Wochengespräch

«Ein Gebäude muss langlebig, praktisch und schön sein»

Er hat 25 Kirchen in Afrika und einen der ersten Radwege in der Schweiz gebaut: Der Rapperswiler Architekt Herbert Oberholzer steht auch mit 78 Jahren noch täglich im Büro.

<b>Keine Lust aufs Rentendasein:</b> Architekt Herbert Oberholzer in seinem Büro in Rapperswil

Keine Lust aufs Rentendasein: Architekt Herbert Oberholzer in seinem Büro in Rapperswil Bild: Moritz Hager

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Was ist für Sie gute Architektur?
Herbert Oberholzer: Ich halte es mit Vitruv, dem römischen Archi­tek­turkritiker, der vor 2000 Jahren gesagt hat: Ein Gebäude verdient kein Lob, wenn es nicht praktisch ist, wenn es nicht langlebig ist und wenn es nicht schön ist. Das ist ein Plädoyer für Nachhaltigkeit, für ökologisches, soziales und ökonomisches Denken.

Als Sohn eines Schreiners und Zimmermanns war Ihre Laufbahn eigentlich vorbestimmt. Warum wollten Sie stattdessen unbedingt Architekt werden?
Ich wollte gar nicht Architekt wer­den, ich hatte bereits eine Schreinerlehrstelle in Wagen. Aber dann las ich ein Buch über den Schweizer Ingenieur Othmar Ammann (1879–1965), der in den USA an zahlreichen Brückenbauten massgeblich beteiligt war, beispielsweise an der Golden ­Gate ­Bridge in San Francisco. Der Mann faszinierte mich. So etwas wollte ich auch machen.

Was sagte Ihr Vater dazu?
Mein Vater, ein äusserst liebenswürdiger Mann, ging mit mir sofort zum Berufsberater. Das war damals ein Oberstufenlehrer, der das im Nebenamt machte. Er schickte mich zum Uzner Architekten Blöchlinger, wo ich eine Lehre anfing.

Ihr Architekturbüro hat letztes Jahr sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. Wenn Sie heute durch Rap­pers­wil gehen oder dem See entlang nach Zürich fahren: Was gefällt Ihnen? Was nicht?
Schlimm finde ich die Ortsplanungen von Agglo-Städten wie Jona eine ist. Während die Städte im Süden schöne Plätze haben, steht bei uns ein Kreisel vor dem Stadthaus. Dabei könnte man in Rapperswil so vieles abschauen, was man vor 500 Jahren gut gemacht hat: verdichtet bauen, mit Plätzen und Gassen.

Und was gefällt Ihnen?
Die Hochschule Rapperswil, ein Bau des heute zu Unrecht leider etwas vergessenen Architekten Paul W. Tittel. Ich durfte hier selber eine Aufstockung und einen Ergänzungsbau machen und konnte alles von Tittel übernehmen. Dieser 1999 verstorbene Architekt hat mich immer beeindruckt. Er hat beispielsweise ­alle seine Pläne bis in jedes Detail ­selber gezeichnet – schon rein physisch eine Meisterleistung.

Wer hat Sie in Ihrem Leben am stärksten gefördert?
Wichtig für mich war mein Haupt­lehrer am Technikum. Er war nie zufrieden – auch wenn ich selber meine Arbeit längst als abgeschlossen betrachtete. Er lehrte mich, mir gegenüber kritisch zu sein. Dann natürlich auch grosse Architekten wie der Finne Alvar Aalto oder der Schweizer Le Corbusier. Von Aalto hatte ich in jungen Jahren ein Angebot, nach Helsinki zu kommen, was mich in ein echtes Dilemma stürzte. Ich hatte nämlich zu der Zeit meinen ersten Wettbewerb gewonnen für ein Sekundarschulhaus in Uznach. Ich entschied mich, hier­zu­blei­­ben, und eröffnete mein Büro. Dieser Entscheid hat natürlich mein ganzes Leben beeinflusst.

Haben Sie ihn je bereut?
Nein. Ich habe viele Jahre später, als Aalto bereits tot war, sein Büro in Helsinki besucht und sass ­sogar auf seinem Stuhl. Das war ein spezielles Gefühl, aber bereut habe ich nichts.

Gibt es Gebäude, die Sie heute anders bauen würden?
Es kam ab und zu vor, dass ich nicht ganz zufrieden war, aber für die Bauherren galt das Gott sei Dank nie.

Warum waren Sie nicht zufrieden?
Das hatte immer ästhetische Gründe.

Was für ein Haus möchten Sie gerne noch bauen?
Ein Hotel.

Da haben Sie ja ein konkretes Projekt an der Neuen Jona­strasse in Rapperswil. Wie weit sind Sie damit?
Es ist in der Bewilligungsphase.

