Pfäffikon SZ

Neue Dynamik am oberen Zürichsee

Pfäffikon steht für einen hoch spezialisierten Standort im Bereich Finanzdienstleistungen. Doch der Finanzplatz am oberen Zürichsee, der über 150 Firmen aus der Finanzindustrie beherbergt, zieht nicht mehr nur Hedgefunds an.

Am Finanzplatz Pfäffikon sind ungefähr 5000 Menschen direkt oder indirekt im Finanzdienstleistungsbereich tätig – im Bild der Sitz der liechtensteinischen LGT Group.

Am Finanzplatz Pfäffikon sind ungefähr 5000 Menschen direkt oder indirekt im Finanzdienstleistungsbereich tätig – im Bild der Sitz der liechtensteinischen LGT Group. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hedgefunds und Private-Equity-Firmen sind in den nächsten Jahren die Wachstumsturbos auf dem Finanzplatz Zürich. Davon sind mindestens die Konjunkturforscher von BAK Basel Economics überzeugt. In Pfäffikon – als Teil dieses Finanzplatzes – sitzen die meisten Hedgefunds der Region. Für die kleinste Branche des Finanzsektors, nach Banken und Versicherungen, prognostizierte das BAK in seiner Studie «Finanzplatz Zürich 2014/15» für 2015 Wachstumsraten von 2,4 Prozent und für 2016 gar von 3,5 Prozent. Zum Vergleich: Die Gesamtwirtschaft in der Schweiz ist im vorigen Jahr um 0,9 Prozent gewachsen. Für 2016 werden 1,1 Prozent erwartet.

International attraktiv

Die Aussichten für den Nischenfinanzplatz am oberen Zürichsee haben sich durch den Ende Juni beschlossenen Austritt von Grossbritannien aus der EU nicht wesentlich verändert. Auch wenn London mit dem Brexit wohl ein entscheidender Vorteil verloren geht: Bis jetzt profitierten Grossbanken dort vom freien Markt­zugang zur Europäischen Union. Nun wird dieser Zugang zumindest auf längere Sicht versperrt. Ob sich aus den Problemen Londons für den Finanzplatz Zürich im wahrsten Sinne des Wortes Kapital schlagen lässt, bleibt ­offen. Chancen sieht das BAK vor allem in der Vermögensverwaltung und im Asset Management – der Vermögensverwaltung für professionelle Investoren.

Der vor kurzem bekannt gegebene Zuzug der Interogo Holding AG – zuständig für die weltweiten Immobilien- und Finanzinvestitionen bei Ikea – von Luxemburg nach Pfäffikon ist nicht vor diesem Hintergrund zu sehen, bedeutet aber für den Chef des Amtes für Wirtschaft des Kantons Schwyz, Urs Durrer, einen beachtlichen Ansiedlungserfolg. Die Entscheidung der Firma zugunsten des Standorts Pfäffikon zeige, «dass wir international ­attraktiv sind». Oft seien es aber regulatorische Entscheidungen, die für oder gegen einen Finanzplatz sprächen: «Und auf diese haben wir kaum Einfluss.» Durrer sieht zwei erfreuliche Entwicklungen. Auf der einen Seite habe der Kanton nach der Finanzkrise eine Diversifizierung der Wirtschaft angestrebt. Das sei mit grösseren Ansiedlungen von Firmen aus anderen Branchen gelungen. Zweitens verspüre er nach einer Phase der Konsolidierung wieder mehr Dynamik bei den Finanzdienstleistern in Pfäffikon, «mit ein paar schönen Zuzügen aus dieser Branche». In Pfäffikon gibt es über 150 Firmen aus dem Finanzsektor, davon die meisten im Bereich Hedgefunds (siehe auch Nachgefragt unten).

Bereit für Neuansiedlungen

Die Bezeichnung Hedgefunds hält Durrer aber inzwischen für zu eng: «Es handelt sich vor allem um Firmen aus der Vermögensverwaltung.» Deshalb habe der Kanton seinen jährlich hier stattfindenden Finanzkongress auch in Swiss Asset Management Day umgetauft. Insgesamt geht der Kanton von rund 5000 direkt oder indirekt am Finanzcluster Pfäffikon Beschäftigten aus. Diese erbringen eine Wertschöpfung von mehreren 100 Millionen Franken.

Urs Durrer glaubt nicht, dass der Brexit kurzfristig zu vielen neuen Firmen in der Region führen wird. Es werde eher so sein, dass Londoner Finanzdienstleister ein neues Standbein in einem EU-Land suchten. Als Gewinner dieser Situation sieht Durrer in erster Linie Frankfurt oder Dublin. Das Amt für Wirtschaft verfolge aber zusammen mit der Greater Zurich Area intensiv die Entwicklung in London, «und wir sind bereit für die eine oder andere Ansiedlung», allerdings auf einer mittelfristigen Zeitachse.

