Goldingen

«Der Turm zu Babel wird einstürzen»

Als St. Galler Kantonsbibliothekar hat Alois Stadler seinen ­Bubentraum wahr gemacht: Er konnte sein Leben den ­Büchern verschreiben. Neben dem Nachdenken über Gott und die Welt widmet der ­Historiker auch seinem ­Garten und Wald viel Zeit.

Alois Stadler liest und schreibt Bücher in seinem Haus in Hintergoldingen, das im Jahr 1771 gebaut wurde. Zur eigenen Gesundheit pflegt und hegt der ehemalige Kantonsbibliothekar gerne seinen Bauerngarten.

Alois Stadler liest und schreibt Bücher in seinem Haus in Hintergoldingen, das im Jahr 1771 gebaut wurde. Zur eigenen Gesundheit pflegt und hegt der ehemalige Kantonsbibliothekar gerne seinen Bauerngarten. Bild: Michael Trost

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Herr Stadler, Historisches ist Ihr Lebenselixier. Wie fällt Ihr Blick auf Ihre eigene Geschichte aus?

Alois Stadler: Gern erinnere ich mich an meine Jugend auf unserem kleinen Bauernhof, umgeben von den sanften Hügeln im mittleren Toggenburg. An unserem Tisch musste die Mutter mehr Kindern zu essen geben, als der Vater im Stall Kühe zu füttern hatte. Wenn ich diese ländliche Lebenssi­tua­tion mit der heutigen urbanen Gesellschaft vergleiche, so kommt es mir vor, als wäre ich schon vor 300 Jahren geboren worden.

War das eine heile Welt?

Zumindest eine viel stillere. Noch gabs auf unserem Heimetli keine Maschinen. Auf der Wiese, auf dem kleinen Acker, im Stall und im Wald wurde mit einfachen Werkzeugen von Hand gearbeitet. Wir hörten keinen Motorenlärm, sondern nur die Kirchenglocken aus den Dörfern der Umgebung. Die Kinder erlebten den Tag mit den Eltern und halfen bei der Arbeit, wo sie konnten. Obwohl ich in der Schule keine Probleme hatte, verbrachte ich die Zeit viel lieber daheim.

Was war damals vollends ­anders als heute?

Damals gingen im Sommer noch alle Kinder barfuss zur Schule. Keines besass ein Velo. Nur eine Handvoll Leute im Dorf, die ein Handwerk oder ein Geschäft betrieben, brauchten ein Auto. In der ganzen Gemeinde gab es noch keine Autogarage. Metzger und Bäcker brachten mit der «Kräze» zu Fuss oder mit dem kleinen einspännigen Pferdefuhrwerk Brot und Fleisch zu den verstreuten Bauernhöfen. Auch der Pöstler kam zu Fuss. Mehrheitlich ernährten wir uns mit dem, was auf unserem Hof wuchs.

Wie stark hat die Religion Ihr Weltbild geprägt?

Als Kind lernte ich die katholische Glaubenswelt von Grund auf ­kennen. Im Rückblick staune ich darüber, wie lange diese Art der Religion, von traditionellen Formen und von Himmel und Hölle geprägt, in mir erhalten blieb. Naturgemäss vergeht die kindliche Art des Glaubens im Verlauf des Lebens. Doch noch immer glaube ich an das Gute, auch wenn mich viele Zweifel erfüllen und Gott für mich nicht mehr ein alter Mann mit einem weissen Bart ist. Sicher bin ich mir, dass unser Geist auf ­irgendeine Art und Weise weiterlebt und der Nachwelt erhalten bleibt.

Historiker zu werden, war Ihr Bubentraum?

Die Freude an der Geschichte war mir sozusagen in die Wiege gelegt. Ich kann mich gut erinnern, wie unsere Lehrerin in der vierten Klasse der Primarschule von den Steinzeitmenschen erzählte. Da wollte ich unbedingt wissen, wie diese frühen Menschen gelebt hatten. Das Feuer war entfacht. Die angeborene Liebe zu Büchern und zur Geschichte wurde end­gültig zum Beruf, als ich 1967 vom Lehrerseminar Zug als Geschichtslehrer angestellt und als ich 1979 zum wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kantonsbibliothek St. Gallen gewählt wurde. Das war eine glückliche Fügung.

Sie haben über Ulrich Bräker geforscht. Wie sind Sie auf den Toggenburger Schriftsteller aus dem 18. Jahrhundert gestossen?

In der Schule haben wir Texte aus der Lebensgeschichte des «Armen Mannes» vom Toggenburg gelesen. Schon damals fühlte ich mich mit dem Schreiber Ulrich Bräker geistig verwandt. Wie er wollte ich den Sinn des Lebens kennen lernen, die Wunder der Natur betrachten und kritisch hinter das Leben der Menschen schauen. Dieser Ulrich Bräker, ein armer Bauernsohn und Weber, ein Bücherleser und Philosoph, wurde mir zum Vorbild.

Als Präsident der «Geschichtsfreunde vom Linthgebiet» haben Sie sich über 30 Jahre mit der Geschichte unserer Region beschäftigt. Welches Ereignis hat Sie am meisten fasziniert?

Dass vor 2000 Jahren die Römer mit viel Weisheit ihre Siedlungen hierzulande geplant haben. Sie haben vorausgeschaut und die Strassen, Wohnungen und Arbeitsplätze dementsprechend angeordnet. Heutzutage versinkt alles in einem Siedlungsbrei, weil vollends planlos und ohne Übersicht Strassen, Fabriken und Siedlungen aufgezogen werden, ohne einen Blick auf das Ganze zu werfen. Jeder baut, wie es ihm gerade passt.

