Rapperswil-Jona

«Die katholische Kirche funktioniert nicht überall gleich»

Um den Papst auf die Anliegen der Frauen aufmerksam zu machen, veranstaltete Pastoralassistentin Esther Rüthemann eine Pilgerreise nach Rom.

Esther Rüthemann?will mit Mitpilgern einen Weg unter dem Motto «Kirche mit den Frauen» gestalten.

Esther Rüthemann?will mit Mitpilgern einen Weg unter dem Motto «Kirche mit den Frauen» gestalten. Bild: Manuela Matt

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Seit gut einem Monat sind Sie zurück von der Pilgerreise für eine «Kirche mit den Frauen» zum gleichnamigen Projekt. Der Papst hat Sie nicht persönlich empfangen. Hat Sie das enttäuscht?

Esther Rüthemann: Überhaupt nicht. Ich bin dankbar und zufrieden, dass wir alle gut angekommen sind und das Projekt über die Grenzen hinaus gewachsen ist. Wir sind mit unserer Formulierung auf breites Echo gestossen – auch bei eher konservativ geprägten Klostergemeinschaften. 600 Leute haben zudem in Rom unsere Ankunft gefeiert – das hat mich stark beeindruckt. Wichtig war uns, dass wir unser Anliegen dem Kapuziner Mauro Jöhri überbringen konnten, der es dem Papst persönlich überreichen wird. Und wir machten deutlich: Hier nehmen Menschen für ihre Sache einen langen und beschwerlichen Fussmarsch auf sich.

Aber was erreicht man konkret damit, wenn man für sein Anliegen eine lange Pilgerreise unternimmt?

Zwei Monate Strapazen auf sich zu nehmen und auf Lohn zu verzichten, gibt der Sache natürlich mehr Bedeutung, als einfach einen Brief mit der Post an den Papst zu senden.

Welche Erlebnisse von unterwegs sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Stets haben wir grosse Gastfreundschaft erfahren. Wir sahen aber auch Schwieriges. So haben wir eine Prostituierte angetroffen, die erst nicht verstanden hat, warum wir zu Fuss nach Rom unterwegs waren – schliesslich geht es mit dem Auto viel bequemer. Am Ende aber hat sie uns gebeten, ihre Fürbitte zu notieren – selber konnte sie nicht schreiben. Sie bat um ein besseres Leben für sich und ihre Familie in Afrika. Da wurde mir klar: Wir müssen auch für diese Frauen unterwegs sein und auf sie aufmerksam machen.

Gab es denn auch Menschen, die die Pilgerreise genutzt haben, um eine grundsätzliche Kritik an der katholischen Kirche anzubringen?

Einigen Mitpilgern war unsere Aktion zu brav, zu wenig kämpferisch. Wir aber haben uns bewusst gegen Verbitterung und Aggression entschieden. Die Freude am Glauben und an der katholischen Kirche leitet uns – auch wenn uns längst nicht alles passt. Aber wir wollen nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Wie geht es nun weiter mit der «Kirche mit den Frauen»?

Im Januar kommt der Dokumentarfilm «Habemus feminas» über unsere Pilgerreise ins Kino. Zudem überlegen wir uns, mit dem 2. Mai und dem 2. Juli unseren Abreise- und Ankunftstag künftig als einzelne Pilgertage auszuschreiben und einen Weg unter dem Motto «Kirche mit den Frauen» zu gestalten. Wir wollen generell den Gedanken aufbringen, dass man auf Dinge, die einem wichtig sind, mit einem Fussmarsch hinweist – geht es nun um Frauen, Geschiedene, Flüchtlinge oder was auch immer.

Gibt es auch Pläne, das Projekt auf globaler Ebene auszuweiten?

Dazu fehlen uns im Moment die Kapazitäten, da wir alle ehrenamtlich für das Projekt tätig sind. Wichtig ist, dass unser Anliegen von der Basis aus Kraft erhält und weiterwächst.

Sind Ihnen unterwegs auch Einheimische begegnet, die Ihnen ihre Wünsche an den Papst mitgegeben haben?

Bei ihnen ist das Thema weniger aktuell. Katholische Frauen, die Predigten, Taufen oder Abdankungen durchführen, sind in Italien unbekannt.

Dann müsste bei ihnen das Thema um mehr Mitsprache in der katholischen Kirche umso drängender sein.

