Rapperswil-Jona

10 Jahre Blüte, 20 Jahre Krise

Einst pflegten die Quartierbewohner ­ mit Maskenbällen oder dem dreitägigen Quartierfest das Gemeinschaftsleben. Ein Rückblick nach der ­ Auflösung des Quartiervereins Hanfländer.

Übergabe: Die Liquidatoren Karl Kobler und Susi Fischer mit einem der fünf Ordner, welche sie am Mittwoch ­ in die Hände von Stadtarchivar Markus Thurnherr (rechts) legten.

Übergabe: Die Liquidatoren Karl Kobler und Susi Fischer mit einem der fünf Ordner, welche sie am Mittwoch ­ in die Hände von Stadtarchivar Markus Thurnherr (rechts) legten. Bild: ua

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Am Schluss bleibt eine Bananenschachtel voll Material. Fünf Bundesordner mit Dokumenten und Fotos sowie ein Bündel mit sämtlichen Ausgaben des Vereinsblattes «Hamfipost» stellen die Hinterlassenschaft des Quartiervereins Hanfländer dar, dessen Auflösung gestern mit der Übergabe dieser Dokumente an das Stadt­archiv definitiv zum Abschluss kam (siehe Artikel unten).

«Vielleicht ist dieses Mate­rial für die Einwohner der Stadt in ­ 100 Jahren höchst interessant», sagt Susi Fischer. Sie hat zusammen mit Karl Kobler den Nachlass des Vereins geordnet. Die beiden Liquidatoren, die sich zudem wäh­rend Jahren im Verein als Revi­soren engagierten, trafen ­ aus 35 bis 40 gefüllten Ordnern eine Wahl an erhaltenswürdigen Dokumenten. «Viele Protokolle, Einsatzpläne, Vereinsrechnungen und Vereinsblätter lagen in mehrfacher Ausführung vor. Wir haben das jeweils schönste Exemplar heraus­gesucht», sagt Fischer.

Fest-Requisiten aufgeräumt

Aufzuräumen gab es nicht nur Doku­mente aus Papier. Im Kel­ler an der Mythen­strasse, welcher dem Verein als Depot zur Ver­fügung stand, lagerte auch noch ­ so manches andere Erinnerungsstück aus 30 Jahren Vereinsgeschichte: so etwa Ski, die einst ­ am Quartierfest als Spielgerät ­gedient hatten, Bankettzubehör wie Stapel von Aschenbechern und übrig gebliebenes Plastik­geschirr. Exakt 291.60 Fran­ken haben Räumung und Entsorgung des Lagers gekostet, wie die Abrechnung der beiden Liquidatoren ausweist. Fischer, die auf ­ der Bank Kauffrau lernte, gehört zu den 121 Gründungsmitgliedern, welche am 25. April 1986 im evangelischen Kirchgemeindehaus den Verein ins Leben riefen.

Rückblickend staunt die Liquidatorin ein bisschen dar­über, mit welcher Hingabe und welchem Aufwand man in der Blütezeit ­ des Vereins Grossanlässe organisierte, gemeinsam Fasnachts­kleider nähte und Dekorationen bas­telte. «Während vieler Jahren gab es die Fasnacht mit Maskenball», sagt Fischer. Jeweils rund 100 Quartierbewohner nahmen ­ in den guten Jahren daran teil. ­Für den Ball in der Krone bauten Vorstand und Helfer vorab die Bühne auf, dekorierten den Saal, verkauften Werbung an Firmen. Am Anlass prämierte eine Jury ­ die Masken. Mit einem Teil des erho­benen Eintrittsgelds beglich der Verein Suisa-Gebühren und die inzwischen abgeschaffte Ver­gnügungs­steuer, wie aus den Vereinsakten hervorgeht.