Was ist der Sinn und Zweck der Geschichte?

Im Anblick unserer Vorfahren und ihrer vergeblichen Versuche, dem Glück nachzujagen, werden wir reicher an Erfahrungen. Jeder Mensch sollte sich mit seiner eigenen Vergangenheit und mit der Vergangenheit seines Wohnorts und seines Landes beschäftigen. Nur im Vergleich zu früher kann man in der Gegenwart den Weg finden und sein eigenes Leben verstehen und lieben.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die Geschichte keinen grossen Stellenwert mehr besitzt?

Die heutige Gesellschaft verliert den Kompass. Für viele Menschen ist die Gegenwart das Einzige, was sie kennen wollen. Ihre Augen richten sich auf Wohlstand und Genuss des Lebens, auf die Freiheit und das Glück des Individuums. Um dies zu erreichen, braucht es den materiellen Fortschritt. Das Wachstum unserer Wirtschaft gilt dar­um vielen Politikern und Chefs als Hauptgebot ihrer Bemühungen.

Sind Fortschritt und Wachstum schlecht?

Wachstum bedeutet neue Siedlungen und Städte, neue Strassen und Autobahnen, neue Gewerbebetriebe und Fabriken, neue Hotels und Bergbahnen. Es werden jeden Tag neue Luxusgüter und Events auf den Markt gebracht. Man holt Arbeiter und Unternehmer aus allen Nationen in unser Land und lässt zu, dass sich die ­Bevölkerung auf zehn und mehr Millionen vermehrt.

Wohin führt diese Entwicklung?

Wir verbrauchen die Vorräte un­seres Erdballs, verändern durch Chemie und Gentechnik die Pflanzen, Tiere und das menschliche Leben. Der übermässige Verbrauch der Ressourcen und vor ­allem der Einbruch in die Naturgesetze zeigen bereits Auswirkungen auf das Klima, auf Pflanzen und Tiere und auf menschli- che Krankheiten und könnten schliesslich unseren ganzen Traum von Wohlfahrt zerstören. Das biblische Bild vom Turm zu Babel hat diesen Übermut der Menschheit vorausgesagt.

Marschieren wir munter der Apokalypse entgegen?

Wir können diese Entwicklung nur abwenden, wenn wir uns wieder in Bescheidenheit und Demut üben, statt uns egoistisch zu verhalten. Der überhandnehmende Individualismus hat den Sinn für die Gemeinschaft und Familie verdrängt. Nur wenn wir es schaffen, die Verantwortung für das Ganze wahrzunehmen, statt private Inter­essen über alles zu stellen, ist eine Wende möglich. Das beginnt bei der Bildung: Diese ist heute voll und ganz auf die Wirtschaft ausgerichtet statt auf den Menschen.

Wie fällt Ihr Blick auf die ­Medien aus?

Unsere Massenmedien bewegen sich im gleichen Fahrwasser wie die Weltwirtschaft: Profitdenken regiert auch den Journalismus, die Zeitungs- und Bücherverlage und die Fernsehbetriebe. Die Massenmedien berichten das, was die genussfreudigen Leute gerne vernehmen: hautnahe Berichte über die Schönsten, Reichsten, Wagemutigsten, über Spitzensport, Events, Ausschweifungen und Abnormitäten, Verbrechen, Gewalt und Krieg. Und das alles wird noch überboten von hohlen Versprechen der Fernsehreklamen.

Was wäre die Alternative?

Es ist höchste Zeit, dass wir Menschen wieder nach dem Sinn des Lebens und der wahren Lebensqualität fragen und dass wir nicht auf die lautesten Reklamen und die leeren Versprechen des materiellen Fortschritts hören. Es ist allerdings nicht leicht, diesen Weg zu gehen, da wir uns schon an den Überfluss gewöhnt haben. Aber es zeigen sich immer mehr Zeitgenossen, die nachhaltig und naturgemäss leben möchten. Man hat sie lang genug als Aussteiger und Grüne beschimpft.

Und für Sie persönlich?

Auch ich versuche in diese Richtung die ersten Schritte zu machen, indem ich mit meiner Fa­milie einen Biogarten, eine ­Naturwiese und eine Hecke mit 16 verschiedenen Stauden- und Baumarten pflege. Zudem lassen wir einen Wald im Sinne des Naturschutzes wachsen und ver­suchen damit einen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität zu leisten. Diese Projekte machen uns selber glücklich. Besonders freut uns täglich unser altes, einfaches Bauernhaus, das wir als Denkmal unserer Vorfahren und ihrer Lebensart auch für die Zukunft erhalten wollen. ()

Erstellt: 02.08.2015, 23:24 Uhr

Infobox

Alois Stadler kam im Jahr 1938 zur Welt und wuchs in Mosnang im Toggenburg auf. Nach einem Geschichtsstudium in Freiburg und Zürich unterrichtete er am Lehrerseminar Zug. 1993 wurde Alois Stadler zum Leiter der Kantonsbibliothek St. Gallen gewählt. Er war während 30 Jahren Präsident des Vereins Geschichtsfreunde vom Linthgebiet. Alois Stadler ist verheiratet, hat drei Töchter und lebt in Goldingen. ml

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