Sie sind vor kurzem 78 Jahre alt geworden. Haben Sie nicht Lust, einfach Rentner zu sein?
Nein, meine Arbeit gefällt mir sehr. Ich muss aber sagen, dass es ohne meine beiden Mitarbeiterinnen nicht so gut funktionieren würde. Ich zeichne alles nach wie vor von Hand und brauche jeman­den, der meine Zeichnungen und Pläne in den Computer überträgt.

Woran arbeiten Sie gerade?
An einer Kirche in Mvimwa in Tansania. Schwarze Benediktiner führen dort seit 15 Jahren ein Kloster, eine Schule mit 800 Schülern und ein Lehrerseminar mit 180 Studierenden. Eine Kirche fehlt ihnen aber noch.

Sie bauen seit Jahrzehnten in ­Afrika, ohne Honorar notabene – woher dieses Engagement?
Von meiner Tätigkeit in der Jungwacht. In dieser katholischen Jugendorganisation lernte ich den Grün­der des Fastenopfers kennen, Meinrad Hengartner. In seinem Auftrag schrieb ich einen Aufsatz über die Mehrzweckkirche, einen Kirchenbau, der nicht nur für Gottesdienste genutzt wird, sondern auch für Veranstaltungen, Vorträge oder Feste. Ein Bischof in Tansania las das und wandte sich an mich, weil er genau so eine Kirche wollte. Inzwischen habe ich in Afrika 25 Kirchen gebaut, dazu kommen Sozialzentren, Schulen, Spitäler und landwirtschaftliche Gebäude.

Ihr Engagement hat aber auch einen sozialen Hintergrund?
Ja. Ich habe als Dreissigjähriger in Rapperswil eine Drittweltgruppe gegründet. Anfänglich ver­stand ich meine Arbeit in ­Afrika als Hilfe, später als kleines Zeichen eines Mitabtragens einer kollektiven Schuld, die wir Europäer gegenüber diesem Kontinent haben.

Sie waren in den 1980er-Jahren auch politisch tätig, arbeiteten acht Jahre für die CVP im Stadtrat von Rapperswil. Was ist Ihnen aus dieser Zeit in Erinnerung geblie­ben?
Wir haben in Rapperswil Rad­wege gebaut und waren damit fast die Ersten in der Schweiz. Es gab viel Widerstand, aber wir haben es durchgezogen. Damals war ich auch für die Fusion von Rapperswil und Jona. Heute wäre ich dage­gen.

Warum?
Ich stelle auf beiden Seiten einen Identitätsverlust fest. Rapperswil verkommt zum reinen Event-Ort, die Altstadt zu einem Tivoli.

Glauben Sie wirklich, dass die Fusion an dieser Entwicklung schuld ist?
Ja. Kennen Sie die Geschichte vom Huhn und vom Säuli? Weil Spiegelei mit Schinken so beliebt ist, beschliessen die beiden zu fusionieren. Bald merkt das Säuli, dass das keine gute Idee ist, und es sagt zum Huhn: Du bleibst am Leben, aber ich muss sterben. Darauf antwortet das Huhn: Bei einer Fusion geht immer einer drauf.

In einer Monografie, die über Sie erschienen ist, bezeichnen Sie sich als mittelmässigen Architekten. Ist das Koketterie?
Vielleicht ein bisschen. Es gibt in der Tat viele bessere Architekten als mich. Es gibt aber auch schlechtere.

Woran liegt es, dass die Schweiz immer wieder weltberühmte Architekten wie Le Corbusier oder in unserer Zeit Jacques Herzog und Pierre de Meuron, Mario Botta oder Luigi Snozzi hervorbringt?
Wir haben sehr gute Schulen, vor allem die ETH, aber auch die Fachhochschulen. Der Bund Schweizer Architekten (BSA) hat rund 600 Mitglieder. Als ich in die Gruppe Ostschweiz aufgenommen wurde, waren wir 19, jetzt sind wir etwa 60.

Sie sind schon zweimalauf dem Jakobsweg gepilgert, letztmals im Oktober.Was gefällt Ihnen daran?
Das Ankommen am Abend, die Freude, dass ich noch 20 Kilo­meter pro Tag laufen mag, die einfache Pilgermahlzeit, der Vino tinto, die Pilgergottesdienste.

Sind Sie ein religiöser Mensch?
Ja. Und ich werde es mit dem ­Alter immer intensiver. Ich ­glaube an ein Leben nach dem Tod. Ich freue mich, Jesus zu begeg­nen, Paulus und Heilige zu treffen.

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Erstellt: 01.05.2016, 16:51 Uhr

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