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«Schon damals wollten viele mit den Auswanderern Geld verdienen»

Die aktuelle Ausstellung im Stadtmuseum erinnert daran, dass das Linthgebiet im 19. Jahrhundert Auswanderergebiet war. Kurator Mark Wüst hat über dieses vergessene Stück Geschichte ein Buch verfasst.

Der Historiker Mark Wüst ist seit 2011 Leiter des Stadtmuseums Rapperswil-Jona.
Der Historiker Mark Wüst ist seit 2011 Leiter des Stadtmuseums Rapperswil-Jona.
Manuela Matt

Ihr Buch handelt von einer Zeit, in der die Menschen aus dem Linthgebiet auswanderten, die Wanderungsbewegung also umgekehrt verlief. Was hat Sie während der Recherchen am meisten überrascht?Mark Wüst:Nicht bekannt war bis anhin, dass der Bezirk Gaster in der Frühphase der Amerika-Emigration zu den Schweizer Regionen mit den höchsten Auswanderungsraten zählte. Bei einer Bevölkerung von nur 7200 Personen zogen zwischen 1845 und 1850 sage und schreibe fast 500 Männer, Frauen und Kinder in die «Neue Welt». Das hat bisher noch niemand untersucht.

Wie müssen wir uns das Leben der Gasterländer damals vorstellen?Sie lebten von der Landwirtschaft. Industrie gab es in dieser Gegend noch keine. Wir dürfen uns aber nicht stattliche Bauernhäuser wie im Emmental vorstellen; die meisten Leute waren Kleinbauern, viele arbeiteten daneben als Taglöhner.

Warum verarmten die Bauern derart, dass sie ans Auswandern dachten?Weil die Bevölkerung rasant wuchs, gaben viele Höfe nicht mehr genug her, um die grossen Familien zu ernähren. Dazu kam zwischen 1845 und 1855 eine akute Ernährungskrise: Das nasskalte Wetter sorgte während mehrerer Jahre für Missernten, und aus den USA wurde ein Pilz eingeschleppt, der die Kartoffeln verfaulen liess. Die Kartoffelernte fiel über mehrere Jahre aus. Die Menschen sahen keinen Ausweg mehr, das Leben wurde immer schwieriger.

Litten die Menschen Hunger?Gewiss, aber an Hunger gestorben ist hierzulande glücklicherweise kaum jemand. Das war beispielsweise in Irland ganz anders. Dort starben in jener Zeit eine Million Menschen an Hunger, zwei Millionen wanderten aus.

Ist es wahr, dass die hiesigen Ortsgemeinden armen Bürgern die teure Reise zahlten, damit sie ihnen zu Hause nicht mehr auf der Tasche lagen?Es ist etwas komplizierter. Die Auswanderungswilligen stellten Unterstützungsanträge an die Ortsgemeinden und wenn die Ortsbürger Ja sagten, erhielten sie einen Vorschuss an die Reisekosten. Die Nutzungsrechte der Ausgewanderten – Pflanzland und Holz aus Gemeindebesitz – versteigerte man danach jährlich an den Meistbietenden. So wurden die Schulden der Ausgewanderten nach und nach abbezahlt.

Der Gedanke, sich künftige Armenunterstützung zu ersparen, war aber den Ortsgemeinden nicht ganz fremd?Sicher nicht, davon liest man in den Quellen immer wieder. Und in Einzelfällen ist den Armen auch zugeredet worden, auszuwandern.

Migration ist ein höchst aktuelles Thema. Haben Sie Parallelen zwischen der damaligen und der heutigen Situation gefunden?Es gibt viele Parallelen: Genau wie heutige Migranten aus Afrika hatten damals viele Menschen in der Schweiz keine Perspektiven. Die wirtschaftliche Not war gross, die Verzweiflung ebenso.

«Tellerwäscherkarrieren von Gasterländern habe ich keine gefunden.»

Mark Wüst

In Ihrem Buch ist auch die Rede von sogenannten Agenten, welche die Überfahrt nach Amerika organisierten. Sind diese mit heutigen Schleppern vergleichbar?Solche Agenten oder Reiseführer wurden von den Gemeinden engagiert. Unter ihnen gab es korrekte Unternehmer, aber auch viele, welche die Lage der Emigranten ausnützten. Das Missbrauchspotenzial war gross, denn es gab ein riesiges Gefälle zwischen diesen Agenten, die viel Wissen hatten und den Auswanderern, die nicht wussten, was ihnen bevorstand. Schon damals wollten viele mit den Auswanderern Geld verdienen.

