Uznach

«Recht ist nicht Gerechtigkeit»

Nach fast 30 Jahren geht Hans Keller als Gerichtspräsident des Kreisgerichts See-Gaster in Pension. Mit der ZSZ spricht er über lebenslange Verwahrungen, die Todesstrafe und warum das Bauchgefühl in seinem Beruf keinen Platz hat.

«Mord und Vergewaltigung sind keine neuen Phänomene»: Hans Keller, Präsident des Kreisgerichts See-Gaster, zieht nach fast 30 Jahren im Amt Bilanz.

«Mord und Vergewaltigung sind keine neuen Phänomene»: Hans Keller, Präsident des Kreisgerichts See-Gaster, zieht nach fast 30 Jahren im Amt Bilanz. Bild: Manuela Matt

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Woher kommt das Böse?
Hans Keller: Darüber könnte man endlos philosophieren. Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Soll heissen, ich bin nicht der Meinung, dass das Böse etwas ist, dass in jedem Mensch steckt. Daher glaube ich auch fest an die Resozialisierung der Täter. Natürlich muss man seine Taten sühnen, aber jeder sollte auch eine zweite Chance bekommen.

Demnach sind Sie kein Hardliner?
Ich bin immer bedacht darauf, eine ausgewogene Lösung zu finden. Das Ermessen eines Richters ist in der Strafzumessung relativ gross. Ich würde aber nicht sagen, dass ich einen besonders harten Kurs gefahren bin in den vergangen Jahren als Richter.

Und wie stehen Sie zu der Todesstrafe?
Ich bin dezidiert dagegen. Es ist nicht Sache eines Richters über Leben und Tod zu entscheiden. Auch wenn die Tat eines Menschen noch so schrecklich sein mag,bin ich der Meinung, dass die Vergeltung auf anderem Wege passieren muss.

Zum Beispiel in Form einer lebenslangen Verwahrung?
Das ist eine Möglichkeit. Ich bin der Meinung, dass es richtig und wichtig ist, dass man für die Gesellschaft gefährliche Täter «wegsperren» kann. Es spielt auch keine Rolle, ob es ein gesunder oder ein kranker Täter ist. Dennoch: Eine lebenslange Verwahrung ist eine sehr einschneidende Massnahme. Nehmen wir einmal den Fall Rupperswil. Beim Täter handelt es sich um einen jungen Mann, der über 80 Jahre alt werden kann. Hier eine lebenslange Verwahrung auszusprechen ist ein schwerwiegender Eingriff, zumal eine Überprüfung praktisch nicht mehr möglich ist.

Eine lebenslange Verwahrung kann das Gericht nur aussprechen, wenn der Täter von zwei voneinander unabhängigen Gutachtern als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft wird. Sind diese Anforderungen zu hoch?
Ich bin nicht der Meinung. Es ist unerlässlich, in jedem einzelnen Fall die Gefährlichkeit eines Täters zu beurteilen. Im Strafrecht zu generalisieren wäre verheerend. Jedoch halte ich persönlich die ordentliche Verwahrung, bei der regelmässig geprüft wird, ob die Voraussetzungen noch gegeben sind, für sinnvoller. Zumal es gut und gerne sein kann, dass ein Täter auch mit diesem Urteil sein Leben lang im Gefängnis bleibt. Das ist etwas, das im öffentlichen Diskurs gerne einmal in Vergessenheit gerät.

«Der Umgangston zwischen Parteien, Anwälten und Richtern ist eindeutig ruppiger geworden.»

Was empfinden Sie, wenn Sie einem Mördern gegenüber sitzen?
Die Fallbehandlung ist immer gleich. Ganz egal, was dem Beschuldigten vorgeworfen wird. Als Richter muss man jeden Menschen genau gleich behandeln. Aber natürlich berührt es einem schon vor einem Mörder zu sitzen, die Schilderung seiner Tat und seine Lebensgeschichte zu hören. Wichtig ist aber auch, dass das Opfer beziehungsweise seine Angehörigen angehört werden. Es ist nicht leicht, in so einem Fall beiden Seiten gerecht zu werden. Uns wird denn auch oft vorgeworfen, dass wir uns zu sehr mit den Tätern befassen würden. Der Blick aus der Opferseite darf jedoch nie zu kurz kommen.

