Wolfsrudel

Naturorganisationen kritisieren geplanten Wolfsabschuss

Laut Beobachtern verhalten sich die Wölfe des Calanda-Rudels zunehmend problematisch. Die Gruppe Wolf Schweiz und weitere Organisationen kritisieren, dass zwei Tiere abgeschossen werden sollen.

Der Abschuss von zwei Wölfen soll die verbleibenden Tiere im Calanda-Rudel das Fürchten lehren. Ob dies gelingt, bezweifeln Naturschutzorganisationen – Wölfe im Wildnispark Langenberg in Langnau am Albis.

Der Abschuss von zwei Wölfen soll die verbleibenden Tiere im Calanda-Rudel das Fürchten lehren. Ob dies gelingt, bezweifeln Naturschutzorganisationen – Wölfe im Wildnispark Langenberg in Langnau am Albis. Bild: Archiv zsz

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wölfe aus dem Calanda-Rudel streifen immer wieder durch St. Galler Kantonsgebiet. Zuweilen hinterlassen sie deutliche Spuren: So riss im Oktober der Wolfsnachwuchs oberhalb von Pfäfers ein neugeborenes Kalb.

Mitarbeitern der zuständigen Ämter der Kantone St. Gallen und Graubünden, welche die Wölfe laufend beobachten und deren Verhalten bewerten, ist aber noch etwas anderes aufgefallen: Die Tiere verlieren im teils dicht besiedelten Streifgebiet zunehmend ihre Scheu vor dem Menschen.

«Zuerst waren die Wölfe nur nachts ausserhalb der Siedlungen unterwegs, dann begannen sie, durch die Dörfer zu streifen. Heute sieht man sie dort auch tagsüber», sagt Dominik Thiel, Leiter des St. Galler Amtes für Natur, Jagd und Fischerei. Dass die Tiere die Menschen zwar wahrnähmen, aber nicht mehr auf diese reagierten, sei ein typisches Zeichen für die mangelnde Scheu. «Wenn wir nichts unternehmen, könnte es für den Menschen irgendwann gefährlich werden», sagt Thiel.

Zwei Jungtiere im Visier

Um dieser Entwicklung zu begegnen, haben die Kantone St. Gallen und Graubünden inzwischen eine Bewilligung für den Abschuss von zwei Jungtieren beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) beantragt. Laut Thiel sollen diesen Winter zwei Tiere aus dem diesjährigen Nachwuchs geschossen werden. Der Abschuss soll dann erfolgen, wenn die circa zehn Tiere einen Verband bilden. «Die übrigen Wölfe sollen mitbekommen, dass der Mensch ihnen die Tiere genommen hat. Dann nehmen sie den Menschen wieder als Gefahr wahr», sagt Thiel. Erfahrungen mit Wildschweinen hätten gezeigt, dass so eine gute Wirkung erzielt werden könne.

Die Gruppe Wolf Schweiz lehnt die Abschusspläne der beiden Kantone ab. «Wir sehen das sehr kritisch, der Abschuss sollte das letzte, nicht das erste Mittel sein», sagt David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz. Zuerst müsse man versuchen, die Wölfe mit Gummischrot zu vergrämen. Erst wenn dies nicht den gewünschten Erfolg bringe, komme der Abschuss infrage.

Dass dieser den gewünschten Lerneffekt bringe, bezweifelt er. Den Abschuss schätzt Gerke als die aufwendigere Methode ein – schliesslich müsste laut Gerke das komplette Rudel quasi in flagranti im Siedlungsgebiet angetroffen und dann dezimiert werden. Amtsleiter Thiel zieht die Vergrämung mit Gummischrot ebenfalls in Betracht – allerdings bloss als zusätzliche Massnahme. Laut einem Bericht aus Schweden habe dies nur wenig gebracht. «Die Abschüsse sind nötig», sagt Thiel. Diese seien zudem die einzige Möglichkeit, um für den Wolf langfristig Akzeptanz zu schaffen.

Bisher sind laut Thiel noch keine gefährlichen Situationen für Menschen aufgetreten. In den vergangenen Monaten sei es jedoch immer häufiger zu nahen Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen gekommen. «Einzelne oder mehrere Wölfe drangen bis an Stalltore, Freilaufgehege oder Gebäude vor und liessen sich nur noch widerwillig vertreiben», sagt Thiel.

Angriffsrisiko minimal

Die Gefahr, dass in absehbarer Zeit ein Mensch von einem Wolf angegriffen werden könnte, schätzt David Gerke von Wolf Schweiz als minimal ein. Gemäss Erfahrungen im Ausland sei bei Angriffen auf Menschen die Hauptursache die – in der Schweiz ausgerottete – Tollwut. In zweiter Linie spiele die Verfügbarkeit von Nahrung im Siedlungsgebiet eine Rolle. «Es ist wichtig, dass der Wolf den Menschen nicht mit Futter in Verbindung bringt», sagt Gerke. Dazu könne die Bevölkerung im Streifgebiet der Calanda-Wölfe Wesentliches beitragen – etwa dadurch, dass sie kein Hundefutter draussen stehen lässt.

Seit kurzem möglich

Auch WWF und Pro Natura kritisieren in einer gemeinsamen Stellungnahme den beantragten Abschuss – die Gefahr sei minimal, der Lerneffekt nach dem Abschuss nicht bewiesen. Falls aber das Bafu das Gesuch bewillige, müssten die Abschüsse wissenschaftlich begleitet und die Auswirkungen genau dokumentiert werden. «Denn reine Psychohygienemassnahmen bringen uns beim Umgang mit den natürlich zurückkehrenden Wölfen nicht weiter», heisst es in der Mitteilung.

Die Abschusslösung im Falle von wenig scheuen Wölfen ist seit kurzem, nach der Revision der eidgenössischen Jagdverordnung, grundsätzlich möglich. Voraussetzung ist, dass es Nachwuchs aus dem laufenden Jahr gibt.

Das Calanda-Rudel besteht aus nur gerade zwei Elterntieren. Mit ihnen leben vier junge Wölfe, die dieses Jahr zur Welt kamen. Ausserdem gibt es laut Thiel circa vier Jungtiere aus einem letzt- oder vorletztjährigen Wurf. Diese ziehen meist unabhängig umher, im Winter duldet es gemäss Thiel das Elternpaar, dass sie sich dazugesellen.

Erstellt: 30.11.2015, 16:33 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.