Einen noch grösseren Auf­wand betrieb einst der Verein mit dem Hamfifäscht, das von Freitagabend bis Sonntagnachmittag dauerte. Feuerwehr und Samariterverein waren involviert, am Sonntagmorgen spielte die Stadtmusik, «in voller Montur», wie ­Fischer sagt. «Das halbe Quar­tier sass an langen Tischen beisammen, während sich eine rie­sige Kinderschar an Posten mit Skilaufen, Mohrenkopf- oder Büchsenschiessen vergnügte.»

Zu den prägenden Erleb­nis­sen mit dem Quartierverein zählt ­Fischer auch die zahlreichen Ausflüge in der weiteren Umgebung: Einmal ging es in den Tierpark nach Goldau, ein anderes Mal ­ auf den Atzmännig.

Verein wurde «Seniorenclub»

Der Niedergang kam schleic­hend. Bereits nach zehn guten Jahren folgten zwanzig weitere Jahre ­ des schwindenden Interesses. ­Immer mehr beschränkten sich die Teilnehmer von Spaghettiplausch, Fondue-Essen und Besichtigungen auf die in die Jahre gekommenen Mitglieder aus den Gründungsjahren – deren Kinder mittlerweile gross und ausge­flogen waren. «Der Verein wurde zum Senio­renclub», sagt ­Fischer. Doch sich ausschliesslich um ­diese Altersgruppe zu kümmern, sei nicht die Aufgabe eines Quartiervereins.

Die schwindende Bereitschaft der Mitglieder, sich in einem ­Verein zu engagieren, manifestierte sich auch darin, dass es zuneh­mend schwierig wurde, nach Rücktritten aus dem Vorstand willige Nachfolger zu finden. Dass es in den goldenen Anfän­gen sogar einmal zu einer Kampfwahl ums Präsidium gekommen war, blieb ein Einzelfall.

Eine Zeit lang war der Quartierverein ein Vehikel, um gemein­same politische Interessen durchzusetzen. So gehen die Verkehrsberuhigung der Kreuz­strasse und die veränderte Linienführung des Busses massgeblich auf die In­itia­tive des Vereins zurück. Damals setzten sich Vereinsmitglieder an den Strassenrand und zählten während Stunden Autos. Laut ­Fischer kam die Unterstützung für das Anliegen auch von Mit­gliedern, die nicht direkt an der Kreuz­strasse wohnten. «Heute bilden sich bei Vorstössen situa­tiv Interessengruppen aus jenen Anwoh­nern, die es unmittelbar betrifft», sagt ­Fischer.

Diesen Frühling schmiss der letzte Vereinsvorstand frus­triert den Bettel hin. «Wenn sich für ­ das Fondue-Essen nur vier oder fünf Personen anmelden, macht es keine Freude mehr», sagt ­Fischer. Es sei nicht so, dass es heute weniger Familien mit Kindern im Quartier gebe, sagt die Mutter eines erwachsenen Kindes. «Die heutigen Eltern ­haben wohl einfach keine Zeit und ­Lust.» Zweifellos sei damit ­das Quar­tier anonymer geworden. «Früher ­hat man sich rascher kennen gelernt.» Heute wisse sie hingegen nicht, wer vor Wochen in die neu gebauten Wohnungen ein paar Hausnummern weiter ein­gezogen sei.

«Stimmt so»

Mit grosser Wehmut sei für ­sie und viele weitere Mitglieder die Vereinsauflösung allerdings nicht verbunden. «Für mich stimmt es so, ich bin ja selber zum Schluss nicht mehr an jeden Anlass gegangen», sagt ­Fischer. Beim Räu­men und Ordnen der Akten habe sie das eine oder andere Aha-Er­leb­nis gehabt, im Sinne von: «Ach ja, ­diesen Ausflug hatten wir ja ­ auch noch gemacht.»

Inzwischen sind die Erinne­rungs­träger, nach ungezählten Stun­den Archivierungsarbeit, in der Schachtel. «Unser Ziel war, ­ die Auflösung bis Weihnachten abzu­schliessen», sagt Fischer. «Das haben wir geschafft.»

Erstellt: 27.12.2015, 14:30 Uhr

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