Einen Ausgleich zu finden für Opfer und Täter ist das eine. Als Richter, konfrontiert mit derart schweren Fällen, muss man aber auch einen Ausgleich für sich selber finden. Wie machen Sie das?
Die Verhandlung muss ich emotionslos leiten. Das ist mein Beruf. Verarbeiten kann ich das Erlebte danach vor allem in Gesprächen mit den Arbeitskollegen. Die haben ja die gleichen Sorgen und Herausforderungen zu meistern. Ich habe es auch immer sehr geschätzt, mich mit ihnen über rechtliche Fragen auszutauschen.

Und wenn Sie abends nachhause gehen, lassen Sie all das so einfach hinter sich?
Früher gelang mir dies ziemlich gut. In den letzten Jahren habe ich jedoch feststellen müssen, dass mich anspruchsvolle Fälle auch schon mal nachts um den Schlaf bringen. Deshalb versuche ich mir kleine Insel zu schaffen. Beispielsweise indem ich Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen. Auch das Reisen ist für mich eine Möglichkeit den Kopf zu verlüften.

Wurden Sie oder ihre Familie je bedroht?
Ja, das gab es, wenn auch nicht sehr häufig. Konkret erinnere ich mich gerade an zwei Vorkommnisse. Einmal wurde ich telefonisch bedroht, ein anderes Mal direkt vor Gericht. Es blieb aber beide Male bei verbalen Ausrastern. Zudem kannte ich die Personen und konnte so die Gefährlichkeit der Drohungen einschätzen.

Nun gehen Sie nach fast 30 Jahren als Kreisgerichtspräsident in Pension. Zeit Bilanz zu ziehen. Wie hat sich ihre Arbeit über all diese Jahre verändert?
Die meisten Veränderungen gehen einher mit den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre. So sind die Leute beispielsweise kritischer eingestellt. Als Richter fordert einem das natürlich noch einmal zusätzlich heraus. Was sich zudem sehr stark verändert hat ist der Umgangston zwischen Parteien, Anwälten und Richtern. Dieser ist eindeutig ruppiger geworden. Die Wortwahl mancher Leute fällt oft deutlich aus dem Rahmen.

Haben sich die Taten und ihre Täter über die Jahre verändert?
Ich selber kann keine Veränderung feststellen. Mord und Vergewaltigung sind keine neuen Phänomene. Es gab und gibt sie immer. Ebenso ist es mit allen anderen Deliktarten. Der Gesetzgeber ist teilweise vielleicht rigider geworden. Etwa bei den Sexualdelikten gab es immer wieder Anpassungen. Dadurch standen und stehen derartige Fälle vermehrt im Fokus. Dank der Enttabuisierung und der vielen Beratungsstellen wurden zwar mehr solcher Fälle zur Anzeige gebracht. Zu sagen, dass sich die Taten oder die Täter verändert haben, wäre aber falsch.

Was geht in Ihnen vor,wenn ein Vergewaltiger die gleiche Strafe erhält wie ein Raser?
Zwei derartige Fälle kann man nicht vergleichen. So funktioniert unser Strafrecht nicht.Ein Verbrechen setzt definitionsgemäss ein Verschulden des Täters voraus. Nun gibt es aber verschiedene Schweregrade, die unterschiedlich harte Sanktionen zur Folge haben. So kann es vorkommen, dass der eine Täter eine kurze Bewährungsstrafe kriegt, während ein anderer für das gleiche Delikt eine viel schwerere Freiheitsstrafe erhält. Dabei spielen auch die persönlichen Verhältnisse des Täters (Lebensumstände,Vorstrafen et cetera) eine Rolle. Für die Öffentlichkeit, die diese Informationen oftmals nicht zur Verfügung hat, mag ein Urteil schnell einmal zu mild sein.

