Rapperswil-Jona

Schritt für Schritt psychische Leiden von ihrem Stigma befreien

Am Freitag traf die Schweizer Mut-Tour in Rapperswil ein: Vier Männer und eine Frau informierten auf einer Wanderung von St. Gallen nach Wädenswil über psychische Krankheiten und plädierten für einen offenen Umgang mit diesen.

Unterwegs auf der Mut-Tour: Die Wanderer möchten einen offenen Dialog über Krankheiten wie Depressionen fördern.

Unterwegs auf der Mut-Tour: Die Wanderer möchten einen offenen Dialog über Krankheiten wie Depressionen fördern. Bild: Patrick Gutenberg

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Niemandem käme es in den Sinn, einem Kranken, der mit einer Lungenentzündung im Bett liegt, zu sagen: «Jetzt reiss dich endlich mal zusammen!» Menschen aber, die unter einer Depression leiden, müssen sich diesen und ähnliche Sprüche oft anhören, obwohl es sich dabei – genauso wie bei einer Lungenentzündung – um eine ernstzunehmende Krankheit handelt. Und ebenso wie körperliche sind auch psychische Krankheiten behandelbar.

Dieses Wissen zu streuen, ist ein Hauptziel der Mut-Tour. «Wir möchten Menschen, die von einer psychischen Krankheit betroffen sind, ermutigen, Hilfe zu suchen. Und wir möchten die Leute in ihrem Umfeld motivieren, die Kranken darin zu bestärken», betonte ein Teilnehmer. «Ja, aber nicht nur Hilfe von Ärzten und Therapeuten», ergänzte ein anderes Gruppenmitglied, denn ebenso hilfreich sei die Unterstützung, die eine Selbsthilfegruppe biete. Vernetzen ist das Zauberwort, und zwar sowohl unter den Betroffenen als auch unter den Angehörigen.

Wissen hilft

Die Mut-Tour ist eine Art Selbsthilfeprojekt, denn die vier Männer und die Frau, die am 7. April in St. Gallen aufgebrochen sind, kennen das Thema der psychischen Krankheit aus eigener ­Erfahrung. Deshalb ist es ihnen auch so wichtig, die Bevölkerung zu informieren. «Hätte ich zum Beispiel die bipolare Störung (abwechselndes Auftreten von depressiven und manischen, euphorischen Phasen) gekannt, als mich plötzlich eine schwere ­Manie überfiel, dann wäre ich schneller im Krankenhaus gewesen», erklärte einer der Männer.

Eine Woche war die Gruppe unterwegs: von St. Gallen via Herisau, Wattwil, Uznach und Rapperswil bis nach Wädenswil. Am ersten und am letzten Tag öffnete sich die Mut-Tour für alle Personen, die Lust hatten mitzuwandern. In Rapperswil fanden sich denn auch vier weitere Interessierte ein. Es war allerdings unschwer zu erkennen, dass diese nur Zuzüger und Zuzügerinnen waren, denn anders als die richtigen «Mutigen» schleppten sie keine Zwanzig-Kilo-Rucksäcke, da sie ja weder Kleider für acht Tage noch Schlafsäcke mitnehmen mussten.

Wichtige Tagesstruktur

Übernachtet wurde nämlich auf dem Boden, und das hauptsächlich in Kirchenzentren, wo die Gruppe auch meist selber kochte. Aber gerade das Eingebundensein in ein festes Programm tat ­allen gut. Oft fehlt nämlich den von einer psychischen Krankheit Betroffenen eine Tagesstruktur, da sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind. Natürlich genossen es die Wanderer aber auch, den ganzen Tag draussen in der Natur zu verbringen, denn das Wetter war ihnen hold. Und die vier Männer aus Deutschland waren beeindruckt von der Idylle in den «Bergen».

Die Idee dieses Projekts wurde von der Frau im Bunde, der Rheintalerin Esther Tagmann, aus Deutschland mitgebracht, wo schon seit 2012 Menschen auf Tandems, in Kajaks und wandernd durchs Land ziehen und Öffentlichkeitsarbeit, so etwa in Schulen, machen, um die psychischen Leiden von ihrem Stigma zu befreien. Tagmann möchte nun die Mut-Tour, hinter der die deutsche Depressionsliga steht, auch in der Schweiz etablieren.

Angebote für Menschen mit
psychischen Leiden:

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 10:51 Uhr

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