Bildung

Praktikumsanbieter werden nicht automatisch überprüft

Um an Fachhochschulen zugelassen zu werden, müssen viele Studierende praktische Erfahrung sammeln. Nicht alle Institutionen überprüfen die Praktika.

Ausgenützt werden Praktikanten vor allem in Kindertagesstätten, wie eine Untersuchung zeigt.

Ausgenützt werden Praktikanten vor allem in Kindertagesstätten, wie eine Untersuchung zeigt. Bild: Keystone

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«Gesucht: Praktikantin / Praktikant Vollzeit. Anstellungsdauer: 1 Jahr. Arbeitsbedingungen: attraktiv.» Die heutige Jugend wird auch «Generation Praktikum» genannt. Feste Stellen nach Abschluss der Ausbildung sind rar, schon von Berufseinsteigern wird Erfahrung verlangt. Diese holen sie sich über befristete und schlecht bezahlte Praktika. Es gibt sogar Branchen, in welchen Interessenten noch vor der Lehre ein Praktikum machen müssen.

Praktikumist Teil der Ausbildung

An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen ist die praktische Ausbildung Teil des Studiums und daher einer strengen Qualitäts­kon­trol­le unterzogen. «Durch die ausbildungsrelevante Auswahl der Institutionen, an denen die Einsätze möglich sind, hat die Fachhochschule eine hohe Verantwortung», sagt FHSG-Prorektorin Birgit Vosseler, die den Bereich Gesundheit leitet. «Praktika gelten für die Berufszulassung, daher haben wir eine enge Zusammenarbeit mit den Betrieben.» Die Notenkriterien würden gemeinschaftlich erarbeitet, die Bewertung besprochen. Aus­ser­dem würden alle Studierenden mindestens einmal am Praktikumsplatz besucht. «Inzwischen sind oft auch die Ausbildnerinnen und Ausbildner selber Absolventen der FHSG und kennen die Anforderungen», sagt Birgit Vosseler.

Die FHSG gibt auch zu den Arbeitsbedingungen Empfehlungen ab, selbst für die Vorpraktika, die geleistet werden müssen, wenn Studierende noch keine ­Berufserfahrung in der Pflege ­haben. An Informationsanlässen vor dem Studium würden die Interes­sentinnen und Interessenten in Betriebe verwiesen, mit denen auch später zusammengearbeitet werde. Denn nicht jedes Praktikum eignet sich zum Einstieg in das Gesundheitswesen: «Ich würde jungen Leuten immer von einem Praktikum in der Palliativ- oder Intensivpflege abraten.» In diesem Alter und ohne Erfahrung seien derartige Einsätze nicht leicht zu verarbeiten.

Nur Betriebe mit Bewilligung werden anerkannt

Auch im Bereich Soziale Arbeit an der FHSG gehören Praktika zum Studium. Die zwei Praxismodule machen zusammen rund 50 der insgesamt nötigen 180 ECTS-Punkte aus. Daher dürfen auch nur von der Fachstelle Praxisausbildung bewilligte Betriebe Studierende ausbilden.

«Dazu müssen einige Qualitätskriterien erfüllt sein. Unter anderem muss der Institution ein Konzept vorgelegt werden, welches bestimmten Standards entspricht», sagt Studiengangsleiter Steve Stiehler. Alle fünf Jahre überarbeiten die Institutionen diese Konzepte und legen sie der Fachstelle vor. Während des Praktikums werden die Studierenden von der FHSG besucht. «Dabei werden das Praxis­modul, das Einhalten der Lernziele sowie der Stellenbeschrieb überprüft», sagt Stiehler. Decken sich die Anforderungen von Betrieb und Schule zu wenig, wird die Koope­ration aufgelöst.