Glauben Sie denn an Gerechtigkeit?
Was ist schon gerecht? An sich haben wir auf der einen Seite das Recht in Form von Gesetzen, das wir anwenden müssen. Dem gegenüber steht die subjektive Wahrnehmung jeder einzelnen Person, sprich das Gerechtigkeitsempfinden. Nicht immer lassen sich diese beiden Dinge gleichsetzen. Ein Beispiel dafür ist im Strafrecht der Rechtsgrundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten). Auch wenn viele Indizien für eine Täterschaft sprechen, kann es sein, dass wir einen Beschuldigten freisprechen müssen. Das mag nicht gerecht sein, aber es ist Recht. Auch im Zivilrecht muss für einen behaupteten Sachverhalt stets der Beweis erbracht werden.

Ist das manchmal frustrierend?
Das habe ich nie so empfunden. Ich bin ausschliesslich dem Gesetz verpflichtet. Natürlich versuchte ich in Zivilfällen, wenn immer möglich, eine gütliche Lösung zwischen den Parteien zu finden.

Hören Sie manchmal auf ihr Bauchgefühl?
Das Bauchgefühl darf in meinen Beruf keine Rolle spielen. Ich bin den Fakten verpflichtet. Ausserdem, was glauben Sie, wie oft mir nicht die Wahrheit erzählt wird. Nach dem Bauchgefühl zu entscheiden wäre in solchen Fällen fatal.

Verfolgen Sie was aus den Parteien wurde, nachdem diese bei Ihnen vor Gericht standen?
Grundsätzlich würde es mich aber manchmal schon interessieren, zu erfahren, was aus den Menschen wurde, vor allem bei Scheidungen. In solchen Fällen muss das Gericht derart viele Prognosen darüber aufstellen, wie das Leben der einzelnen Parteien in den kommenden Jahren aussehen könnte. Da würde es mich durchaus einmal reizen, zu erfahren, ob alles so eingetroffen ist, wie wir dies prognostiziert haben.

Wollten Sie eigentlich schon immer Richter werden?
Als Kind hatte ich bestimmt einen anderen Bubentraum (lacht). Was das war, kann ich Ihnen heute aber beim besten Willen nicht mehr sagen. Mir standen lange viele Wege offen. Auch während meines Jus-Studiums habe ich mich noch nicht festgelegt. So habe ich dann auch noch die Anwaltsprüfung abgelegt. Was mich aber geprägt hat, das war meine erste Stelle nach dem Studium. Diese war an den Bezirksgerichten Alttoggenburg und Wil. Dort erhielt ich einen vertieften Einblick in das Gerichtswesen, was mich faszinierte. Und so kam eines zum anderen.

Und was kommt nun?
Es wird mir bestimmt nicht langweilig (lacht). Ich habe einige Projekte, für die ich auch in Zukunft tätig sein werde.So etwa im Freundeskreis des Kloster Wurmsbach. Vorerst möchte ich jedoch keine weiteren, fixen Verpflichtungen auf mich nehmen. Zunächst geniesse ich jetzt einfach mal mein Leben als Pensionär. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 15:07 Uhr

Zur Person

Hans Keller (63) wuchs in Gäwihl im Toggenburg auf. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau jedoch seit fast 30 Jahren in Jona. Keller studierte Jus an der Universität Zürich. Danach war er als Gerichtsschreiber an den Kreisgerichten Alttoggenburg und Wil tätig. Später wechselte er an die Strafkammer des St.Galler Kantonsgerichts. Seit dem 1. April 1990 amtete er als Präsident des Kreisgericht See-Gaster (ehemals Gaster-See). Per 30.April geht Keller nun in Pension. Sein Nachfolger wird der bisherige Vize-Präsident Martin Kaufmann aus Rieden.

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