Es fehlt in Italien einfach die Erfahrung, dass Frauen in diesen Bereichen der Kirche mitarbeiten können. Der gesellschaftliche Kontext ist dort ein anderer und schwer mit der Schweiz zu vergleichen.

Änderungen am System der katholischen Kirche dürften aber schwierig sein, wenn die gesellschaftlichen Voraussetzungen in den einzelnen Ländern so verschieden sind.

Es ist ja gar nicht nötig, dass man weltweit dasselbe macht. Man sollte den Spielraum, den die katholische Kirche nebst allem Einenden bietet, besser nutzen. Eine Idee wäre zum Beispiel, dass man verschiedene Patriarchate für die verschiedenen Weltgegenden hat.

Glauben Sie, dass sich bald etwas ändern wird?

Sicher. Vieles hat sich in den letzten fünfzig Jahren bereits geändert. Damals wäre eine predigende Frau wie ich undenkbar gewesen. Die Änderungen geschehen nur nicht von heute auf morgen, sondern in einem langen Prozess. Und das Beständige ist ja auch eine Qualität der katholischen Kirche: Sie gibt Sicherheit und bewahrt das Wichtige. Aber eine bedeutende Erkenntnis ist wohl schon, dass die katholische Kirche nicht überall gleich funktionieren kann.

Wo sehen Sie denn die grössten Baustellen der katholischen Kirche?

Mir fällt besonders auf, dass das Engagement des Einzelnen nicht mehr so gross ist wie früher. Die Kirche gehört nicht mehr selbstverständlich zum Alltag, viele Menschen setzen andere Prioritäten. Zwar können wir uns im Vergleich mit anderen Kirchgemeinden nicht beklagen, doch das gesellschaftliche Problem, das ja auch viele Vereine kennen, betrifft uns schon auch sehr.

Vielleicht wenden sich viele Leute aber auch wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der katholischen Kirche von dieser ab.

Die kritischen Haltungen sind oft nicht ganz begründet. Wir hören zum Beispiel immer wieder, dass die Gottesdienste langweilig seien. Es gibt aber Möglichkeiten von alternativen Gottesdiensten. Nur muss man sich darum bemühen und auch hingehen. Denn Glaube leben hat mit Gemeinschaft zu tun, und das geht nicht auf Distanz.

Für viele waren wohl auch Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt, die Vorgänger von Franziskus, Grund zum Austritt.

Ja, aber sie haben nicht gesehen, was diese Päpste für die Ökumene, den Austausch mit dem Juden und den Orthodoxen geleistet haben. Auch weltpolitisch waren sie wichtig.

Zurück zur «Kirche mit den Frauen»: Papst Franziskus wird ja immer wieder als Erneuerer gefeiert – sind Sie zuversichtlich, dass er dies auch in Bezug auf die Frauen sein wird?

Auf alle Fälle, er hat schon viel unternommen, so etwa, dass Maria Magdalena als Apostelin anerkannt wird und eigens im Hochgebet genannt wird. Er lädt auch Frauen ein und fragt, was ihnen wichtig ist. Vor allem aber ist er ein guter Seelsorger, der keine Angst hat, die Sachen beim Namen zu nennen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.08.2016, 13:13 Uhr

Brief an den Papst

Frauen in der Kirche

«Lieber Papst Franziskus, wir bitten Sie, in den Institutionen des Vatikans und in den gesamtkirchlichen Entscheidungsprozessen dafür zu sorgen, dass künftig Frauen mitwirken, mitgestalten und mitentscheiden können. Wir bitten Sie, entsprechende Ermutigungen und Weisungen auch für die Ortskirchen zu geben. Frauen und Männer unserer Kirche warten darauf und werden es Ihnen danken – und die Kirche kann dabei nur gewinnen, wenn Frauen ihre Gaben und Charismen besser als bisher einbringen können.»zsz

Zur Person

Esther Rüthemann (1972) wuchs in der Toggenburger Gemeinde Bütschwil in einer stark katholisch geprägten Familie auf. Nach der Sekundarschule lernte sie Koch, arbeitete im Service, in einem Kinderheim und später in ihrer Heimatgemeinde als Katechetin und Jugendseelsorgerin. Mit 26 Jahren entschied sie sich, in Luzern katholische Theologie zu studieren. Seit 2003 wirkt sie in Rapperswil-Jona als Pastoralassistentin.and

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