Praktikummuss auch benotet werden

Das Praktikum muss anhand eines von der FHSG vorgegebenen Qualifizierungsrasters benotet werden. Klappt die Zusammenarbeit nicht, sind die Stu­dierenden allerdings nicht der Willkür der Betriebe ausgeliefert: «Sie können dagegen ein Rekursverfahren einleiten.» Steve Stiehler berichtet aber von einer sehr guten Zusammenarbeit und schreibt dies den Prüfungs- und Qualitätskriterien der FHSG zu. «Problematisch sind Prak­tika nur in Ausnahmefällen, welche jedoch nicht bestimmten Branchen zugeteilt werden können.»

Der Praxisbezug der Fachhochschulen hat die Zunahme von Prak­tika stark gefördert. Es ist aller­dings eine Anstellungsform, die vom Arbeitsrecht praktisch nicht reglementiert wird. Zum Teil, wie bei den Studienpraktika für Soziale Arbeit, handelt es sich um Dreiecksverträge zwischen Betrieben, Studierenden und Fachhochschule. «Die Minimalstandards der FHSG müssen eingehalten sein. Wird das Ausbildungssetting nicht gewähr­leistet, schreitet unsere Fachstelle sofort ein», sagt Steve Stiehler.

HSR verlangtein Vorpraktikum

Bei der HSR Rapperswil hingegen gehören Praktika nicht ­direkt zur Ausbildung. Wer aber ohne berufliche Erfahrung dort studieren will, muss ein Vorpraktikum absolvieren. Laut Willi Meissner, Kommunikationsverantwortlicher bei der HSR, werden diese Praktikumsverträge aber nicht überprüft. Auch minimale Standards sind kein Thema: «Massgeblich ist, ob der Betrieb die erwarteten Praktikumsinhalte, die wir pro Studiengang in Richtlinien für die verlangte Arbeitswelterfahrung festhalten, anbieten kann. Die Studieninteressentinnen und -interessenten suchen die Stellen selber, bei Bedarf werden sie unterstützt.»

Für Meissner ist die HSR auch nicht für ein Befeuern des Praktikumswesens verantwortlich: «Das ist unseres Erachtens nicht zutreffend. Es geht um das Erfüllen einer Studienvoraus­setzung, nämlich den gesetzlich verlangten Nachweis der Arbeitswelterfahrung.»

Praktika seien im Kanton immer mit einer Ausbildung verbunden, sagt Rolf Wirth, Kommunikationsleiter des St. Galler Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA) –, und zwar vor oder während dieser. Das Amt hat bisher keinen Anstieg von Praktikumsverträgen festgestellt und kon­trol­liert daher nicht systematisch. Andere Kantone tun dies, allen voran Genf, wo viele internationale Organisationen Praktikanten anstellen.

Antrag auf Mindestlöhne

Doch auch in St. Gallen würden Praktikantinnen und Praktikanten im Rahmen der Betriebskontrollen zur Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz überprüft, und die Tripartite Paritätische Kommission habe ein ­Auge dar­auf, ob die Löhne orts- und branchenübliche sind. Rolf Wirth sagt: «Werden im Rahmen von Lohnkontrollen tiefe ­Löhne festgestellt, erfolgen Einigungsverhandlungen mit dem Arbeitgeber. Klappt das nicht, werden die Löhne der Branche oder Berufs­gruppe überprüft und von der TPK beurteilt. Bei wiederholt missbräuchlicher Lohnunterbietung kann sie der zuständigen Behörde einen Antrag auf Erlass eines Normalarbeitsvertrages (NAV) mit zwingenden Mindestlöhnen stellen.» Das ist allerdings mehr Theorie als Praxis.

Im Kanton St. Gallen gibt es bisher nur zwei NAV: einen für die Hauswirtschaft von 1993 und einen für die Landwirtschaft von 2004. Und auch der Bund hat in den letzten 30 Jahren nur einen einzigen NAV für Hauswirtschaft erlassen. (zsz.ch)

Erstellt: 01.08.2017, 15:38 Uhr

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