Wochengespräch

«Ein schweres Trauma ist nicht heilbar»

Hossam Abdel-Rehim ist der einzige arabischsprachige Traumatherapeut in der deutschen Schweiz.

Hossam Abdel-Rehim vor einem Bild, das ein Traumapatient für ihn gemalt hat.

Hossam Abdel-Rehim vor einem Bild, das ein Traumapatient für ihn gemalt hat. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind Psychiater und haben sich auf die Therapie von kriegstraumatisierten Menschen spezialisiert. Für Aussenstehende tönt das nach einer sehr belastenden Aufgabe. Was sagen Sie zu diesem Eindruck?

Hossam Abdel-Rehim: Der Eindruck stimmt. In meiner täglichen Arbeit habe ich mit Berichten von Gräueltaten zu tun, die sehr belastend sind. Die Menschen, die zu mir kommen, haben Schlimmes erlebt, sind entwurzelt und mit äusserst komplexen Problemen konfrontiert.

Was für Menschen kommen zu Ihnen?

Aufgrund meiner Herkunft – ich komme ursprünglich aus Ägypten – sind es vor allem Menschen aus dem arabischen Raum. Die meisten stammen aus dem Irak und aus Syrien. Es sind Frauen und Männer, alte und junge Menschen. Viele sind Familienväter. Auf ihnen lastet während und nach einer Flucht der grösste Druck, denn aufgrund der Umstände können sie ihre gewohnte Verantwortung nicht übernehmen. Das belastet sie sehr. Es kommen aber auch allein reisende Frauen.

Haben Sie auch mit unbegleiteten Minderjährigen zu tun?

In letzter Zeit kommen vermehrt junge Menschen in meine Praxis, und zum Teil handelt es sich in der Tat um junge Menschen ohne Familie. Sie bringen andere Probleme mit als Erwachsene: Sie sind schlecht sozialisiert, verfügen nur über eine rudimentäre Bildung, haben oft Probleme mit Disziplin und Autorität, sind oft krank.

So viele Menschen mit so enormen Problemen – da frage ich mich: Wann hört das endlich auf?Hossam Abdel-Rehim

Was brauchen diese jungen Menschen als Erstes?

Sie bedürfen besonderer Aufmerksamkeit, denn jeder junge Mensch hat doch ein Recht auf Erziehung und Führung. Diese jungen Menschen aber müssen unter absolut abnormalen Umständen aufwachsen. Das schmerzt mich. Generell erschreckt mich die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge immer wieder aufs Neue. So viele Menschen mit so enormen Problemen – da frage ich mich: Wann hört das endlich auf?

Wir reden heute im Alltag schnell mal von einem Trauma. Was versteht ein Psychiater ­darunter?

Ein Trauma ist ein Ereignis, das die Unversehrtheit eines Menschen in ausserordentlicher Weise bedroht. Es ist ein medizinischer Begriff, der eine Gewalteinwirkung von aussen auf Körper oder Seele bezeichnet. Es gibt einen Unterschied, ob diese Gewalt von der Natur ausgeht und ich vor ihr fliehen kann oder ob sie von einem Menschen ausgeht und ich ihr nicht entfliehen kann, wie es bei Folter der Fall ist.

Was macht Gewalt mit einem Menschen?

Sie verursacht zunächst einen Schock wie einen Stromschlag, löst Angst aus. Die Angst bleibt in der Seele und im Gehirn, hinterlässt dort Spuren und Narben. Das wiederum löst Leiden aus, welches sich in vielfältiger Art und Weise äussern kann.

Zum Beispiel?

In Schlafstörungen, Albträumen, Flashbacks, Persönlichkeitsveränderungen, sozialer Desintegration. Die Menschen haben Mühe, ihre Emotionen zu kontrollieren, leiden aber auch unter körperlichen Schmerzen. Das Gehirn erinnert sich ständig an die Folterschmerzen, dadurch gehen Nerven kaputt und die Schmerzschwelle sinkt.

Wie können Sie solchen ­Menschen helfen?

Meine Aufgabe ist die eines Arztes und Psychotherapeuten. Ich bin kein Sozialarbeiter. Durch die Therapie kann ich versuchen, das Leiden zu mildern, aber ich kann nicht in allen Lebensbereichen helfen. Das erste Ziel ist, den Patienten mittels Gesprächstherapien, Medikamenten oder Kriseninterventionen zu stabilisieren. Wenn eine gewisse Stabilität erreicht ist, kann man versuchen, das Trauma so weit möglich zu verarbeiten. Schwere Traumata sind jedoch nicht heilbar.

Also leiden die Betroffenen ihr Leben lang?

