Weesen

Eine Liebe hinter verschlossenen Türen

Gabriella Loser Friedli lebte 20 Jahre eine heimliche Beziehung zu einem katholischen Priester, bevor sie ihn heiraten konnte. In ihrem Buch «Oh, Gott! Kreuzweg Zölibat» beschreibt die Präsidentin des Vereins der vom Zölibat betroffenen Frauen ihren langen Leidensweg.

Erlebte nach 20 schwierigen Jahren ein Happy End: Autorin Gabriella Loser Friedli.

Erlebte nach 20 schwierigen Jahren ein Happy End: Autorin Gabriella Loser Friedli. Bild: Jonathan Friedli

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Ursprünglich wollte Gabriella Loser Friedli ihre eigene Geschichte gar nicht niederschreiben. Vielmehr wollte sie all jenen Frauen eine Stimme geben, die einen katholischen Priester lieben und manchmal jahrelang in einer ausweglosen Situation ausharren. Doch dann bat sie die Verlegerin, von ihrem eigenen Weg zu schreiben – und diese Geschichte an den Anfang des Buches zu stellen.Was folgte, war ein schmerzhafter Aufarbeitungsprozess. Gabriella Loser Friedlis Liebesgeschichte spielte sich zwanzig Jahre lang hinter verschlossenen Türen ab. Kaum jemand wusste von ihrer Beziehung zum katholischen Priester und renommierten Religionswissenschafter Richard Friedli. Mit kaum jemandem konnte Gabriella Loser Friedli ihre Sorgen und Ängste teilen. Und kaum jemand wusste, dass sie ein Kind abtrieb, um den Mann, den sie liebte, zu schützen.

«Dornenreicher Weg»

«Es war eine schier ausweglose Situation», sagt die heute 63-Jährige im Gespräch. «Ich wusste, wenn Richard zu mir steht, verliert er alles andere: seinen Status als Priester, seinen Platz in der Gemeinschaft der Dominikaner, seine Missions- und Religionswissenschaftsprofessur an der Universität Freiburg.» Es sei der damals 22-Jährigen nichts anderes übrig geblieben, als zu warten und zu hoffen.

Doch dieser «dornenreiche Weg» hinterliess Spuren. «Wir wurden beide krank.» Sie selber litt viele Jahre an einer Essstörung, ihr heutiger Mann schlitterte in die Alkoholsucht. Die ­beiden trennten sich mehrmals, einmal begann Gabriella Loser Friedli eine Beziehung zu einem anderen Mann. Aus dieser Verbindung ging ein Sohn hervor.

Kaum soziale Kontakte

Besonders stark habe sie in all den Jahren an ihrer Einsamkeit gelitten, sagt Loser Friedli. Sie sei fast permanent in einer Art Warteposition gewesen, habe kaumje gewusst, wann Richard vorbeikommen könne. «Weil unsere Beziehung geheim bleiben musste, habe ich jahrelang auf viele soziale Kontakte verzichtet.» Dadurch habe sie sich mit der Zeit stark isoliert.

Doch der wohl schwierigste Moment sei der Schwangerschaftsabbruch gewesen, sagt Gabriella Loser Friedli. Im Buch beschreibt sie eindrücklich, wie Richard Friedli in Panik geriet, wie er seine Welt zusammenbrechen sah und von seiner Geliebten verlangte, fortzuziehen oder das Kind abzutreiben.

Über diesen Moment zu schreiben, sei extrem schwierig gewesen. «Doch es ist wichtig, darüber zu reden. Meine Geschichte steht stellvertretend für all jene Abtreibungen, die in solch heimlichen Beziehungen zwischen katholischen Priestern und Frauen vorgenommen werden.»

Dass Gabriella Loser Friedli und ihr Mann dieses traumatische Erlebnis verarbeiten und wieder zusammenfinden konnten, scheint schier unglaublich. Inzwischen sind die beiden seit über 22 Jahren verheiratet. Weil die Universität Freiburg Friedli unbedingt als Professor behalten wollte, transferierte sie seinen Lehrstuhl für Religionswissenschaft an die Philosophische Fakultät, an der die Besetzung nicht an die Zölibatsregel gebunden war. Dadurch war die Existenz der beiden gesichert und sie konnten endlich heiraten.

Heute profitieren andere vom Zölibat betroffene Frauen von Gabriella Loser Friedlis Erfahrungen. Als Präsidentin des Vereins «Zöfra» engagiert sie sich für die Aufhebung des Pflichtzölibats: «Jeder Priester soll selbst entscheiden können, ob er zölibatär leben möchte oder nicht.» Inzwischen sind dem Verein insgesamt 716 betroffene Frauen, die in einer geheimen Beziehung mit einem Ordensmann leben, und Priesterkinder bekannt. Einige von ihnen kommen im Buch zu Wort. In den Augen von Richard Friedli, der im Buch ebenfalls kurz zu Wort kommt, implementiere das Pflichtzölibat bei vielen Priestern die «Lüge als Lebensstil». Damit einher gingen verschiedenste Formen von Doppelleben. Dass diese weder für die Ordensmänner noch für die betroffenen Frauen gesund sind, macht das Buch seiner langjährigen Partnerin mehr als deutlich. ()

Erstellt: 31.05.2016, 08:38 Uhr

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