Urteil wegen ‹Kampagnenjournalismus› und ‹Persönlichkeitsverletzung› doch sagen: Bruno Hug und seiner Gratiszeitung wäre wohl gedient gewesen, hätte ihn Somedia früher darauf hingewiesen, dass er sich da auf einem medienethisch und medienrechtlich gefährlichen Pfad befinde.»

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.12.2017, 09:07 Uhr

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