Regionalwirtschaft

Unternehmen am See sehen sich für einen Brexit gut gerüstet

Ein Austritt Grossbritanniens aus der EU wäre Gift für die Schweizer Wirtschaft – mindestens, was die Währungseffekte betrifft. Darin ist sich die Exportindustrie in der Region einig. An der Rolle von Grossbritannien als wichtigem Absatzmarkt dürfte aber auch ein Brexit nichts ändern.

Die Schweizer Exportindustrie – im Bild die Hörgeräteproduktion von Sonova in Stäfa – sieht einem möglichen Austritt Grossbritanniens aus der EU mit gemischten Gefühlen entgegen

Die Schweizer Exportindustrie – im Bild die Hörgeräteproduktion von Sonova in Stäfa – sieht einem möglichen Austritt Grossbritanniens aus der EU mit gemischten Gefühlen entgegen Bild: Keystone

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Kaum haben die Firmen in der Schweiz den Frankenschock einigermassen überwunden, droht neues Ungemach: In Grossbritannien wird am 23. Juni darüber abgestimmt, ob das Vereinigte Königreich der EU den Rücken kehren will. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht laut letzten Umfragen. An den Devisenmärkten jedenfalls wird ein Brexit bereits vorweggenommen.

Hausaufgaben gemacht

Der heute schon überbewertete Franken hat in den letzten Tagen gegenüber den wichtigsten Währungen – allen voran dem Euro – nochmals deutlich zugelegt. Nach der Aufhebung des Euro-/Franken-Mindestkurses durch die Nationalbank (SNB) am 15. Januar 2015 hat sich der Kurs auf tiefem Niveau stabilisiert. Doch ein Austritt Grossbritanniens – nicht vor 2020 – könnte das mühsam erreichte labile Gleichgewicht wieder ins Wanken bringen – zulasten des Schweizer Frankens, auf den erneut ein starker Aufwertungsdruck zukommt. Einmal mehr droht die Schweizer Wirtschaft Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden und für eine Krise innerhalb der EU die Zeche zu zahlen (siehe auch Kasten).

Mit welchen Folgen rechnen nun die im Exportgeschäft tätigen Firmen in der Region für den Fall eines Wiederauflebens von Zollschranken und -formalitäten im Handel mit Grossbritannien? Die Industriegruppe Schweiter in Horgen sieht dem Abstimmungstermin relativ gelassen entgegen. Das Unternehmen verfügt über keine eigenen Produktionsstandorte im Währungsraum des britischen Pfunds. Grossbritannien habe aber als Absatzmarkt eine gewisse Bedeutung, erklärt Schweiter-Finanzchef Martin Klöti. Er räumt ein, dass sich ein schwächerer Euro – im Falle eines Brexits und der damit verbundenen Unsicherheit – tendenziell nachteilig auf die exportlastige Gruppe auswirken würde.

Von Europa abhängig

Die Ernst Grob AG in Männedorf, Herstellerin von Kaltwalz- und Stanzmaschinen, unterhält mit Grossbritannien keine grösseren Geschäftsbeziehungen. Firmeninhaber und Geschäftsführer Daniel Dériaz sieht deshalb für direkte Geschäfte mit dem Königreich in Zukunft keinen grossen Unterschied zur heutigen Situation. Insgesamt befürchtet Dériaz allerdings bei einem EU-Austritt Grossbritanniens Nachteile für die ganze Schweizer Wirtschaft, «die sehr abhängig von Europa ist». Eine Annahme des Referendums würde eine Unsicherheit im gesamten Europaraum auslösen, ist er überzeugt.

Der auf Energieerzeugung, -übertragung und -verteilung spezialisierte Industriekonzern Von Roll mit Sitz in Au-Wä­denswil ist mit rund 2000 Mitarbeitern an 32 Standorten in 14 Ländern vertreten. In Grossbritannien sei die Produktion im Verhältnis zu anderen Standorten klein, sagt Konzernsprecherin Claudia Güntert: «Ein allfälliger EU-Ausstieg von Grossbritannien würde für uns eher weniger ins Gewicht fallen.» Daher stehe diese Frage für Von Roll aktuell auch nicht im Vordergrund.

Auch beim Hörgerätehersteller Sonova in Stäfa wird darauf verwiesen, dass das Unternehmen sehr breit aufgestellt und in über 90 Ländern tätig ist. Von daher hätten Entscheidungen einzelner Staaten nur einen limitierten Einfluss, erklärt der Medienverantwortliche Michael Isaac. Grossbritannien sei primär ein wichtiger Absatzmarkt. Und da Hörgeräte als Gesundheitsprodukte überwiegend Zollbefreiungen und -vergünstigungen geniessen, erwartet Isaac auch keine spezifische Auswirkungen auf die Dynamik des Absatzes von ­Sonova in Grossbritannien.