Erst Hausaufgaben erledigen

Die Geschäftsführerin der Greater Zurich Area AG, Sonja Wollkopf Walt, will sich noch nicht ­abschliessend zu den Chancen der hiesigen Finanzindustrie im Nachgang zum Brexit äussern: «Die Entwicklungen in Grossbritannien und in Brüssel sind noch zu ungewiss.» Sicher sei: Was die EU und Europa verunsichert, sei auch für die Schweiz und die Metropolitan-Region Greater Zurich Area eher nachteilig. Auf der anderen Seite könne im internationalen Standortwettbewerb eine leichte Verbesserung der eigenen Position im Vergleich zu London resultieren.

Dass die Schweiz und ins­besondere der Wirtschaftsraum Zürich als Standort in Europa für Unternehmen aus dem Ausland attraktiver werde, sei jedoch weiterhin im Wesentlichen von der Entwicklung der Rahmenbedingungen bei uns abhängig. Dazu gehören für Wollkopf Walt vor ­allem die rasche Umsetzung der Unternehmenssteuerreform III und – Brexit-Verhandlungen hin oder her – die Klärung unseres Verhältnisses mit der EU. Grossbritannien ist ohnehin kein strategischer Schwerpunktmarkt der Greater Zurich Area. Deshalb geht die Standortmarketing-Organisation zurzeit auch nicht aktiv auf Unternehmen im Vereinigten Königreich zu. Im Fokus stehen die USA und China und da wiederum innovative Unternehmen von zukunftsträchtigen Industrien, die zum hiesigen Wirtschaftsraum passen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.07.2016, 15:04 Uhr

Nachgefragt

«Verzahnung fehlt hier grösstenteils»

Ihre Firma, die Hedgefunds-Zulieferin Etops AG, hat vor gut fünf Jahren eine Studie veröffentlicht, wonach die Region Zürich der führende Standort in der Schweiz für die Ansiedlung von Asset Management und Hedgefunds ist: Wie hat sich die ­Situation seither verändert?

Michael F. Appenzeller: Ich erachte die Situation als stabil. Sicherlich haben sich gewisse Erwartungen einer exponentiellen Zuwanderung nicht erfüllt. Aber es findet eine laufende Zuwanderung statt, die Standortfaktoren sind intakt, wenn auch nicht verbessert worden aus unserer Sicht.

In der Region Zürich sollen laut der Studie rund 40 Prozent der relevanten Schweizer Investoren für Hedgefunds ansässig sein: Ist dies immer noch so?

Absolut, und die Allokationen sind weiter am Wachsen. Ansässig sind hier auch innovative Unternehmen im Fintech-Bereich, wie zum Beispiel die von uns gegründete Firma Fundbase, welche der führende globale Onlinemarktplatz für Hedgefunds ist. Solche Firmen tragen zum hiesigen Ökosystem bei, was mittelfristig die Standortattraktivität am oberen Zürichsee erhöht.

Was hat der Brexit an dieser ­Ausgangslage verändert?

Die Auswirkungen des Brexit-Entscheids sind momentan noch schwer abzuschätzen. Grossbritannien hat es in der Hand, langfristig durch diesen Entscheid zum Austritt aus der EU Standortvorteile zurückzugewinnen. Ich denke da an unabhängige und pragmatischere Regulierungen, die Beibehaltung oder den Ausbau der Steuervorteile und anderes mehr. Das heisst umgekehrt für den Standort Schweiz und oberer Zürichsee sicherlich, dass man nicht stehen bleiben darf, wenn man weiterhin kompetitiv bleiben will.

Was schätzen Sie aus Sicht Ihrer Firma persönlich am Standort Pfäffikon?

Die Nähe zu Zürich und zu anderen Finanzfirmen, die unkomplizierte Verkehrssituation sowie natürlich langfristig die fiskalischen Vorteile.

Wo sehen Sie noch ­Verbesserungspotenzial?

Am Ende des Tages ist jeder für sich selbst verantwortlich. Jedoch glaube ich schon, dass die Region von einem regeren Austausch gerade mit jungen Firmen profitieren könnte. In anderen Finanzzentren, wie eben London, stehen Behörden, Regulatoren und Private in einem sehr ­regen und engen Dialog, da man sich des raschen Wandels und der Konkurrenz im globalen Markt sehr wohl bewusst ist. Diese Verzahnung fehlt hier grösstenteils.
Thomas Schär

Michael F. Appenzeller, Gründer Etops AG und Fund­base Holding AG, Altendorf. (Bild: zvg)

Hedgefunds

Hedgefunds (oder Hedgefonds) sind nicht-öffentlich vertriebene kollektive Anlageinstrumente für Anleger, die sich häufig an einer absoluten Rendite orientieren und weltweit nach spezifischen und innovativen Kriterien investieren. In der Schweiz gibt es rund 120 Hedgefunds, das ist global gesehen ein Anteil von unter 2 Prozent. Ähnlich wie in der klassischen Vermögensverwaltung gelten für einen Hedgefund etwa 50 Millionen Schweizer Franken an Kundengeldern als Existenzminimum. (zsz)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!