In Ihrem Buch greifen Sie ein Beispiel aus Schänis auf. Die Auswanderer berichteten nach Hause, dass sie auf der Reise viel weniger zu essen bekamen, als ihnen versprochen worden war.Diese Berichte gab es, und sie lösten einen öffentlichen Skandal aus, weil die Presse sie aufgriff. Man weiss auch, dass die Agenten Auswanderer zwangen, Briefe zu schreiben, in denen sie berichten mussten, wie gut es ihnen gehe. Auch dafür haben wir ein Beispiel von einem jungen Schänner; der Brief zeigt deutlich, dass er unter Druck geschrieben wurde.

Viele Schweizer, die in die USA auswanderten, haben ihren neuen Wohnorten Namen aus der alten Heimat gegeben, etwa New Bern oder New Glarus. Haben Sie auch ein New Rapperswil angetroffen?Nein. Man weiss aber, dass eine Gruppe Schänner ein New Schänis gründen wollte. Davon hat man allerdings nie mehr etwas gehört.

Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, dass beispielsweise Einwanderer aus Nigeria in der Schweiz eine Siedlung namens New Lagos gründen würden. Wieso waren solche Neugründungen im 19. Jahrhundert in Amerika möglich?Als diese Menschen um 1850 in Nordamerika ankamen, waren weite Landstriche nicht oder kaum besiedelt. Vorschriften, wo die Neuankömmlinge zu leben hatten, gab es kaum. Wobei man allerdings nicht vergessen darf, dass die europäischen Einwanderer die indianischen Ureinwohner verdrängten.

In Ihrem Buch beleuchten Sie nicht nur das Schicksal der verarmten Gasterländer. Ein Teil ist dem Auswanderer Xaver Suter gewidmet, den vor allem die Abenteuerlust nach Amerika trieb. Was für ein Mensch war Suter?Er stammte zweifellos aus einer bessergestellten Familie. Das zeigt sich etwa daran, dass wir ein Foto von ihm besitzen. Fotos konnten sich damals – zwanzig Jahre nach der Erfindung der Fotografie – nur wenige leisten. Aber auch diese Familie geriet durch den frühen Tod der Eltern in eine finanziell schwierige Lage. Xaver Suter reiste auf dem Schiff nicht mit den Reichen, sondern wie die Armen im Zwischendeck. Sein Hauptmotiv war aber zweifellos Abenteuerlust, nicht Armut.

Wie sind Sie auf ihn gestossen?Wir haben seinen Nachlass im Stadtarchiv, und ein Bestandteil davon ist der Reisebericht, den er auf der Überfahrt verfasste. Ein einzigartiges Zeugnis.

Was macht ihn so einzigartig?Suters Reisebeschreibung ist sehr authentisch, nahe am Erleben. Er kann als allgemeingültiger Bericht über die damalige Emigration gelesen werden.

Weiss man, wie es Suter in der neuen Heimat ergangen ist?Er schlug sich als geschickter Geschäftsmann durch und hatte schon bald einen Laden, einen sogenannten Variety Store für Haushaltartikel und landwirtschaftliche Geräte. Er lebte in New Switzerland, östlich von St. Louis. Später folgten ihm zwei seiner Brüder nach.

Gibt es solche Zeugnisse auch von den wegen Armut ausgewanderten Gasterländern?Leider fast keine. Ihre Spuren verlieren sich nach der Überfahrt. Eine Ausnahme ist die Witwe Magdalena Albrecht aus Weesen, die allein mit sechs Kindern auswanderte. Von ihr haben wir einen Brief, den sie als alte Frau schrieb. Aus dem erfährt man, dass sie auch in Amerika ein hartes, karges Leben führte.

Tellerwäscherkarrieren von Gasterländern sind keine bekannt?Ich habe zumindest keine gefunden.

Xaver Suter kehrte nach gut zwanzig Jahren nach Rapperswil zurück und machte hier politisch Karriere.Er war schon in den USA politisch aktiv gewesen und wurde nach seiner Rückkehr in Rapperswil Stadtrat, 1879 sogar Stadtpräsident. Suter lebte im Schlossberg, dem oberen Curti-Haus.

Hatte er eine Familie?Er selber hatte keine Familie; er heiratete aber in Rapperswil noch spät seine verwitwete Schwägerin. Diese hatte sieben Kinder, von denen kein einziges die Mutter überlebte. Sechs starben schon im Kindesalter; ein Sohn, Otto, wurde zwar erwachsen, aber auch er starb vor seiner Mutter. Ottos Nachkommen haben den Nachlass dem Stadtarchiv übergeben. «Xaver Suters Reise nach Amerika» ist im Buchhandel erhältlich.

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