Rapperswil-Jona

Rollstuhlcrashs sind seine Spezialität

Die Schweizer Rollstuhlrugbymannschaft bereitet sich derzeit auf die Heim-EM vor. Unter ihnen ist der Rapperswiler Andi Brändli, der seit 17 Jahren das Natitrikot trägt.

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Wenn es knallt, dann war er erfolgreich. Dann konnte Andi Brändli in seinem Sportstuhl einen Gegner stoppen. Zusammen mit seinen Nationalmannschaftskollegen bereitet er sich derzeit in Nottwil auf die B-Europameisterschaft im Rollstuhl­rugby vor. Keiner der aktuellen Natispieler ist länger mit dabei als der 38-jährige Rapperswiler. Seit bald 17 Jahren trägt er das Natileibchen mit der Nummer 3.Während seiner einjährigen Reha in Nottwil sei er 1999 erstmals mit dem Mannschaftssport in Kontakt gekommen, erzählt er. Seither hat er mit der Nati schon beinahe die ganze Welt bereist. «2006 waren wir an den Weltmeisterschaften in Neuseeland.» Vor wenigen Wochen hätten sie zudem Gelegenheit gehabt, am Canada Cup in Vancouver teilzunehmen. «An diesem Turnier konnten wir uns mit den sechs besten Teams der Welt messen, was für uns eine super Erfahrung war», sagt Brändli. Die Schweiz belegt auf der aktuellen Weltrangliste Platz 14.

Das grösste Ziel ist Tokio 2020

Seit Sydney 2000 ist das Rollstuhlrugby eine paralympische Disziplin. Damals nahm auch das Schweizer Nationalkader am Wettbewerb teil. «Seither konnten wir uns nie mehr qualifizieren», sagt Brändli. Sein grösstes Ziel wäre es daher, an den Paralympics 2020 in Tokio mit von der Partie zu sein. «Das wäre vielleicht der perfekte Karriere­abschluss.»

Das sei aber noch weit weg. Vorerst gelte es, sich für die Europameisterschaft vorzubereiten. Hierfür trifft sich das National­kader alle zwei Wochen im Paraplegikerzentrum von Nottwil. Jeweils von Donnerstagabend bis Sonntagnachmittag dauert der Zusammenzug. «Neben den Trainingseinheiten auf dem Feld machen wir Videoanalysen, Taktikbesprechungen und Krafttraining.»

Handschuhe und Klebeband

Sonntagnachmittags steht jeweils das Trainingsspiel auf dem Programm. Bevor die Sportler, es sind alles Tetraplegiker, loslegen können, braucht es noch einiges an Vorbereitung. Diese ist je nach Spieler individuell. Andi Brändli etwa cremt sich zunächst prophylaktisch seine Arme mit Perskindol ein. «Das hab ich früher schon als Handballspieler immer gemacht.» Als Nächstes zieht er Kompressionsstrümpfe über die Arme, als Schutz vor Schürfungen. Dann werden die Finger getapt. «Wenn wir das nicht machen würden, hätten wir im Nu offene Finger.» Weil der Schutz des Tapes allein aber nicht reicht, schlüpfen Brändli und seine ­Kollegen zum Schluss noch in Gummi- oder Lederhandschuhe hin­ein. Diese werden mit Klebeband an den Handgelenken befestigt.

Danach folgt das Umsteigen vom Alltagsrollstuhl in den Sportstuhl, genannt Transfer. Brändli, dessen Beine vollständig gelähmt sind, arbeitet komplett aus dem Oberkörper heraus. Mit ganzer Kraft hebt er sich in den Sportstuhl. Dort angekommen, befestigt Brändli Gurte an Bauch, Füssen und Beinen. «Diese Sicherung dient dazu, dass ich bei den teilweise ruppigen Manövern nachher nicht aus dem Rollstuhl falle», erklärt er.

Mittlerweile sind rund 20 Minuten vergangen. Zeit für das Einwärmprozedere: Trainingsleiter ist Cheftrainer Adrian Moser, der gleichzeitig auch Spieler ist. Weil das nicht immer ganz einfach ist und ein Aussenblick auch nicht schadet, hat die Nati kürzlich Christian Härdi als Assistenzcoach eingestellt. Härdi ist langjähriger Handballtrainer. Der Rollstuhlsport ist für ihn noch Neuland. Trotzdem hat er bereits klare Ziele für die Nationalmannschaft. «Wir wollen die EM hier in Nottwil gewinnen.» Bereits mit einer Finalqualifikation würde die Schweizer Nati von der B-Division ins A aufsteigen und auch in der Weltrangliste Plätze gewinnen. «Das würde die Chance erhöhen, dass wir 2018 an den Weltmeisterschaften in Sydney teilnehmen könnten.»

Unterdessen hat Spielertrainer Moser die Teameinteilung vorgenommen. Kaum beginnt das Spiel, zuckt der ungeübte ­Zuschauer auch schon ein erstes Mal zusammen. Begleitet von einem lauten Knall sind soeben zwei Spieler miteinander kollidiert. «Das ist vollkommen normal», erklärt Christian Härdi. «Der Spieler in Ballbesitz wird wann immer möglich abgeblockt.» Hierfür seien harte Rollstuhlkontakte erlaubt. Körperkontakt hingehen werde mit Ballverlust oder einer Zeitstrafe geahndet. In teils rasantem Tempo geht es hin und her auf dem Rugby- bzw. Basketballfeld der Sporthalle. Jeweils vier Spieler pro Team sind im Einsatz. Ziel des Spiels ist es, den Rugbyball hinter die gegnerische Torlinie, genannt Key, zu transportieren. Dabei gilt es, eine ganze Menge Regeln zu befolgen. Unter anderem muss es der offensiven Mannschaft gelingen, den Ball innerhalb von 12 Sekunden über die Mittellinie zu befördern. Ansonsten erhält das gegnerische Team Einwurf.

Platte Räder sind Standard

Coach Adrian Moser wechselt die Teams regelmässig aus. Nun erhält auch Andi Brändli eine kurze Pause. Aus seiner Tasche zaubert er einen kleinen Ventilator. «Wir Tetraplegiker können aufgrund unserer Lähmung nicht oder nur schlecht schwitzen.» Deshalb sei es umso wichtiger, dass sie sich bei hoher körperlicher Belastung regelmässig abkühlten.

Dann geht es auch schon wieder ab aufs Feld. Brändlis Position ist in der Verteidigung. Er versucht, den Erfolg des Gegners zu verhindern, indem er sich diesem mit seinem Rollstuhl in den Weg stellt. Hierfür hat er vorne an seinem Rollstuhl eine Art Haken. Mit diesem versucht er, sich bei seinem Gegenspieler einzuhängen. Im Gegensatz dazu ist der Rollstuhl eines Offensivspielers kürzer und rundherum verschalt. Jeder Sportstuhl ist eine Extraanfertigung und individuell auf den Spieler angepasst. Bei den heftigen Rollstuhlkontakten während des Spiels leidet aber auch das Spezialmaterial. Platte Reifen sind die Folge davon. Sogleich ist dann aber ein Staffmitglied zur Stelle, um das Rad zu wechseln. Hierzu braucht der Spieler nicht einmal seinen Rollstuhl zu verlassen.

Nach zwei Stunden geht das temporeiche und kräfteraubende Training zu Ende. Nach dem Ausfahren und dem Transfer zurück in den Alltagsrollstuhl zieht das Team gemeinsam Bilanz. Sie seien auf gutem Weg, sagt Moser. Trotzdem sei es unerlässlich, dass jeder für sich zu Hause auch sein Trainingspensum abspule, mahnt er. Danach wird beim ­gemeinsamen Zusammensitzen noch etwas gefachsimpelt, bevor die Natihelden wieder in alle Richtungen der Schweiz aufbrechen.
Die Rollstuhlrugby-B-Europameisterschaft findet vom 3. bis 9. Oktober in Nottwil statt. Weitere Infos unter: www.wr2016.ch oder www.rollstuhlrugby.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.09.2016, 16:00 Uhr

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Das Rollstuhlrugby

Rollstuhlrugby wurde in den 70er­Jahren in Kanada erfunden.Es ist die Alternative zum Rollstuhlbasketball und bietet vor allem Tetraplegikern die Möglichkeit, sich ebenfalls sportlich zu messen. Hierzu bekommt jeder Spieler eine Klassifizierung, die von 0,5 bis 3,5 Punkten reicht. Je grösser seine Einschränkungen, desto weniger Punkte bekommt ein Spieler. Auf dem Spielfeld sind jeweils vier Spieler mit einer maximalen Punktzahl von acht zugelassen. Frauen und Männer spielen in den gleichen Teams, wobei Frauen einen halben Punkt gutgeschrieben erhalten.
Beim Rollstuhlrugby werfen sich die Spieler
nicht aufeinander, das Spiel ist aber nicht weniger spektakulär.Rollstuhlcrahs und Stürze gehören zum Standard, weshalb der Sport zu Beginn auch «Murderball»
genannt wurde. Gespielt wird in einer Turnhalle, innerhalb des Basketballfelds. Das Ziel ist es, den dem Volleyball ähnlichen Ball in die Endzone, das Key, zu manövrieren.
Die wichtigsten Regeln sind:
Maximal drei Verteidiger dürfen sich in der Keyzone befinden. Rollstuhlkontakt ist erlaubt,
Körperkontakt ist verboten. Die offensive Mannschaft muss
innerhalb von 12 Sekunden den Ball über die Mittellinie befördern. 40 Sekunden bleiben gesamthaft, um ein Tor zu erzielen. Zudem muss der Ball alle 10 Sekunden
geprellt oder gepasst werden. Die Spieldauer beträgt vier mal acht Minuten Nettospielzeit. Bei Punktegleichheit wird um jeweils drei Minuten verlängert, bis eine Entscheidung gefallen ist. (fse)

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Zur Person

Andi Brändli lebt seit Kindertagen in Rapperswil-Jona. Wenn er nicht in Nottwil trainiert, dann
ist der 38-Jährige gerne mit seinen Kollegen der Guggenmusik Schlosshüüler Rapperswil unterwegs.
Nachdem der gelernte
Konditor-Confiseur und Hobbyhandballer 1999 im Urlaub verunfallte, musste er sich beruflich und sportlich neu orientieren. Brändli hat darauf das KV nachgeholt
und arbeitet seither im Teilzeitpensum als Zivilangestellter bei der Kantonspolizei
St. Gallen. Dass er während seiner Reha in Nottwil mit dem Rugbysport in Kontakt gekommen
sei, bezeichnet er als Glücksfall: «Ich bin durch den
Sport wieder selbstständig geworden.» (fse)

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