Zwar generiert Sonova als stark global ausgerichtetes Unternehmen zwei Drittel seines Umsatzes im US-Dollar- und im Euro-Raum und nur etwa 2 Prozent ­in der Schweiz. Zudem ist der Grossteil der Zulieferer im Euro- und Dollarraum zu Hause. Da jedoch rund 20 Prozent der Kosten in Schweizer Franken anfallen, hatte die Frankenstärke seit der Aufhebung des Euromindeskurses einen bedeutenden Einfluss auf die Erträge des weltweiten Branchenführers. Dennoch hat Sonova im Geschäftsjahr 2015/16 (per Ende März) ein solides Ergebnis erzielt und einen Rekordumsatz erwirtschaftet.

Währungsrabatt gewährt

Die Geberit-Gruppe in Rapperswil-Jona erzielt rund 5 Prozent ihres Umsatzes in Grossbritannien und ist auf der Insel mit einer Vertriebsgesellschaft vertreten, nicht aber mit einem Produktionswerk. Die Folgen eines Brexits für den europäischen Marktführer für Sanitärprodukte seien aber schwierig abzuschätzen, sagt Konzernsprecher Roman Sidler, «da sie fast ausschliesslich aus externen Einflussfaktoren, wie Wirtschaftsentwicklung in der EU und Wechselkursen, resultieren».

Schon bisher wurden Währungsschwankungen bei Geberit «dank einer effizienten natürlichen Absicherungsstrategie» so weit wie möglich minimiert. Dabei wird laut Sidler darauf geachtet, dass in den verschiedenen Währungsräumen die Kosten im gleichen Verhältnis anfallen, wie Umsätze erwirtschaftet werden.

Für alle befragten Firmen gilt übrigens, dass sie auch beim Eintritt des «worst case»-Szenarios mit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU und damit verbundenen heftigen Währungsturbulenzen – insbesondere im Verhältnis Franken/Euro – nicht an Standort- oder Produktionsverlagerungen ins Ausland denken. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.06.2016, 15:18 Uhr

Schweizer Wirtschaft und der Brexit

Grosses Rätselraten und ein Blick in die Kristallkugel

Die Auswirkungen für die Schweizer Wirtschaft im Falle eines Brexits – also eines Austritts Grossbritanniens aus der EU – werden von den Experten eher negativ beurteilt. «Die Schweizer Exportwirtschaft käme sicher unter Druck», sagt Stefan Neuwirth, EU-Experte bei der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Vieles sei aber noch unklar. Die Schweizerische Bankiervereinigung spricht beim Thema Brexit gar vom grossen Rätselraten und vom Blick in die Kristallkugel.

Laut Neuwirth würde das Ausmass der Folgen für die Schweizer Wirtschaft stark davon abhängen, wie schnell der Brexit umgesetzt würde und wie schnell die Schweiz neue Verträge aushandeln könnte. Grossbritannien ist für die Schweiz mit jährlich rund 11,7 Mrd. Franken eine der wichtigsten Exportdestinationen. Zu den begehrtesten Exportwaren gehören pharmazeutische Produkte, Bijouteriewaren, Uhren und Maschinen. Diese Branchen fürchten bei einem Austritt, dass sie die Bremsspuren der britischen Wirtschaft zu spüren bekommen. Die Uhrenindustrie, die im vergangenen Jahr Waren im Wert von 1,16 Mrd. Franken nach Grossbritannien verkaufen konnte, sieht einen ihrer Wachstumsmärkte in Gefahr. Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Mem), die Produkte für 2,5 Mrd. Franken nach Grossbritannien exportiert, sieht ihre Verkäufe stocken – nicht nur auf der Insel. Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann befürchtet nebst konjunkturellen Effekten, dass die EU nach einem Brexit mit Austrittsverhandlungen absorbiert wäre und für die Schweizer Anliegen kein Gehör mehr hätte.

Zudem ist mit zusätzlichem Druck auf den Schweizer Franken zu rechnen, denn die Schweizer Währung wäre wegen der Unsicherheiten im Euroraum eine sichere Währung, ein Fluchthafen. Um den Franken zu schwächen, würde die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Währungsinterventionen reagieren. Es wäre nach Expertenmeinung zudem auch nicht komplett ausgeschlossen, dass die Leitzinsen in der Schweiz nochmals etwas negativer werden könnten. (sda/ths)

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