Viele beginnen mit ihrer Rolle als Kranke zu hadern. Denn sie haben ja nichts verbrochen, sie hatten nur eine andere Meinung als die herrschende Regierung. Das macht das Ganze zusätzlich schwierig.

Wie kamen Sie zu dieser Arbeit? Haben Sie sie gesucht oder war es Zufall?

Ich würde sagen, die Arbeit hat mich gesucht, wir haben uns getroffen. Als ich mich 1992 in Rapperswil-Jona niederliess, kamen die ersten arabischsprachigen Flüchtlinge aus dem Irak. Damals steckte die Psychotraumatologie in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Auch ich hatte wenig Ahnung, begann mich aber Stück für Stück einzuarbeiten und machte schliesslich eine Zusatzausbildung, die mich befähigte, diesen Menschen zu helfen. Und Kriege gab es seither weltweit ohne Ende.

Wie belastend ist diese Arbeit für Sie selber? Können Sie überhaupt noch abschalten?

Ich arbeite hier in der Praxis nicht ausschliesslich mit kriegstraumatisierten Patienten, das würde ich nicht aushalten. Abschalten kann ich nur, wenn ich Ferien mache und verreise. Das mache ich mehrmals im Jahr und dafür werde ich ab und zu auch kritisiert. (lacht) Wichtig ist auch der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Und ich musste lernen, meine Ansprüche an mich selbst zu reduzieren. Dabei hilft mir meine jahrelange Erfahrung.

Können Sie während der Arbeit auch mal lachen?

Eher nicht. Mich freut es, wenn die Menschen selber irgendwann wieder lachen können.

Das gelingt aber sicher nicht ­allen Ihren Patienten?

Nein. Aber es gibt Menschen, die sich trotz traumatisierenden Erfahrungen einen gesunden Anteil und erstaunlich hohe Selbstheilungskräfte bewahren. Niemand ist absolut krank oder absolut gesund.

Welche Voraussetzungen begünstigen die Selbstheilung?

Es gibt keine absolute Regel, aber ein paar Aussagen kann man aufgrund von Studien eindeutig machen: Wer vorher ein gesundes Leben führte, gesellschaftlich und familiär integriert war, hat sicher bessere Chancen. Auch wer intelligent und gebildet ist, hat bessere Prognosen. Allerdings gibt es auch diejenigen Akademiker, die im Ausland verbittern und verzweifeln, weil ihre Fähigkeiten nicht gebraucht oder anerkannt werden.

Angesichts all der schrecklichen Geschichten, die Ihre Patienten Ihnen anvertrauen: Glauben Sie noch an das Gute im Menschen?

Dank meines Glaubens kann ich sagen: Ja. Nichts ist schlimm genug, als dass man darüber den Glauben an das Gute verlieren sollte. Allerdings weiss ich nicht, ob ich das auch noch sagen könnte, würde mir selber je so Schreckliches widerfahren. Sie sind der einzige arabischsprechende Traumatherapeut in der deutschen Schweiz.

Können Sie überhaupt alle Patienten aufnehmen?

Ich muss im Monat sicher zwei Klienten abweisen. Das ist sehr unbefriedigend, und deshalb wünsche ich mir, dass wir mehr Traumatherapeuten ausbilden könnten, um mehr Menschen zu helfen. Eine Studie, an der ich mitgearbeitet habe, hat gezeigt, dass 46 Prozent der Flüchtlinge eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Ich verstehe zwar, dass man sagt, man dürfe die Schweiz nicht immer noch attraktiver machen für Flüchtlinge. Aber ohne Behandlung werden die Folgekosten höher sein, denn die Probleme dieser kriegstraumatisierten Menschen bleiben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.07.2017, 14:11 Uhr

Zur Person

Hossam Abdel-Rehim wurde 1960 als Sohn eines Orthopäden und einer Lehrerin in Kairo geboren. Während seines Medizinstudiums kam er 1982 als Austauschstudent in die Schweiz. Seit 1986 lebt er hier. Anfang der 1990er-Jahre eröffnete er eine Psychotherapiepraxis in Rapperswil-Jona, just zu der Zeit, als der Erste Golfkrieg ausbrach. Die Begegnung mit schwer traumatisierten Kriegsflüchtlingen aus dem Irak führte ihn zu seinem Spezialgebiet Psychotraumatologie. Massgeblich beteiligt war Abdel-Rehim beim Aufbau des Zentrums für Psychotraumatologie St. Gallen, Gravita. 2011 bis 2015 wirkte er dort als Chefarzt. Das Zentrum wird heute vom Schweizerischen Roten Kreuz geführt.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.