Zum Hauptinhalt springen

Sie suchte ein besseres Leben und machte jenes ihrer Tochter zur Hölle

Eine 45-jährige Kosovarin hat ihre Tochter misshandelt, weil diese nicht gehorchte. Die Mutter wurde deswegen ausgeschafft. Nachdem der Fall zum zweiten Mal verhandelt wurde, darf sie doch wieder in der Schweiz bleiben.

Vom Kreisgericht See-Gaster ans Kantonsgericht in St. Gallen: Der Fall einer Kosovarin, die ihre Tochter misshandelt haben soll beschäftigt die Justiz nun schon seit 2011.
Vom Kreisgericht See-Gaster ans Kantonsgericht in St. Gallen: Der Fall einer Kosovarin, die ihre Tochter misshandelt haben soll beschäftigt die Justiz nun schon seit 2011.
Keystone

Zutiefst traumatisiert sei seine Klientin, sagt der Verteidiger am St. Galler Kantonsgericht. Wie, um das zu beweisen, wird die Verhandlung kurz unterbrochen. Einem Richter ist aufgefallen, dass die 45-Jährige von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Sie darf den Saal verlassen, zusammen mit ihrem psychiatrischen Betreuer. Dabei steht die Kosovarin als Beschuldigte vor Gericht. Vor acht Jahren hat sie ihre Tochter geohrfeigt, ihren Kopf gegen einen Heizkörper geschlagen und nach Ansicht der Gerichte mit einem Elektrokabel und einem Gürtel traktiert und anschliessend mit dem Kabel fast erwürgt. Dafür, sowie für weitere Körperverletzungen und Tätlichkeiten wurde sie 2011 vom Kreisgericht See-Gaster zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Die Geschichte schien beendet zu sein. Bis sie 2015 beim Kantonsgericht ein Revisionsgesuch eingereicht hat. Ein Gutachten bescheinigte ihr für den Tatzeitpunkt eine leichte bis mittelgradige Einschränkung der Schuldfähigkeit aufgrund einer psychischen Störung. Der Fall wurde erneut an das Kreisgericht verwiesen zur Neubeurteilung. 2016 kamen die Richter zum Schluss, dass die Strafe auf zehn Monate zu reduzieren sei. Wegen der psychischen Probleme, aber auch wegen der langen Verfahrensdauer und der hohen Strafempfindlichkeit der Beschuldigten. Diese war nämlich wenige Wochen vor dem erneuten Prozess in den Kosovo ausgeschafft worden, was sie, wie der Verteidiger betont, schwerst traumatisiert habe. Gegen den Beschluss des Kreisgerichts legten sowohl die Kosovarin, als auch die Staatsanwaltschaft Berufung ein.

Tochter ist schuld

Die Verhandlung am Dienstag gibt Einblicke, die zeigen, wie die Traumatisierung hätte zustande kommen können. So erzählt die Frau, dass sie mit 17 heiratete und zu ihrem Mann in die Schweiz zog. Sie war ärmlich aufgewachsen, mit sechs Geschwistern. Die Eltern waren streng, vor allem die Mutter. Geschlagen habe diese sie aber nie, betont die Beschuldigte. Doch sie habe einfach weggewollt aus dem Dorf, ein besseres Leben führen. Die Ausschaffung hatte sie wieder dahin gebracht, wo sie nicht sein wollte.

Der Gerichtspräsident versucht eine Parallele zu ziehen zwischen ihr und ihrer Tochter. Sie habe doch damals die Unterschrift ihrer Mutter gefälscht, um überhaupt heiraten zu können. Ihre eigene Tochter habe ihrerseits nicht das gemacht was von ihr verlangt wurde, geraucht zum Beispiel.

Die Beschuldigte meint, ihre Tochter habe übertrieben. Überhaupt scheint sie die Schuld vor allem bei der damals knapp 18-Jährigen zu suchen. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob sich eine Mutter so gegenüber ihrer Tochter verhalten sollte, reagiert sie mit der Gegenfrage, ob das denn eine Tochter dürfe. Schliesslich hätte diese den Streit angefangen, sie an den Haaren gezogen und zu Boden gestossen. Erst danach habe sie die Tochter geschlagen, meint die Beschuldigte. Was passiert sei, sei passiert. Sie wolle einfach abschliessen, habe keine Kraft mehr, schloss die 45-Jährige.

Die Plädoyers fallen kurz aus. Denn nur die Strafzumessung darf angefochten werden, nicht die Taten selbst. Die Staatsanwältin fordert, dass die Richter wieder auf die zweijährige Freiheitsstrafe zurückkommen. Der Verteidiger beharrt auf einer Geldstrafe. Er warnt davor, dass eine höhere Freiheitsstrafe eine erneute Ausschaffung ins Spiel bringen würde – mit den traumatisierenden Folgen. Zurzeit lebt die Kosovarin wieder bei ihrer Familie im Linthgebiet. Das Verwaltungsgericht hat die Aufhebung der Niederlassungsbewilligung rückgängig gemacht. Mit der Tochter habe sie sich versöhnt. Ein Urteil wurde am Dienstag noch nicht gefällt. Das Gericht stellt es den Parteien schriftlich zu.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch