Rapperswil-Jona

Ressentiments sind keine zurückgeblieben

Sie waren die Männer der ersten Stunde: Josef Keller, früherer Joner Gemeindepräsident, und Walter Domeisen, sein Amtskollege in Rapperswil, waren Wegbereiter der Gemeindefusion. Dass der erste Anlauf scheiterte, schmerzt längst nicht mehr.

Gemeinsam waren sie Wegbereiter der Gemeindefusion: Josef Keller, von 1988 bis 2000 Joner Gemeindepräsident und Walter Domeisen von 1987 bis 2007 Rapperswiler Stadtpräsident, beim Burgaufstieg.

Gemeinsam waren sie Wegbereiter der Gemeindefusion: Josef Keller, von 1988 bis 2000 Joner Gemeindepräsident und Walter Domeisen von 1987 bis 2007 Rapperswiler Stadtpräsident, beim Burgaufstieg. Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war wohl 1992, als erstmals von einer Gemeindefusion gesprochen wurde. Inoffiziell und hinter verschlossener Tür, versteht sich. Wann genau es war, wissen heute auch Josef Keller, damaliger Gemeindepräsident von Jona, und Walter Domeisen, ehemaliger Rapperswiler Stadtpräsident (beide CVP), nicht mehr so genau. Die Initiative kam jedenfalls von Rapperswil aus. «Das durfte man aber nicht so kommunizieren», sagt Walter Domeisen rückblickend.

Den Ball ins Rollen brachte ein neu gewähltes Ratsmitglied, wie sich Domeisen erinnert. Fast bei jedem Traktandum hiess es, man müsse es noch mit Jona absprechen. Ob man sich denn nie Gedanken über eine Zusammenlegung der Gemeinden gemacht habe, habe der Neugewählte gefragt. «Wir kamen zum Schluss, dass ich Josef Keller darauf ansprechen solle. Ein Brief schreiben ging nicht, schliesslich war die Anlegenheit etwas heikel», meint Domeisen schmunzelnd.

Die Räte trafen sich ständig

«In Jona war eine Fusion auch immer wieder Thema, aber mehr so nebenbei», sagt Josef Keller am Tisch mit seinem damaligen Amtskollegen, als die beiden im Gespräch mit der Zürichsee-Zeitung den ersten Anlauf für eine Gemeindefusion Revue passieren lassen. Viel Zeit nahmen in beiden Räten Diskussionen über Kostenteiler ein. Schliesslich waren Rapperswil und Jona von der Wahrnehmung her längst zusammengewachsen. Absprachebedarf gab es fast überall - ausser in den Bereichen Landwirtschaft, beim Schloss und den Finanzen. Die Räte trafen sich ständig. «Dringenden Handlungsbedarf bestand aus Joner Sicht aber nicht», sagt Keller. «Jona ging es gut, auch finanziell, und es gab genügend Platz». Das war in Rapperswil anders. Zwar war die finanzielle Situation auch dort nicht schlecht. Aber es mangelte an Platz, ist die Stadt doch abgesehen vom Seeanstoss ganz von Jona umschlossen.

Viel Emotionen im Spiel

Bis aber offiziell abgestimmt werden konnte, gingen sieben Jahre ins Land. Ende 1999 kam es zur Grundsatzabstimmung (siehe auch Kasten). Vorangegangen war ein hitziger, emotionaler Abstimmungskampf. Freundeskreise, sogar Familien wurden durch die Fusionsfrage gespalten. «Rational war alles klar. Weshalb sollten zum Beispiel auf der einen Seite der Hanfländerstrasse auf Rapperswiler Gebiet die Güselsäcke am Dienstag und auf der anderen am Donnerstag rausgestellt werden? Das machte keinen Sinn», nennt Domeisen eines von vielen Beispielen.

So klar Vernunftsgründe dafür sprachen, so klar sprach emotional für manche Einwohner einiges dagegen. Gerade für die Joner. Domeisen erinnert sich, was eine betagte Jonerin als Argument für ein Nein ins Feld führte. Ihrem Trachtenverein sei nach dem Eidgenössischen Trachtenfest auf dem Bahnhof die Einfahrt auf Gleis 1 verunmöglicht worden durch den Rapperswiler Stadtrat. Ob das stimmte, weiss heute niemand mehr und das Erlebnis lag auch damals schon 50 Jahre zurück. Doch das Nein der Frau bei der Grundsatzabstimmung war gewiss. «Sogar die Joner Postleitzahl sorgte für Emotionen: Würde sie mit der Fusion verschwinden? Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen», sagt Domeisen.

«Geschickter Widerstand»

Doch der Widerstand formierte sich. «Die gegnerischen Joner Blauherzen gingen raffiniert vor», sagt Keller. «Sie appellierten an die positiven Gefühle, den den Stolz der Joner zum Beispiel Und propagierten die These, dass die Steuerlast bei einer Fusion ansteigen würde», sagt Keller. Etwas, was sich nie bewahrheitete. Auch der Name der Stadt, der Standort der Verwaltung und ähnliches gab zu reden. Dabei wollten die Behörden nichts dem Zufall überlassen. Zum Beispiel, was die Bedenken zum Steuerfuss anbelangten. «Wir hatten berechnet, dass ein durchschnittlicher Haushalt in Rapperswil gerade einmal 139 Franken mehr Steuern bezahlen musste als in Jona», fügt Domeisen an. Überzeugte Joner konterten: «Jede Stutz isch zvill».

Kuriose SVP-Parolenfassung

Besonders beargwöhnt wurde die Rapperswiler Ortsgemeinde, Schloss- und Landbesitzerin, letzteres auch in Jona. Während für die Ortsbürger die Sache klar war, habe sich der Ortsverwaltungsrat schwer getan, sich klar zu positionieren, erinnern sich Domeisen und Keller. Die politischen Parteien warendem Vorhaben wohl gesonnen. Mit Ausnahme SVP. Dabei hatte es zuerst ganz gut ausgesehen. «Die Mitglieder stimmten für die Fusion, doch der Vorstand kippte den Entscheid im Nachhinein.

Der Ausgang der ersten Abstimmung ist bekannt. Den Ausschlag gab das liebe Geld, wie eine Analyse des GfS-Forschungsinstituts von Claude Longchamps enthüllte. Die Behörden waren enttäuscht, «aber nicht völlig überrascht», wie Josef Keller sagt. «Die Joner mussten wohl einfach einmal Nein sagen, um mit den Rapperswilern quitt zu sein.» Schliesslich hatten diese zwei Jahrzehnte zuvor einen gemeindeübergreifenden Zusammenschluss der Primarschule - anders als die Joner - abgelehnt. «Gute Ideen brauchen in der direkt-demokratischen Schweiz eben immer mehrere Anläufe», ist Keller überzeugt. «Ja, und wir hatten auch keine Eckpfeiler. Vieles war offen. Im zweiten Anlauf war das anders. Name der Stadt, Wappen, Steuerfuss und Gemeindeorganisaion (ohne Parlament, Red. waren klar geregelt», sagt Domeisen. Dennoch wurde es bekanntlich noch einmal knapp.

Sportliche Gegner

Im Novemebr 2003 feierten dann die Fusionsbefürworter. «Der Prozess nach dem Entscheid war fantastich», schwärmt Domeisen noch heute. Anders als Josef Keller blieb er in der fusionierten Stadt als Bauvorsteher im Amt, während Keller das Ja als St. Galler Regierungsrat miterlebte. «Wir erlebten eine grosse Offenheit der Bürger.» Sehr sportlich hätten sich auch die Gegner gezeigt. «Sie überreichten dem neuen Stadtpräsidenten Beni Würth ein Plakat mit ihren Namne und den Worten: Damit ist es erledigt.» Und daran hielt man sich. «Ich werde oft gefragt, ob Wunden oder Ressentiments zurückgeblieben sind. Das ist nicht der Fall.»

Dass es im erste Anlauf nicht geklappt hat, müsse man sich aber nicht vorwerfen, meinen Keller und Domeisen unisono. «Es war halt ein Behördenprojekt.» Heute, davon sind beide überzeugt, ist die Fusion kein Thema mehr. Die Vereinigung der Stadt ist gelungen. Dann ist die Zeitreise zu Ende und es geht ans Bezahlen des Kaffees. Domeisen und Keller lachen: «Welchen Kostenteiler wollen wir vereinbaren?»

Erstellt: 14.02.2017, 14:23 Uhr

Chronologie

Erste Grundsatzabstimmung: Während die politische Gemeinde Rapperswil der Fusion mit 86 Prozent zustimmte, sagte Jona zu 53 Prozent Nein, was einem Nein-Stimmen-Überschuss von 470 entspricht. Die Stimmbeteiligung lag in Rapperswil bei 57,6 Prozent, in Jona bei 64,9 Prozent. Der Anstoss für eine Fusion kam von den Behörden.

Abstimmung über Vereinigungsinitiative: Die Stimmberechtigten von Rapperswil sprechen sich sehr deutlich mit 2734 zu 442 Stimmen für die Fusion aus. In Jona fällt das Ergebnis mit 4270 zu 3937 Stimmen wie erwartet knapp aus. Die Stimmbeteiligung betrug in Rapperswil 64,8 Prozent, in Jona 71,2 Prozent. Der Anstoss kam diesmal von der Basis: Befürworteten hatten die Initiative lanciert. (spa)

10 Jahre Fusion

Rapperswil-­Jona feiert: Vor zehn Jahren haben Jona und Rapperswil zur gemeinsamen Stadt fusioniert. In loser Folge beleuchtet die «Zürichsee-Zeitung» das Jubiläum. Wie wird heute gefeiert; was sagen die Protagonisten von damals, und wie entwickelt sich Rapperswil-Jona in der Zukunft?red

Artikel zum Thema

«Wehe, wer sich früher als Joner ans ‹Eis, zwei, Geissebei› wagte»

Rapperswil-Jona Peter Röllin hat die Vereinigung von Rapperswil und Jona mit einem Kulturbaukasten begleitet. Mit dem Schwinden der Grenzen geht in Jona 2007 eine über 200-jährige autonome Gemeindegeschichte zu Ende. Röllin hofft auf ein Zusammenwachsen der Region und die Schaffung eines Agglomerationsrats. Mehr...

Die mit den blauen Herzen

Rapperswil-Jona Es prangte auf Klebern, Plakaten und Inseraten: Das blaue Herz mit dem Slogan «I love Jona» war das Markenzeichen der Fusionsgegner. Ehemalige Kritiker erzählen, warum das Herz einst violett war, wie ein Skiunfall alles ins Rollen brachte und weshalb sie trotz allem Joner geblieben sind. Mehr...

Ein Strassenfest, aber kein normales

Rapperswil-Jona Stadt und Ortsgemeinde feiern in diesem Jahr das 10-Jahr-Jubiläum der Gemeinde­vereinigung. Der OK-Präsident der Jubiläumsfeierlichkeiten, Stadtrat Thomas Rüegg, gibt einen ersten Einblick. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!